Zwei Mädchen am Strand

Ein Jahr im Ausland, oder gleich ein ganzes Leben ?

Sonnenaufgänge am Strand, Surf-Weltmeisterschaften und Filmfestivals. Franziska erlebte aufregende Monate in Bordeaux

Ich würde meinen Artikel gerne mit folgendem Zitat beginnen: „Leben heißt beharrlich einer Erinnerung nachspüren“. Diese Aussage des französischen Philosophen René Char ist möglicherweise eine der vielen Antworten auf die Frage nach den Beweggründen für den Drang nach Abenteuer, das Streben nach immer wieder neuen Erfahrungen und den Wunsch zu reisen, die bereits in der Juli/August Ausgabe von Audimax ausgiebig diskutiert wurde. Die Frage, ob wir tatsächlich indem wir fortschreiten lediglich versuchen, bereits erlebte positive Augenblicke nachzuempfinden und wiederherzustellen, muss wohl jeder individuell für sich entscheiden. Fakt ist jedoch, dass der Mensch ein Routinetier ist und ohne es meist zugeben zu wollen, das bereits Bekannte schätzt, liebt und gerne wiederholt. In Bezug auf mich spiegelt sich das insofern wieder, dass ich mein Auslandsjahr definitiv in Frankreich verbringen wollte. Ich habe dieses Land aufgrund zahlreicher Schüleraustausche, Praktika und der Tatsache, dass meine Mutter Französischlehrerin ist, was drei von unzähligen überzeugenden Argumenten darstellt, schon immer geliebt und war mir sicher dort müsste ich hin. Jedoch sollte es eine Stadt sein, in der ich noch nicht gewesen war und somit ein Jahr gerade so ausreichen würde, um diese ausgiebig zu erkunden. Dadurch fiel Bordeaux an der Atlantikküste Südfrankreichs direkt in die engere Wahl. Gut wenn man es genau nimmt waren es nur acht Monate, also zwei Semester, von September 2014 bis April 2015, gemessen an der Intensität jedoch und der enormen Vielfalt an Situationen, die dieses Abenteuer mit sich brachte, könnte ich tatsächlich beinahe von einem ganzen Leben sprechen, das ich in Bordeaux verbringen durfte. Diese Zeit hat meinen Erfahrungsschatz definitiv um die eine oder andere unmögliche und einzigartige Situation bereichert. Aber vielleicht sollte ich der Reihenfolge nach vorgehen und erst einmal erklären, wie es überhaupt dazu kam, dass ich die Möglichkeit erhielt in Bordeaux zu studieren. Zum Zeitpunkt meiner Bewerbung war ich gerade in meinem 4. Semester an der JGU Mainz. Meine Studienfächer sind Publizistik im Haupt-, sowie Französisch im Nebenfach und zusätzlich noch Sportwissenschaften in Form eines Doppelbachelors. Eine übrigens durchaus aufwendige, jedoch geniale Kombination. Eigentlich hatte ich schon zu Beginn meines Studiums vorgehabt ins Ausland zu gehen, habe mich dann jedoch eines Besseren belehren lassen und erst mein drittes Bachelorjahr für diese Erfahrung auserkoren. Ich bewarb mich also über mein Hauptfach Publizistik für ein Auslandsstipendium in Bordeaux und erhielt dieses auch. Bevor für mich das Abenteuer Erasmus richtig losgehen konnte, musste erst einmal meine Reise nach Bordeaux geplant werden. Das Reisen ist ja bekanntlich immer ein Abenteuer, nur dass ich den Aspekt des Abenteuers zum Leidwesen meiner Eltern tatsächlich besonders ernst genommen habe und ohne ein Zimmer oder jegliche Schlafmöglichkeit für die erste Nacht zu besitzen, einfach mal nach Bordeaux gereist bin. Wie es der Zufall wollte, bin ich letztendlich in der einzig verfügbaren Jugendherberge gelandet. Ungeachtet des unwichtigen Details, dass ich jeden Tag aufs Neue nachfragen musste, ob für die kommende Nacht noch ein Bett frei sei, war dies eine unglaublich bereichernde Erfahrung. Ich konnte in dieser Zeit Kontakte knüpfen, die mich meine gesamte Erasmuszeit begleitet haben. Da war der Pariser Matthieu, der ebenfalls noch keine Wohnung in Bordeaux hatte und wir uns somit jeden Abend über den neusten Stand unserer Suche informierten. Meistens war diese jedoch nicht sonderlich erfolgreich, da jeder von uns die Tage entweder am Strand oder auf den nahe liegenden Dune du Pilat, der größten Sanddüne Europas, verbrachte. Somit kamen wir abends meist zwar braun gebrannt, aber noch immer ohne Wohnung in die Jugendherberge zurück. Dann waren da noch die Schweizerinnen Rebecca und Deborah. Deren Bekanntschaft machte ich beim nächtlichen Handyakkuaufladen im Jugendherbergsflur als wir nicht nur feststellten, dass wir uns gegenseitig verstanden, was bei dem wohlbekannten Switzerditsch gar nicht mal so einfach war, sondern außerdem am nächsten Morgen in derselben Univeranstaltung sitzen würden, da die beiden Schweizerinnen auch Publizistik studierten. Bezüglich der Wohnungssuche hatte nach einer Woche eine Vermieterin endlich Erbarmen und vermietete uns, meinem zukünftigen slowenischen Mitbewohner Marko und mir eine WG mitten in der Innenstadt, also besser ging es wirklich nicht.

Zwar hauste Marko quasi im ehemaligen Weinkeller, mein Zimmer hatte keine Fenster und unser Salon stand von Zeit zu Zeit unter Wasser, da die Waschmaschine leider nicht so wollte wie wir, aber das war uns vollkommen egal. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt bereits den ›laissez faire‹-Modus der Franzosen angenommen, die Dinge einfach mal so zu akzeptieren, wie sie waren, was eine ausgesprochen entspannende Wirkung mit sich brachte. Sicherlich trug auch die Schönheit Bordeauxs dazu bei. Diese Stadt leuchtet nicht nur bei Nacht, sondern auch am Tag, aufgrund des hellen Sandsteins aus dem der Großteil aller Gebäude besteht. Besonders beeindruckend ist der Miroir d’Eau, der durch seine Wasseroberfläche den Place de la Bourse widerspiegelt, und kurz vor Sonnenuntergang ein einzigartiges Farbspektakel bietet. Marko und ich entwickelten Gewohnheiten, wie den sonntäglichen Gang zum Flohmarkt auf dem Place de St. Michel, um mal wieder lautstark um zahlreiche Antiquitäten zu feilschen, an denen keiner von uns wirklich interessiert war, jedoch bereits das simple Diskutieren ausreichte, um uns den Sonntagmorgen zu versüßen. Und einmal kam es sogar zum Kauf eines ganz besonders ausgefallenen Stückes, einem neuen schwarzen Ledersofa für den Salon unserer WG, welches wir auf zwei Skateboards in unsere Wohnung beförderten. Ich hatte das Glück auch in Bordeaux meiner Leidenschaft, dem Volleyball, nicht nur auf dem Beachfeld, sondern auch in der Halle als Spielerin der Unimannschaft nachkommen zu können. Zusammen mit Katrin, die zu meiner Volleyball- und Surfkollegin wurde, unternahmen wir für unseren Sport so einige Fahrten durch ganz Frankreich. Da kam es auch schon mal zu einer rasanten Verfolgungsjagd, den Surfcoaches für das Surfwochenende in Hossegor hinterher, die uns nur mitfahren ließen, da wir ein eigenes Auto hatten, die Plätze waren nämlich heiß begehrt. Wir waren jedoch so schnell unterwegs, dass wir sie allein auf der Hinfahrt schon drei Mal verloren. Doch das Wochenende reichte uns noch nicht, natürlich mussten wir bei den Wellensurfweltmeisterschaften in Hossegor, im Süden Bordeauxs, live dabei sein, ungeachtet der Tatsache, dass wir, mal wieder, keine Unterkunft hatten, fuhren wir also dorthin. Die letzten Kilometer wurden getrampt und kommentarlos akzeptiert, dass im Auto geschlafen wurde, nur um am nächsten Morgen mit 20.000 Zuschauern den Sonnenaufgang sowie die ersten Surfer beim Einfahren bestaunen zu können.

Wir waren alle ziemlich motiviert, da konnte es schon mal vorkommen, dass wir nicht nur mit vier Brettern, sondern auch vier Surfern in einem Auto zum Strand fuhren und vor der Abfahrt jedes Mal in Form von ›Schnick Schnack Schnuck‹ ausknobelten, wer den undankbaren Platz zwischen zwei Brettern erhalten würde. Man könnte sagen, dass der Januar tatsächlich den einzigen Monat darstellte, in dem mal kein Strand- und Beachvolleyballwetter in Bordeaux herrschte, was uns natürlich nicht davon abhielt trotzdem ins Wasser zu gehen, nur um nach zehn Minuten mit starren Fingern und blauen Füßen wieder an den Strand zu rennen. Nach dieser doch sehr prägenden Erfahrung nahmen wir uns vor, auf den wiederkehrenden Sommer zu warten, wozu es bereits einen Monat später kommen sollte. Jedoch nicht nur sportliche, sondern auch geschichtliche sowie politische Ereignisse, wie die nationale Journalismus-Tagung, die Tribunes de la Presse, an denen über den Fortbestand der EU diskutiert wurde, so wie das Französisch/Deutsche Filmfestival zum Gedenktag des Mauerfalls prägten mein Erasmusleben nachhaltig. Für diese Dinge konnte ich mir endlich mal wieder Zeit nehmen und durfte miterleben, wie emotional die Franzosen, auf die Darstellung der deutschen Geschichte, welche durch Filme wie ›Rosa Luxemburg‹ veranschaulicht wurde, reagierten. Danach kam es zu interessanten Diskussionen, bei denen ein deutscher Journalist dann schon mal fragte, was auf Französisch denn nun wieder Trinkgeld heiße und der gesamte Saal mit ›nah, pourboire‹ antwortete.

Ja, die Erasmuszeit steckt voller Überraschungen. Es birgt eine grundsätzlich andere Lebenseinstellung, die eine gewisse Leichtigkeit beinhaltet, mit welcher ansonsten eigentlich nur die Semesterferien einhergehen, weswegen von Kritikern auch weitestgehend Kommentare zu hören sind, die das Erasmusleben generell als einzige große Party abstempeln. Sicherlich kommen auch das Feierleben sowie ausgiebige Strandbesuche nicht zu kurz, trotzdem hoffe ich, dass meine Ausführung einen kleinen Einblick vermitteln konnte, wie bereichernd die Erasmuszeit doch sein kann.

Besonders geprägt haben mich die Möglichkeit, in einem französischen Radiosender moderieren zu dürfen, wie auch die oftmals anspruchsvolle Aufgabe, Theaterkritiken von Klassikern wie ›La Mouette‹ und ›Candide‹ zu verfassen und kurzum den Regisseur innerhalb von wenigen Minuten zu interviewen, da vorher noch ein Spiel für die Univolleyballmannschaft abgeschlossen werden musste. Einzigartige Erfahrungen, die sich so nicht wiederholen werden, sowie die Möglichkeit das Leben aus einer Perspektive zu betrachten, die man nur allzu gerne in den Alltag übertragen würde. Diese Perspektive spiegelt die Fähigkeit wider, das Leben so zu genießen, wie es kommt und generell Komplikationen nicht zu dramatisieren, sondern die Überzeugung zu vertreten, dass irgendwo bereits die nächste positive Überraschung darauf wartet, in vollen Zügen ausgekostet zu werden.

Zum Abschluss noch diese kleine Anekdote: Zu Beginn meiner Erasmuszeit hatte ich eine Französin getroffen, die gerade aus ihrem Auslandssemester in England zurückgekommen war. Sie wollte mir weismachen, dass ich innerhalb der acht Monate in Bordeaux nicht nur Freundschaften fürs Leben finden, sondern auch an jedem einzelnen Tag so zahlreiche Dinge erleben würde, dass ich danach ein ganzes Buch damit füllen könnte. Das kam mir zu Beginn dann doch ein wenig übertrieben vor, aber ich muss zugeben, dass sie Recht behalten hat, denn genau so kam es, nur noch besser. 


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