Singapur von oben
Foto: Theodoros Tsachpinis

Studium in Singapur

Wo Kaugummi zur Justizsache und das Studium zur Nachtwache wird – ein Erfahrungsbericht.

»Du willst also nach China?« Diesen Satz habe ich mehr als einmal gehört, als ich von meinem geplanten Auslandsstudium in Singapur erzählte. Nein! Singapur liegt nicht in China, sondern der Stadtstaat mit fünf Millionen Einwohnern liegt in Südostasien, eingeklemmt zwischen Malaysia und Indonesien. Da ich vorher noch nie in Asien gewesen war, war für mich ein Auslandssemester in der stark von westlicher Kultur beeinflussten Stadt ein guter Einstieg. Am Flughafen angekommen, wurde ich zuerst von dem Klima überwältigt: 30 °C bei bis zu 95 Prozent Luftfeuchtigkeit! Wow.

Bei der Zimmerbuchung in einem günstigen Hotel half mir die freundliche Informationsdame am Flughafen – und dann stand Stadtbesichtigung auf dem Programm, schließlich waren es noch ein paar Tage bis zum Uni-Start. Mit dem gut ausgebauten und günstigen Nahverkehrsnetz erreicht man schnell jeden Punkt der auf einer Insel gelegenen Stadt, und die kann sich echt sehen lassen! Dort, wo es vor 200 Jahren nur Dschungel und Seeräuberverstecke gab, steht heute eines der modernsten Finanz- und Forschungszentren der Welt mit einer beeindruckenden Skyline.


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Sauber und sicher – das ist der Ruf Singapurs, zumindest in der Innenstadt

Luftverschmutzung gibt es kaum, das Leitungswasser kann man ohne Bedenken trinken. Die Lebensqualität ist vergleichbar mit der in Deutschland, Slums sind nicht zu sehen. Natürlich – es gibt auch Arme, aber verglichen mit den anderen Ländern in Südostasien, die ich bereist habe, geht es den Menschen in Singapur echt gut. Dass die Stadt so sicher ist, liegt wahrscheinlich auch an den strengen Gesetzen. Theoretisch muss man für weggeworfenen Müll, auch wenn es nur eine Zigarettenkippe oder ein Kaugummi ist, 400 Euro Strafe zahlen. Ich habe allerdings während meines gesamten Aufenthalts nicht erlebt, dass jemand zahlen musste und falls doch, betraf das nur die Einheimischen und nicht die Touristen. Die Todesstrafe, welche auf Drogenbesitz – nur Alkohol und Tabak sind erlaubt – steht, tut ihr Übriges zur Abschreckung. Meine Wohnungsguche (ich hatte zwar von Deutschland aus versucht, ein Wohnheimzimmer zu mieten, aber ohne Erfolg) gestaltete sich schwieriger als gedacht – die Mietpreise haben mich erst mal umgehauen, außerdem scheinen die Leute im Schmelztiegel Singapur, wo Menschen mit hauptsächlich südchinesischer, indischer und malaiischer Herkunft leben, lieber unter ihresgleichen zu bleiben. In beinahe jeder WG-Anzeige stand »Nur für Chinesen«, »Nur für Philipinos« und so weiter. Auch mein Versuch, mich übers Internet mit anderen Austauschstudierenden zu WG-Zwecken zu verbünden, war gescheitert – die Vermieter misstrauen anscheinend Auslandsstudierenden, die nach sechs Monaten wieder verschwinden.

Die NUS (National University of Singapore)

Kontakt zu einigen anderen Austauschstudierenden hatte ich übrigens schnell geknüpft – entspricht dem Bild eines modernen und fortschrittlichen Landes. Sie gilt als eine der besten in ganz Asien, und das merkt man auch: Eine sehr große Campus-Uni außerhalb der Stadt mit kostenlosen Shuttlebussen innerhalb des Geländes. Gut so, denn bei dem heißen Klima will niemand zu Fuß gehen! Die Mitarbeiter sind freundlich und hilfsbereit, der Campus verfügt über ein eigenes Sportzentrum mit Schwimmbecken, das jeder Student kostenlos nutzen kann, was man bei 3.000 Euro Studiengebühren pro Semester für Wirtschaftsingenieure auch erwarten darf. Im Servicecenter der Uni habe ich mich dann nach einem Platz in einem Wohnheim erkundigt, und siehe da: Es hat geklappt! Allerdings – teuer war die Miete auch hier. Das außerhalb des Campus gelegene Wohnheim bestand aus Vierer-WGs mit jeweils nur zwei Schlafzimmern, Kostenpunkt 300 Euro pro Nase und Monat, zu zahlen für das gesamte Semester im Voraus. Die Uni will anscheinend ihren Austauschstudierenden den Kulturschock ersparen und trennt sie von den Einheimischen, sodass ich mir meine kleine WG mit einem Deutschen, einem Niederländer und einem Amerikaner teilte. Im Nachhinein war ich froh, dass meine Wohnung nicht auf dem Campusgelände, sondern etwas abseits der Uni lag. Denn die Verwaltung hat recht konservative Ansichten: In den Wohnheimen werden Männer und Frauen getrennt und bei Alkoholkonsum innerhalb der Wohnung wird mit fristloser Kündigung gedroht. Doch in den abseits gelegenen Wohnheimen drückt das allgegenwärtige Sicherheitspersonal schon mal ein Auge zu. Generell scheinen die Singapurer recht prüde zu sein: Viele Eltern erlauben ihren Kindern erst ab 21 Jahren, einen Freund oder eine Freundin zu haben, und das spiegelt sich in deren Mentalität wider.

Ausgehen in Singapurs Partymeile

Auch studentenpartymäßig war an der Uni tote Hose. Aus Aachen bin ich es gewohnt, dass jedes Wohnheim eine eigene Bar hat und jeden Monat irgendeine Fakultät irgendwo eine Party feiert. Daran ist in Singapur natürlich nicht zu denken, die offizielle Semesteranfangsparty war schon um kurz vor zwölf zu Ende. Dafür gibt es an der Uni Lernräume, die 24 Stunden am Tag geöffnet haben, was von den einheimischen Studenten auch ausgenutzt wird. Auf Partys muss man aber zum Glück nicht verzichten, denn in der großen Ausgehmeile namens ›Clarke Quay‹ findet man alles, was das Partyherz begehrt. In den dortigen unzähligen Bars und Discos können sich – meist westeuropäische und nordamerikanische – Ausgehwillige zu deutschlandähnlichen Preisen amüsieren. Wer auch mal Einheimischen begegnen will, begibt sich am besten in eine der Discos außerhalb des Stadtzentrums, zum Beispiel ins ›Zouk‹ oder in die ›St. James Power Station‹, wo sich die meist einheimischen Jugendlichen, welche in der Regel nur wenig Alkohol vertragen, die Kante geben.

Sprachlich gab es kaum Probleme, die Amtssprache der ehemals britischen Kolonie ist Englisch. Auf der Straße wird allerdings ein Kauderwelsch namens ›Singlisch‹ gesprochen, eine eigenartige Mischung aus Chinesisch und Englisch, vermischt mit einigen malaiischen Ausdrücken. Wer sich die Mühe macht und diesen Dialekt lernt, hat bei den Einheimischen schnell einen Stein im Brett. Und: Wem Singapur zu westlich ist und wer dort alles gesehen hat, kann ohne Probleme gut die restlichen Länder Südostasiens bereisen …


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