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Auslandsaufenthalt in Neapel - zwischen Vesuv, Pizza und Mafia

Neapel sehen und in liebenswürdigem Chaos versinken. Eine Stadt zwischen Genie und Wahnsinn, Lebensfreude und Kriminalität. Leserbericht über einen Sprachkurs in Neapel, einem darauf folgenden Studienaufenthalt und dann ... Neapel für immer?

Recherche und Entscheidung

Es begab sich so, dass ich nach dem zweiten Semester meines Romanistikstudiums einen Sprachkurs in Italien machen wollte. Ich recherchierte und fand schnell heraus, dass es die meisten Sprachschulen in der Toskana gab. Da ich grundsätzlich für Reisen eher ausgefallene Orte wähle, fand ich aber schließlich eine Sprachschule in Neapel, in einer Stadt, die man, wenn man sonst nichts darüber weiß, wohl auf Anhieb mit Mafia beziehungsweise Camorra, Pizza und Müll verbindet, vielleicht noch mit Capri oder dem Vesuv.

Letztlich ist es dann auch genau das, nur eben noch sehr viel mehr…


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Erster Eindruck: Chaos, Chaos, Chaos!

Ich habe also einen Sprachkurs gebucht und flog sehr neugierig eines Frühlings dorthin. Die ersten paar Stunden warfen mich in all das kopfüber hinein, was ich später im Detail kennenlernen sollte: Chaos, Chaos, Chaos, eine sehr eigene Mentalität, eine in jeder Hinsicht unglaubliche Atmosphäre und ein unbeschreibliches Lebensgefühl. Ich war abends, nach einer chaotischen Fahrt mit diversen Bussen zu meiner Unterkunft, nach Kennenlernen meiner Gastgeberin, die ein sehr spartanisch eingerichtetes Zimmerchen mit den üblichen hohen Stuckdecken und dem Steinfußboden in einer zum Glück ruhigen Wohngegend vermietete, und nach einem ersten Erkunden der unmittelbaren Umgebung so erschöpft, dass ich trotz zahlreicher Geräusche (in Neapel ist es nie still, vielleicht höchstens vor einem hoffentlich nie passierenden Vesuvausbruch) sofort einschlief. In den darauf folgenden Tagen und Wochen gab es nicht eine Stunde, in der ich nicht gestaunt hätte – über den unverständlichen Dialekt, die Gestik und Mimik, über Straßenhändler, über den Geschmack der besten Pizza der Welt, über Wärme und Freundlichkeit auf der einen, nahezu unerschöpflich scheinende kriminelle Energie und Unverfrorenheit auf der anderen Seite, über den Geruch von frisch gebrühtem Espresso, der nie so heißt, sondern einfach ›Caffè‹, über die Schönheit vieler Menschen und das beachtliche Selbstbewusstsein aller Neapoletaner, über intensive Gerüche und Geräusche allerorten, über eines der schönsten Panoramen der Welt, den Golf von Neapel, über das Meer und einen Himmel, der der Erde ganz nah zu sein scheint.

Vertrauen auf Gott und das Schicksal

Für mich war jeder Tag eine Herausforderung und vorher selten abzusehen, was er bringen würde. In Neapel ist auf wenig Verlass, und die Menschen vertrauen deshalb auf Gott oder das, was sie als Schicksal betrachten. Dieses Schicksal versuchen sie zu enträtseln, indem sie ›Zeichen‹ in ihrer Umwelt identifizieren und deuten. Das mag sehr seltsam klingen, ist aber in Neapel Teil des Alltags und findet ›praktische Anwendung‹ insbesondere im allseits beliebten Lottospiel. So kann beispielsweise eine Wassermelone, die einem morgens über den Weg rollt (unwahrscheinlich, aber mir ist es passiert wie auch viele andere unwahrscheinliche Dinge), als die Zahl 44 gelesen werden und die spielt man dann im Lotto. Aberglaube ist, wie auch ein starker Katholizismus, überall spürbar oder auch sichtbar.

In Neapel geschieht viel ohne dass man es als Neuling oder Tourist überhaupt wahrnehmen würde oder könnte. Das liegt nicht nur an dem recht schwer verständlichen Lokaldialekt, der aber in Italien wohl einen ähnlichen Beliebtheitsgrad besitzt wie Bayerisch in Deutschland. Nein, es liegt an der Mentalität, die man auch mit viel Mühe und Einfühlungsvermögen und selbst dann, wenn man Neapoletaner kennenlernt, was trotz deren bisweilen entwaffnender Offenheit und Gastfreundlichkeit selten vorkommt, nicht wirklich verstehen kann.

Nach dem Sprachkurs folgt ein Studienaufenthalt

In Neapel zu sein ist ein wenig wie in eine andere Welt entrückt zu werden, aus der zurückkehrend man nie mehr der- oder dieselbe Person ist. Ich flog nach Deutschland zurück, wollte aber unbedingt wieder nach Neapel – und schließlich gelang es mir, einen Studienaufenthalt dort zu organisieren.

Ich hatte schon während meines ersten ersten Aufenthalts viele Leute kennengelernt, aber es waren auf der Sprachschule natürlich hauptsächlich andere Ausländer aus der ganzen Welt, die nicht mehr da waren als ich wiederkam. Studieren, so hatte ich schon zuvor geahnt, war in Neapel im Grunde nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. In einer Stadt, in der man sich entweder im Auto fortbewegt, das stundenlang im Stadtverkehrschaos steckt, oder aber in halsbrecherischer Fahrt mit einem Neapoletaner schreckgeschüttelt und atemlos an den Zielort gelangt oder aber sich zu einer Bushaltestelle begibt und dort einfach mal auf irgendeinen Bus wartet, in den man sich dann zu Stoßzeiten hinein quetscht, zum Fahrscheinentwerter vorkämpft, der natürlich defekt ist, sodann zum Fahrer zurück, der nur die Achseln zuckt, um dann im besten Fall letztlich schweißgebadet an der angepeilten Haltestelle aus dem Bus katapultiert zu werden. Selbst wer nicht an Gott glaubt, dankt nach einem Erlebnis dieser Art zuerst einmal dem Himmel bevor dann etwas Neues passiert.

Obschon ich aufgrund diverser Unwägbarkeiten im Alltag, aufgrund von Streiks, mangelnder Infrastruktur, zu vielen verlockenden Ablenkungen (in Neapel sind die Nächte lang und beginnen spät), nicht wirklich zum Studieren kam, lernte ich doch ungemein viel, sagen wir, fürs Leben und vor allem auch über mich selbst. Ich erfuhr meine Grenzen in vielerlei Hinsicht, ich lernte zwei neue Sprachen, sah Armut und Kriminalität, aber auch Lebensfreude und einen nahezu unglaublichen Willen, aus allem das Beste zu machen. Ich lernte, mir selbst in vielen Situationen zu helfen und machte die Erfahrung, dass es immer eine Lösung oder Hoffnung gibt. Als ich nach einem halben Jahr, das mich entscheidend geprägt hat, wieder nach Deutschland zurück kam, um mein gewohntes Leben wieder aufzunehmen, fiel mir die Eingewöhnung sehr schwer. Ich vermisste Neapel im Positiven wie im Negativen: Mir fehlten die ständigen Herausforderungen, die Spannung und Anspannung, die bunte Vielfalt, die Menschen, die Sonne, das Meer, das Singen auf der Straße, das Schreien und Streiten und das Lachen überall, kurz: Mir fehlte eine Intensität des Lebens. Irgendwann aber hatte ich mich wieder eingewöhnt und dachte, mein Platz sei letztlich eben doch in Deutschland. Bis ich dann vor ein paar Monaten recht spontan einen Kurzurlaub in Neapel machte – und seither bin ich von dem Gedanken besessen, dort leben und arbeiten zu wollen.

"Es gibt keine Erklärung, nur ein Gefühl"

Meine Geschichte mag etwas unglaubwürdig, weil sehr speziell erscheinen. Doch ich lernte in Neapel ein paar Menschen kennen, die auf andere Weise dem Zauber oder besser: Bann dieser Stadt erlegen sind und eine Möglichkeit fanden, dort zu bleiben. Umgekehrt stoße ich auch sehr oft auf Unverständnis und Kopfschütteln. Aber letztlich ist es wohl wie mit vielem: Es gibt keine Erklärung, nur ein Gefühl. Und es gibt sicher so etwas wie einen Ort, an dem die Seele zu Hause ist. Poetisch zu sein, ja, auch das lernt man in Neapel.

Anmerkung der Redaktion: Der Leserbericht stammt aus dem Jahr 2011. Autorin Lavinia war derart begeistert von ihren Reisen nach Neapel, dass sie mittlerweile dort hingezogen ist.


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