Statue: Reiter auf umgedrehtem Pferd in Museum

Theo in Prag: als Flaneur

Theo verbringt sein Erasmussemester in Prag. Ein Erfahrungsbericht. Diesmal: Ein intensiver Spaziergang durch die Stadt.

Fast ist meine Zeit in dieser Stadt vorbei. Daher möchte ich die letzten Tage nutzen, um noch einmal das zu sehen, was ich noch nicht kenne, dorthin zu gehen, wo ich schon so oft war und wo es mir doch so gut gefällt. Und so mache ich mich auf zu einem Spaziergang. Laufe über die kleinen, weißen und schwarzen Pflastersteine, die hier jeden Bürgersteig zieren. Über die Moldaubrücken, durch die Gässchen der Altstadt. Am Ende des Wenzelsplatzes steht ein Schmied und haut auf einem riesigen Amboss Rosen aus Eisenstücken für die Touristen zusammen. Gleich daneben ein Stand, der geräucherten und anschließend gegrillten Mozzarella auf Stulle verkauft. Ich kaufe mir einen, esse ihn im Weggehen und bereue schon bald, mir keinen zweiten gekauft zu haben. Plötzlich kommt mir ein Mann mit einem Korb voller Pilze entgegen (Woher?), etwas später ein anderer mit einer Eule auf der Schulter (Warum?). Mein Blick schweift weiter, wandert aufwärts, an den Fassaden der Häuser entlang. Die Prager Architektur hat kaum eine Kunstepoche ausgelassen, neben Bauten des Barock, stehen solche der Renaissance, der Gotik, des Klassizismus. All der Stuck, die Statuen in den Erkern und andere Zierden sind viel zu zahlreich, um es im Vorbeigehen vollständig zu erfassen. Man findet hier viele Gründe, diese Stadt als eine der schönsten Europas zu bezeichnen.

Nach Manifestationen antikapitalistischer Ideen, die in dieser Stadt einst so stark waren, sucht man hier vergebens. Stattdessen hat der Kommerz und die allgemeine Geschäftemacherei Einzug erhalten, auch das Prag heute. Die Stadt ist zu einer Marke geworden, zu viele haben versucht, aus dem Namen, seinen Gebäuden, seiner Geschichte Kapital zu schlagen und damit vor allem das Gesicht der Innenstadt stark verändern. Aufdringliche Agenturen bieten Stadtführungen an, mit Sackway, Autos, Pferden oder zu Fuß. Dies führt dazu, dass Touristengruppen Hauptattraktionen wie die Karlsbrücke oder den Altstadtplatz so massiv belagern, dass diese Orte von all denen gemieden werden, die mehr als nur ein Wochenende hier verbringen. Immer gleich aussehende Touristenshops verkaufen immer das gleiche. Ob es wohl eine Touri-Shop-Mafia gibt? Teilweise führt dies zu den skurrilsten Auswüchsen; das Kommunismus Museum befindet sich etwa direkt neben einem Casino und einer McDonalds Filiale. Auch einen der berühmtesten Söhne Prags hat dieser Ausverkauf erfasst und erreicht im Kafka Museum vermutlich den Gipfel der Frechheit. Hier gibt es Kafka-Tassen, Kafka-Beutel, Kafka-Schlüsselanhänger – aber keine Bücher des Schriftstellers. Tod ist der Autor hier noch lange nicht, auch wenn er unaufhörlich ausgeschlachtet wird.

Ich biege in eine der berühmten Passagen ein, die sich wie die Straßen eines Ameisenhaufens durch das Innere der Häuserblocks in der Altstadt ziehen. Sich hier zu verlaufen, macht eine diebische Freude, was man alles entdecken kann! Ein Comic-Buchladen mit angeschlossenem Café, ein Fotografiegeschäft mit nicht weniger als tausend Kameras jeglichen Alters. Im ersten Stock ein Wiener Kaffeehaus, nicht weit davon ein Delikatessenladen. Antiquariate, immer wieder.

Es wird langsam spät und Zeit nach Hause zurück zu kehren. Denn zu Hause wartet schon.


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