Foto: Willian Justen de Vasconcellos/Unsplash

Auslandssemester in Spanien / Logroño

Leon verbrachte ein Semester im nordspanischen Logroño und lernte dabei die Zwiespälte der südländischen Mentalität kennen

Die Idee ein Semester im Ausland zu verbringen, hatte ich schon am Anfang meines Studiums im Sinn. Den Entschluss gefasst habe ich dann aber erst einige Zeit später. Da ich bereits zum kommenden Semester nach Spanien wollte, wurde es höchste Zeit. Zum Glück hat dann alles – sprich unter anderem das Verfassen eines Motivationsschreibens in Spanisch – rechtzeitig geklappt. Ein Zimmer in einer WG, in der ich ausschließlich mit anderen Erasmus-Mitstreitern lebte, fand ich glücklicherweise recht schnell und unkompliziert, indem ich einfach alle Vermieter in Logroño, deren E-Mail-Adressen mir die Koordinatorin zuvor gegeben hatte, anschrieb. Man sollte wissen, dass spanische Häuser anscheinend generell nicht wirklich gut isoliert sind. Dazu kommen dünne Wände, durch die man seine Mitbewohner so manches Mal hört, sowie Fensterscheiben, durch die die Wärme zügig entweicht. Zudem sind die Heizkörper ziemlich alt, so dass die Heizkosten schnell in die Höhe steigen.

Die Gasthochschule macht rein optisch einen guten Eindruck. Die ›Escuela Superior de Diseño de la Rioja‹ kommt beinahe einer deutschen Fachhochschule gleich. Mir persönlich gefällt dies, da sie kleiner und familiärer ist. Jeder kennt quasi jeden und man wurde oft von Professoren mit Vornamen angesprochen. Der Ablauf des Semesters unterscheidet sich allerdings doch etwas vom deutschen. So arbeitet man in Logroño meist nicht an einem einzigen Projekt pro Semester, sondern hat um die drei Teilaufgaben, die kombiniert mit weiteren Teilbenotungen für Pünktlichkeit, Anwesenheit und Arbeit während des Unterrichts die Endnote ergeben. Das Ganze ist also etwas verschulter als in Deutschland. Das Wählen der Fächer wurde uns Erasmus-Studenten erleichtert. So hatten wir die Möglichkeit aus allen Bereichen (Mode, Produktdesign, Interieur Design und Grafikdesign) frei unsere Kurse zu wählen. Ein weiterer Unterschied ist, dass jeder Kurs in zwei Gruppen eingeteilt wird. Gruppe A hat denselben Kurs an einem anderen Wochentag als Gruppe B – so kann man einen Kurs trotzdem belegen, auch wenn es an einem Wochentag nicht in den Zeitplan passt.

Generell sind fast alle Lehrkörper hilfsbereit und herzlich. Etwas überrascht hat mich, dass die Mehrheit des Englischen nicht mächtig ist – weder Lehrkräfte noch Studenten. So kam es einmal vor, dass ein Kommilitone und ich im Keller des Gebäudes eingeschlossen wurden und dabei offenbar sogar einen Alarm auslösten, da es anscheinend bereits nach 18 Uhr nicht mehr gestattet war, alleine ohne Anmeldung in den sich dort befindlichen Werkstätten zu arbeiten. Da es uns aber nicht bekannt war oder wir es schlicht nicht richtig verstanden hatten, trugen wir uns auch nicht in eine dafür ausliegende Liste beim Pförtner ein, was den kleinen Zwischenfall vermutlich verhindert hätte. So aber wusste niemand, dass wir uns noch unten in der Schule aufhielten. Eine entsprechende Standpauke des Hausmeisters mussten wir deshalb wohl oder übel über uns ergehen lassen. Es ist aber generell möglich sich mit einem gesunden Halbwissen der spanischen Sprache und mit Hand und Fuß ganz gut zu verständigen.

Überwiegend bestanden meine täglichen Aktivitäten entweder aus dem Anfertigen der Hausaufgaben beziehungsweise der Projekte oder aus den Treffen mit den neuen Bekanntschaften. Wenn man sich sportlich betätigen wollte, bot sich das große Sportzentrum ›Lobete‹ an, welches neben einem Schwimmbad auch eine Schlittschuhbahn und ein Fitnessstudio beherbergt.

Abends ausgehen kann man meiner Meinung nach in Logroño auch recht gut. In der ›Calle Laurel‹ kann man leckere Tapas, Bocadillos und Pinchos essen. Eine etwas abseits gelegene Bar bot sogar einmal die Woche eine Weinverköstigung an, wobei für Erasmus-Studenten das erste Glas gratis war. Ich bin persönlich nicht gerade ein großer Weinliebhaber, aber den Wein aus der Region ›La Rioja‹, dessen Hauptstadt Logroño ist, sollte man definitiv probieren! Etwas Ungewohntes, das mir sofort gefiel, war die Tatsache, dass man zu jeglichen alkoholischen Getränken auch eine Kleinigkeit zu essen serviert bekam. Ob man dies als freundlichen Service oder bloß als Versuch des Wirtes empfindet, seine Gäste länger in der Lokalität zu halten, da man mit gefülltem Magen erfahrungsgemäß weniger schnell die Auswirkungen des Alkohols spürt und eher noch ein weiteres Getränk ordert, bleibt jedem selbst überlassen.

An sich ist Logroño ein beschauliches Städtchen, das mit seiner barocken Altstadt, dem Fluss Ebro und dem dahinterliegenden Berg fast schon wie eine ideal geplante Stadt wirkt, in der man von allem ein wenig Ruhe finden kann. Allgemein lassen sich einige typische spanische Dinge quasi in jeder Stadt wiederfinden. So gibt es zum Beispiel scheinbar überall mindestens einen ›Plaza de España‹ oder militärisch anmutende Statuen, die mich unweigerlich an das Franco-Regime denken ließen. Auf der anderen Seite lohnt es sich aber definitiv auch andere Ortschaften zu besichtigen, da sowohl Busfahrten preiswert als auch meistens die Unterkünfte erschwinglich sind.

Wenn ich nun zurückblicke, fallen mir eine Menge positiver Dinge ein, wie zum Beispiel die vielen neuen Kontakte aus nahezu aller Welt oder das Adaptieren an einen anderen Lebensstil im Gastland. Beispielsweise hatte ich bis dahin noch nie eine solch aufwendige Osterprozession wie in der ›semana santa‹ im sehr katholischen Spanien gesehen.

Auffällig war, dass es sich die Spanier anscheinend trotz finanzieller Schwierigkeiten nicht nehmen ließen nahezu jeden Abend auszugehen und ausgelassen in den Straßen zu plaudern. So waren die engen Gassen auch unter der Woche immer gut gefüllt. Diese positive Mentalität steckt die meisten ebenso mit wohliger Zufriedenheit an. Auf der anderen Seite tun die Spanier ihrem Unmut auch lautstark in Protestmärschen kund. Das südländische Temperament macht sich also auf beide Weisen bemerkbar. Allerdings macht man natürlich auch schlechte Erfahrungen. Beispielsweise wurden während meiner Zeit in Logroño mehrere Handtaschen, Portemonnaies und Jacken von ausschließlich weiblichen Erasmus-Studenten gestohlen. Allem Anschein nach sind dort also irgendwelche Banden unterwegs. Zudem kam es zu einigen kleineren Missverständnissen mit Tutoren aufgrund der Sprachbarriere und ich bekam manchmal den Eindruck, als ob nicht jeder Lehrende sich unbedingt mit Studenten aus anderen Ländern abgeben wollte, da diese verständlicherweise mehr Aufmerksamkeit und Hilfe benötigten als andere.

Alles in allem kann ich aber mit reinem Gewissen sagen, dass ich all denjenigen, die mit einer solchen Auslandsreise liebäugeln, diese nur empfehlen kann. Der Aufenthalt bringt wohl jedem – auf welche Art und Weise auch immer – etwas und erweitert den geistigen Horizont. Auch aus negativen Erfahrungen (oder gerade aus diesen) kann man ja bekanntlich nur lernen. 


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