Anna goes East

Geografisch nah, Mental weit weg: Ein Studienjahr in 
Tschechien zwischen Sonnenuntergang und Schneesturm

Ich: Masterstudentin an der Uni Passau, unter anderem auf Ost- und Ostmitteleuropa spezialisiert.  Deshalb wollte ich unbedingt in ein Land im Osten  - weil ich gerade begonnen hatte, Tschechisch zu lernen, entschied ich mich für ein geografisch nahes, jedoch mental vielen fremdes Land: Tschechien. 

Auf der Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten stieß ich via Internet bei der Bayerisch-Tschechischen Hochschulagentur (BTHA) auf ein Stipendium für mehrwöchige Intensivsprachkurse in Tschechien. Ein guter Anfang, dachte ich und bewarb mich für drei Wochen České Budějovice (auf Deutsch Budweis). Außerdem las ich auf der BTHA-Seite von einem einjährigen Studienstipendium des tschechischen Bildungsministeriums für eine tschechische Hochschule meiner Wahl. Sofort war mir klar, dass das mein Jackpot wäre. Da ich Wirtschaftswissenschaften studiere, stand fest, dass ich an die renommierteste Wirtschaftsuniversität des Landes wollte – die VŠE in Prag. Und was soll ich sagen – ich knackte den Jackpot!

Erster Halt: České Budějovice! »Wir freuen uns Ihnen mitteilen zu dürfen, dass Sie für den Sprachkurs in České Budějovice angenommen wurden«, stand in der E-Mail von der Südböhmischen Universität. Ein paar Monate später kam ich dort an: Modern und historisch, 93.000 Einwohner groß und für sein Bier weltberühmt. Mit einer internationalen Studentengruppe durfte ich drei Wochen lang intensiv in die tschechische Sprache und Kultur eintauchen. Unsere Lehrerin gestaltete den Kurs sehr abwechslungsreich und so bewegten wir uns thematisch von der tschechischen Kunstszene über nationale Besonderheiten bis hin zu Politik und Bildungssystem. Da viel Wert auf Kommunikation gelegt wurde, machte mein Tschechisch in dieser Zeit einen überraschend großen Sprung.

Verwöhnt von hochsommerlichem Wetter, genossen wir abends das meist kostenlose kulturelle Programm wie das Open Air-Kino oder die Konzerte regionaler Bands. Veranstaltungsort waren die Flussinseln mit Blick auf die sanft beleuchtete Altstadt - ein Hauch von Sommernachtstraum! Und auch rund um České Budějovice gab es viel zu entdecken: Das UNESCO-Dorf Holašovice, das im für diese Region einzigartigen Bauernbarock errichtet wurde. Sitzt man auf dem Dorfplatz, drängt sich einem unweigerlich das Gefühl auf, in einem der zahlreichen tschechischen Märchenfilme gelandet zu sein.Tatsächlich diente die Gegend häufig als Kulisse. Auch das in Deutschland weniger, in Tschechien dafür umso mehr bekannte Třeboň stand auf meinem Erkundungsplan: Dort schwimmt des Tschechen traditionelles Weihnachtsmahl, der Karpfen, in den Teichanlagen rund um das malerische Städtchen. 

Nächster Halt: Prag! Die Wirtschaftsuni Prag mit ihrem 19.400 Studenten sollte nach drei superschnell vergangenen Wochen für die nächsten zwei Semester meine Alma Mater sein. Vom ersten Tag an fühlte ich mich sehr wohl. Dies lag vor allem an dem engagierten Lehrpersonal, dem breitgefächerten Kursangebot und dem grandiosen Ausblick aus den Unifenstern, der über die ganze Altstadt bis zur Prager Burg reicht. Ich erinnere mich gerne daran, dass wir in der Statistikvorlesung eine fünfminütige Pause einlegten, um den Sonnenuntergang hinter dem Veitsdom gebührend zu würdigen. Aufgrund der Möglichkeit, ostmitteleuropaspezifische Wirtschaftskurse – zum Beispiel zur aufstrebenden Prager Start-up-Szene – zu absolvieren, konnte ich mich Tschechien von einer neuen Perspektive nähern. »Prag lässt nicht los. (...) Dieses Mütterchen hat Krallen«, schrieb Franz Kafka im Jahr 1902 in einem Brief an Oskar Pollak. Und Prag schafft es auch heute noch zu faszinieren. Sieben Millionen Touristen besuchten die 1,3-Millionen-Einwohner-Stadt 2016, wobei diese sich meist auf die Top-Sehenswürdigkeiten, wie Karlsbrücke, Prager Burg und Wenzelsplatz beschränken.

Mich hat Prag allerdings abseits der Touristenpfade in seinen Bann gezogen – durch seine elegante Lässigkeit, die reiche Alternativszene, die zauberhaften Cafés, durch ungewöhnliches Design und verblüffende Kunstveranstaltungen. Und jenseits der Stadtgrenzen? Gibt es ebenfalls tolle Möglichkeiten: So bestieg ich beispielsweise an einem verschneiten Tag den Ještěd, einen 1.020 Meter hohen Berg in der Nähe von Liberec. Auf dem Berggipfel befindet sich ein vom tschechischen Architekten Karel Hubáček erbautes Gebäude, das einem UFO ähnelt und den Oskar der Architektur, den Perett Preis, gewann - bei schönem Wetter inklusive traumhaftem Ausblick auf das Isergebirge . 


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