Foto: Aaron Burden/Unsplash

Studium in Groningen: Erfahrungsbericht

Nichts geht über Groningen: Im hohen Norden der Niederlande rühmt sich eine Stadt ihrer Beliebtheit bei Studenten, hat Tobias herausgefunden

Hier in Groningen lebe und studiere ich und möchte dich etwas teilhaben lassen an meinem Studium und Leben, meinen Erfahrungen mit den Holländern und Entdeckungen im Land der Grachten.

Studium in Holland? Nein, in den Niederlanden!

Oh, da bin ich wohl schon in eine erste Falle getappt, denn die Holländer mögen es gar nicht, wenn man ›Holland‹ (nur ein Teil der Niederlande) sagt, wo eigentlich die Niederlande gemeint sind.

Doch anfangs erstmal eine kurze Vorstellung: Ich heiße Toby und passe mit meinen frischen 21 Jahren wohl recht gut in die junge Studentenstadt Groningen. Ursprünglich komme ich aus Karlsruhe, wo ich Sonne, Berge und Autos gewöhnt war. Nach meinem Abitur dort stellte sich mir die Frage, wie ich mit meiner Abschlussnote meinen Traum, Psychologie zu studieren, wahrmachen könnte.

In Deutschland stand mir der Numerus Clausus im Weg und hinzu kam, dass ich unheimlich gerne auf Englisch studieren wollte. Mit etwas Hartnäckigkeit fand ich dann im Internet plötzlich diese Stadt im Land, das ich zuvor nur von Sprichwörtern kannte. Das Ganze ging Schlag auf Schlag und die Einladung zum Bewerbungstest brachte meine Augen zum Funkeln. Meine Kurzreise nach Groningen dafür lohnte sich: Am 1. September 2012 ging es los mit dem neuen Lebensabschnitt: Studieren in den Niederlanden.


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Mission #1: Niederländisch lernen!

Mission #1: Sprache! Obwohl ich mit Englisch anfangs recht gut durchkam, merkte ich doch bald, dass Niederländisch notwendig ist, wenn man sich dort wirklich voll und ganz integrieren möchte. Also habe ich mich ans Niederländisch gemacht und bin bis heute froh über diese Entscheidung, wenn mich die Dame im Einkaufsladen lächelnd lobt, dass ich mir die Mühe mache, Holländisch zu lernen.

Etwas schwieriger war dabei das berüchtigte Groninger ›Gr‹ (so wie das ›ch‹ in ›Ach‹ + ein rollendes R). Für mein Studium selbst hätte ich Holländisch gar nicht lernen müssen, denn völlig unerwartet fand ich mich in meinem ›internationalen‹ Studiengang mit größtenteils Deutschen wieder.

Studieren im Kinosaal

Das Studium selbst fällt mir relativ leicht, denn der große Freiraum beim Lernen sagt mir sehr zu. Vom tatsächlichen Lesemuffel zu Schulzeiten bin ich zum begeisterten Studenten mutiert und auch die Vorlesungen mit an die 400 Studenten finde ich meistens echt interessant. Wenn sich die Vorlesungssäle dann ab und zu als zu klein erweisen, machen wir uns es uns in den Sesseln im Kino gemütlich und hören dem Dozenten vor der Leinwand zu.

Was das Studieren angeht, scheinen wir Deutschen den Holländern wohl ziemlich ambitionierte Studenten zu sein, denn sie lassen sich oftmals etwas mehr Zeit beim Studieren. Da greift dann mittlerweile aber oft die Uni ein und setzt Grenzen. Und das macht sie auch bei anderen Themen, denn das holländische Universitätssystem ist anscheinend ein bisschen verschulter als das deutsche.

Ausgehen in Groningen: Blazer an

Nach einer Woche harter Arbeit heißt es abends ab und an niederländisch ausgehen: Gut gekleidet, gerne mit Jacket/Blazer, feiern die Holländer ausgelassen. Wahrscheinlich hängt der attraktive Kleidungsstil auch mit der etwas größeren Freizügigkeit der Niederländer zusammen. Zumindest unter Studenten scheinen mir die Holländer auch die Liebe etwas gelassener zu nehmen.

Treffpunkte sind oft die unzähligen Bars, wobei die meisten auch Tanzflächen haben. Übrigens, ob beim Feiern oder auch so, eine ausgeprägte fröhliche Lebenshaltung und gute Laune der Holländer war für mich eine der prägendsten Erfahrungen in den Niederlanden. Ob man mit dem Fahrrad einkaufen fährt und sich gegenseitig grüßt oder die Menschen pfeifend durch die Straßen laufen sieht, ein Lächeln haben die Holländer fast immer parat. Da hat es nicht lange gedauert bis ich mir davon eine Scheibe abschneiden wollte.

Nebenjob im Touristenbüro

Neben dem typischen Studentenleben habe ich mich beim Touristenbüro noch zum Guide ausbilden lassen und führe deutsche Reisegruppen durch Groningen. Diesen tollen Ausgleich zum Studium ergänze ich bis heute durch meine Leidenschaft fürs Joggen. Die niederländischen Studenten dagegen sind oft in Sportvereinen und man geht gerne nach dem Sport abends noch in die Stadt zum Borrel.

Das ist so eine Art Umtrunk, der in den Niederlanden scheinbar Gang und Gebe ist. Man lässt Veranstaltungen bei einem kühlen Bier in den gemütlichen Bars gemeinsam ausklingen. Dabei bleibt man oft drinnen, wie das auch im Alltag oft der Fall ist, denn die Holländer scheinen ihre eigenen vier Wände dem Draußen vorzuziehen, obwohl die meisten Wohnungen für deutsche Verhältnisse echt klein sind. Vielleicht spielt das Wetter bei dem Ganzen auch eine Rolle, da es in den Niederlanden bekanntlich oft regnet, was für mich eine Umstellung war. Während man morgens noch optimistisch in Shorts und T-Shirt aus dem Haus geht, kann es schon mal passieren, dass man im strömenden Regen nach Hause radelt. Aber nach etwas Gewöhnung nimmt man auch hier einfach wieder die niederländische trotzdem-glücklich-Haltung ein und schon ist wieder alles in Ordnung.

Selbst als es am letzten Königstag, einem Highlight-Event in den Niederlanden, zu regnen begann, ging die Stimmung nicht verloren. Unseren neuen König haben wir trotzdem gefeiert und die ganze Stadt mit Orange geschmückt. Ein Gaumenschmaus für die Holländer an so einem Tag sind dann die Spezialitäten aus den Automaten überall in der Stadt: zum Beispiel frittierte Eier, Frikadellen oder Käserollen.

Alles in allem war mein Schritt, in die Niederlande zu ziehen, also ein voller Erfolg und ich bin überglücklich, diese Kultur einmal miterleben zu dürfen. Allen, die sich gerne spannenden Herausforderungen stellen und Neues mit offenen Armen entgegen gehen, kann ich ein Studium in den Niederlanden also nur empfehlen!


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