Foto: Kristaps Grundstein/Unsplash

Auslandsaufenthalt in Finnland

Saunende Menschen & frostiger Schnee – das assoziiert man gern mit Finnland. Grund genug für David, mit diesen Vorurteilen aufzuräumen. Oder doch nicht? Er trat erst mal die Reise in den hohen Norden an.

»Finnland? Was gibt`s denn da außer Kälte, Schnee und Einsamkeit?« So oder ähnlich fragten sie alle – Eltern, Verwandte und Freunde –, als ich ihnen von meinem geplanten Auslandssemester erzählte. Aber Vorurteile sind ja zum Widerlegen da, und also hatte ich als Standort das ca. 200.000 Einwohner zählende Tampere im Südwesten Finnlands gewählt, um die Mission anzutreten. Die notwendigen Antragsformalitäten waren schnell erledigt, nach wenigen Monaten erhielt ich die Zusage für Tampere-Semester in Tampere – sogar mit einem kleinen monatlichen Stipendium.

Es folgten Telefonate mit dem Studentenwerk Tampere zur Zimmervermittlung und die Anmeldung für ein Tutorenprogramm, das auf der Uni-Homepage beworben wurde; übrigens eine echte Empfehlung für alle Neuankömmlinge – finnische Studenten organisieren den Transport vom Flughafen zur Wohnung und stehen einem während der gesamten Zeit zur Seite.


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Das war schon bei der Ankunft so: Am Flughafen erwartete mich meine Tutorin und brachte mich zum Studentenwohnheim, das so hübsch oder hässlich wie jedes deutsche Studentenwohnheim war und etwas außerhalb des Stadtkerns lag. Tampere selbst ist umgeben von endlosen Waldflächen und unzähligen Seen. Gerade mal fünf Minuten Fußweg von meinem Wohnheim befand sich auch direkt die Universität von Tampere – leider nur die falsche, die Stadt verfügt nämlich über zwei Unis mit insgesamt 20.000 Studenten. Für mich als Geisteswissenschaftler war die University of Tampere (UTA) mein Anlaufpunkt – das waren täglich 30 Minuten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Busfahren in Finnland funktioniert brigens so: Sich an den Stop stellen und, sobald der Bus in Sicht ist, wie verrückt mit dem rechten Arm und der Fahrkarte in der Hand winken. So viel Engagement wird vom Fahrer belohnt – er hält an. Die Monatskarten haben zudem reflektierende Rückseiten, so dass man auch beim nächtlichen Warten wahrgenommen wird. Clever!

Ein Paradies für Auslandsstudenten

Die UTA ist ein moderner Bau, voll mit hilfsbereiten Menschen, die alle fließend Englisch sprechen. Ein Paradies für Austauschstudenten – schade nur, wenn man eigentlich sein Finnisch verbessern will. Dies gilt auch für persönliche Beziehungen: Sobald ein Finne merkt, dass er es mit einem Ausländer zu tun hat, wird er aus Hilfsbereitschaft sehr gerne sein perfektes Englisch unter Beweis stellen – eine Kommunikation in seiner Muttersprache kommt nur schwer zustande. Auch an der Uni finden fast alle Kurse für Austauschstudenten auf Englisch statt. Das Verhältnis zwischen Studenten und Lehrenden ist übrigens wesentlich persönlicher und entspannter als in Deutschland: Stets offene Bürotüren und unbürokratische Sprechstunden gehören zum Standard, selbst beim Rektor!

Generell sind die Finnen ein sehr warmherziges Völkchen

Auslandsstudium in FinlandZwar wirken sie zunächst eher verschlossen, wenn man aber ehrliches Interesse zeigt, findet man schnell Gefährten. Natürlich war ich aber eher mit anderen Erasmus-Studenten zusammen: Die so gemachten Beziehungen wurden auf den von der Studentenunion Tampere organisierten Ausflügen vertieft – beispielsweise nach Lappland oder St. Petersburg. Zudem gab es endlos viele Anlässe zum gemeinsamen Feiern. Besonders legendär sind die so genannten ‘Pommi’-Partys.

In alten stillgelegten Bombenschutzbunkern kann man sich zu angenehmen Beats die Seele aus dem Leib tanzen und den einen oder anderen Drink genehmigen. Aber Vorsicht, viele finnische Studis übertreiben es gerne und liegen nach kurzer Zeit schlafend auf dem Boden… Allgemein erkennt man die einheimischen Studenten auf solchen Partys an ihren knallbunten Ganzkörperoveralls. Diese signalisieren die Uni-Zugehörigkeit und sind meist übersät mit farbigen Aufnähern. Jeder davon ist die Trophäe einer durchgefeierten Nacht und so ist bei den wahren Partygängern vom eigentlichen Kleidungsstück nicht mehr viel zu sehen. Ausgehen an sich ist in Finnland kein ganz billiges Vergnügen, aber lohnenswert! Ein Bier in einer Bar kostet ca. fünf Euro, im Supermarkt ist es billiger. Wer Wein und stärkeren Alkohol haben will, muss sich aber in die legendären ‘Alko’-Läden begeben, volljährig sein und hohe Preise zahlen. Der Rest des Lebens? Finanzierbar! Wenn dann schließlich am Abend Universität und Einkäufe erledigt sind, sollte man unbedingt eine weitere Besonderheit des Landes nutzen – die Sauna in jedem Haus. Wer ein witziges Stück authentischer finnischer Kultur erleben will, der gönnt sich zum Schluss der Schwitzprozedur ein Bier und eine Grillwurst – und zwar direkt in der Sauna. Weitere Spezialitäten des Landes sind übrigens Lachseintopf, Brotkäse mit Moltebeeren und Lakritzeis.

All diese Dinge habe ich kennen und lieben gelernt. Meine Entscheidung für Finnland habe ich nie bereut, es bleiben nur positive Erinnerungen und neue Freundschaften auf der ganzen Welt. In diesem Sinne – ein finnischer Abschiedsgruß: »hei hei!«

Text & Fotos: David Noack

Erfahrungsbericht aus dem Jahr 2007


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