Als Ranger in Neuseeland

Lukas war in Vorbereitung auf ein Geologiestudium Ranger in Neuseeland. Neben dem vielen Regen fielen vor allem leicht bekleidete Engländerinnen negativ auf.

›Ein Ring sie zu knechten, sie alle zu finden ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden.‹ Das steht auf dem einen Ring geschrieben, den Sauron in Mordor geschmiedet hatte. Ausgerechnet an diesem, allen ›Herr der Ringe‹-Fans bekannten Ort bewarb ich mich für den Posten des Park Rangers im Tongario-Nationalpark in Neuseeland. Nicht nur eine gewisse Naturverbundenheit motivierte mich dazu, einen solchen Beruf auszuüben, sondern auch mein Wunsch, nach meiner Reise Umwelt und Geowissenschaften in Trier zu studieren. Da dieser Nationalpark recht viel vulkanische Aktivität aufweist, hielt ich den Job für einen guten Praxisbezug für mein potenzielles Studium. Nach einer halbherzigen Bewerbung für die Ranger-Tätigkeit bekam ich allerdings prompt eine Absage. Da kurzfristig ein Teilnehmer absprang, konnte ich dann aber doch noch nach Neuseeland.


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Nach fünfwöchiger Rundreise auf der Nordinsel Neuseelands, traf ich in der Kleinstadt Turangi ein.

Dort gab es für die Ranger ein eigens erbautes Haus, in dem wir nach unserer fünftätigen Schicht zwei Tage entspannen konnten. Montags begann ich mit drei weiteren Kollegen ein einwöchiges Training. Zunächst schulte man uns zwei Tage in der Theorie über den Park und über die Maori-Kultur, wie man mit Wanderern umzugehen hat, Funksprüche richtig abgibt, die Wetterstation betreut, dem Helikopter ein sicheres Landen am Berg ermöglicht und das wohl heikelste Thema, wie man mit vermissten und verletzten Wanderern umgeht. Schnell dämmerte mir, dass diese Arbeit mit viel mehr Verantwortung verbunden ist als zunächst gedacht. Am dritten bis fünften Tag unseres Trainings machten wir uns zu den vier Hütten im Park auf.

Nach erfolgreichem Absolvieren des Trainings begann meine erste Schicht. Mit vollgeladenem Gepäck (Verpflegung für die fünf Tage muss jeder selbst hochschleppen) fing es bereits nach zehn Minuten an wie aus Eimern zu regnen. Schnell stöpselte ich mir meine Kopfhörer in die Ohren, um wenigstens nicht ganz in Missmut zu verfallen. Das Wetter schien davon unbeeindruckt und wurde mit jedem erwanderten Höhenmeter immer schlechter bis sich meine Sicht auf fünf Meter reduzierte und sämtliche Kleidung nass war.

Als ich im Dunkeln die Hütte erreichte, wechselte ich schnell meine Kleidung und machte mich mit meinem neuen Zuhause vertraut: eine Matratze mit zwei Decken (dennoch war Schlafsack ein Muss), die zwei kleinen Gaskocher, einem Tisch, Funkgerät und ein paar Büchern. Müde von der Wanderung ging ich rasch schlafen. Morgens um acht Uhr musste ich das Wetter durchgeben, die Hütte reinigen und die Opossum-Fallen überprüfen. Mit Äpfeln und Zimt versuchte ich Tag für Tag mein Glück und obwohl die Opossums keinen guten Ruf in Neuseeland und mir schon bei meinem Camping in Neuseeland sämtliches Essen angeknabbert haben, war ich froh darüber, kein einziges gefangen zu haben.

Am zweiten Tag hatte ich auch meine ersten ›Gäste‹ in der Hütte, die dort übernachten wollten.

Froh über ein bisschen Gesellschaft erledigte ich meinen ›Hut Talk‹, ein rund zehnminütiges Gespräch mit den Wanderern, in dem ich mich vorstellte, die Wetteraussichten über den nächsten Tag preisgab und erklärte, wie sie die Hütte bitte zu verlassen haben, nämlich sauber. Leider stellte sich heraus, dass es einige Wanderer gibt, die es damit nicht allzu genau nehmen und mich dazu verdammten, immer wieder mal die Hütte grundreinigen zu müssen. Die unterschiedlichsten Menschen von fast allen Teilen der Welt hatte ich in den sieben Wochen in einer der Hütten und ich genoss es, Erfahrungen auszutauschen und viele spannende Geschichten aus allen Ecken der Welt zu hören. Wenn gegen zehn Uhr morgens die Arbeiten an der Hütte erledigt waren, zog es mich selbst hinaus, um durch die verschiedensten Ecke des Nationalparks zu streifen. Auf den Spuren von Frodo und Gollum erklomm ich Ngauruhoe (jener Vulkan, den man in Herr der Ringe bestaunen kann). Nach jedem Meter rutschte ich auf dem Geröll einen halben zurück und immer wieder musste ich aufpassen, dass meine Füße nicht wegrutschten.

Immer wieder begegneten mir viele Wanderer, die, um es milde zu formulieren, den Gegebenheiten nicht passend gekleidet waren. Gerade der 17 Kilometer lange ›Daywalk‹ wurde von vielen Wanderern unterschätzt. Im Sommer ziehen ganze Herrscharren von Wanderern durch diese Strecke und nicht selten sah ich junge Mädels, meist Engländerinnen, leicht bekleidet in Flip Flops und Mini Rock. Auf Anraten von mir, doch wenigstens festes Schuhwerk zu tragen, warf man mir meist ein knappes Lächeln zu, ignorierte die Warnung aber.

Da auch Search & Rescue zu meinen Aufgaben zählte, hegte ich doch auch ein persönliches Interesse an dem Wohlbefinden der Wanderer, obwohl ich im Ernstfalle wohl lieber leicht bekleidete Engländerinnen gerettet hätte …

Meine letzte Woche auf dem Berg sollte sich letztlich aber als prägendstes Erlebnis herausstellen.

Schlechtes Wetter wurde mir bereits prophezeit, dass ich aber vier Tage in meiner kleinen Hütte von den äußerst widrigen Wetterbedingungen festgehalten wurde, ahnte ich nicht. Der Winter schien nun auch Tongario erreicht zu haben und so wurde meine acht Quadratmeter große Hütte zu einem Gefängnis, das ich vier Tage nicht verlassen konnte. Was macht man also, wenn sämtliche Bücher gelesen, Liegestütze so oft gemacht wurden bis die Arme abfallen, Rätsel für spätere Rangers geschrieben, Oden an den Schnee gedichtet, die Disziplin ›Aus dem Fenster starren‹ perfektioniert wurde? Man schläft. Mancher mag sich denken, welch wunderbarer Zeitvertreib und man könnte annehmen, die vier Tage seien in Windeseile um, doch man irrt. Den Schlaf, den ich tagsüber hatte, ließ mich nachts kein Auge zu machen.

Immer wieder dachte ich an einen Satz von Gandalf: »Jede Minute glich einem Lebensalter auf Erden.« Am dritten Tag, kurz bevor ich mich nun endgültig den Selbstgesprächen hingeben wollte, meinte ich doch tatsächlich gehört zu haben, wie jemand in die Hütte für die Wanderer eingetreten ist. Nicht zu viele Hoffnungen machend spähte ich in das Fenster und tatsächlich, ein gut zwei Meter großer Hüne stand bibbernd und nass in der Hütte. Sein sehr gebrochenes Englisch machte eine Kommunikation recht schwierig.

Leider musste ich ihm am anderen Tag mitteilen, dass ich es ihm nicht erlauben könne, seinen Wanderplan in die Tat umzusetzen. Nicht sonderlich glücklich darüber sah ich ihn von nun an immer nur noch in der Hütte auf und ab gehen und mich ergriff langsam aber sicher eine gewisse Paranoia, ein Mann von dieser Gestalt könnte mich doch mit Leichtigkeit zum Schweigen bringen … Ich erklärte ihm, dass ich morgen die Hütte, wenn möglich, verlassen werde und ihn mit nach Turangi nehmen könnte. Er nahm dieses Angebot an und als sich am anderen Tag das Wetter etwas gebessert hatte, verließ ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge den Tongario-Nationalpark.


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