Zeichnung: Auerbach reiter pfeiferauchend auf Flasche

Theo in Prag: Auerbachs Keller

Theo verbringt sein Erasmussemester in Prag. Ein Erfahrungsbericht. Diesmal: Erasmus und Alkohol.

„Die Welt lässt sich besser mit Schnaps ertragen. Allerdings lässt sich Schnaps auch besser mit der Welt vertragen.“ - Harry Rowohlt

Auch wenn ich den Schnaps meist gegen Bier, in letzter Zeit vielleicht gegen Wein austausche, so stimme ich dieser Weisheit doch vollkommen zu. Zumal da sie einst von der prototypischen Märchenonkelstimme in den Äther gebrummt wurde. Ja, der liebe Alkohol ist wirklich ein enorm großes und bestimmendes Thema dieses Studienaufenthaltes. Getrunken wird eigentlich immer. Egal ob beim Billard am Abend oder beim Mittag am Mittag. Ich kenne einen Engländer, der in den ersten zwei Wochen nach seiner Anreise keinen einzigen Tag nüchtern verbracht hat. Und auch bei mir wich die allgemeine Katerübelkeit einer allmählichen Gewöhnung an diesen Zustand.

Wie so vieles unterscheidet sich der Konsum der anregenden Flüssignahrung in vielerlei Hinsicht von dem in Deutschland. Das übliche Vorglühen etwa hat zu Hause ja vor allem den einen Zweck des Sparens. Anstatt den manchmal langen und steinigen Weg zum Idealpegel mit teuren Longdrinks oder viel zu kleinen Null-Dreier-Bieren zu pflastern, bedient man sich des billigen Fusels von Späti oder Kaufhalle. Dieses raffinierten Tricks bedarf es hier nicht. Das Prager Gebräu ist so billig, dass man auch das Vortrinken getrost auf die nächstbeste Kneipe verschieben kann. In einer etwas abseitigen Taverne zahlt man nicht mehr als einen Euro für einen frisch gezapften halben Liter. Dieser Umstand hatte übrigens zur Folge, dass die tschechische Regierung erst vor kurzem ein Gesetz erließ, wonach in Bars und Kneipen mindestens ein alkoholfreies Getränk billiger sein muss als Bier – dies war vorher nicht der Fall. Der in Deutschland unter dem Namen Apfelsaft-Paragraph bekannte Beschluss soll verhindern, dass gerade Jugendliche aufgrund des niedrigen Preises lieber ein Bier kaufen, obwohl ihnen auch Wasser reichen würde.

Dabei ist eine enge Freundschaft zu Gevatter Alkohol vor allem aufwendig. Trinken kostet Zeit, Geld und Ausdauer - genau wie ein intensives Medizinstudium. Doch wie Harry Rohwolt sehr richtig bemerkte, ist das Trinken (für die meisten jedenfalls) kein Selbstzweck, sondern Anlass. Anlass um sich zu treffen, neue Orte kennen zu lernen, vor allem aber um zu reden. Echte Gespräche, mit keinem zwischengeschalteten Medium außer der eigenen Sprache, ohne WhatsApp, Facebook oder Tinder, so richtig vis-à-vis! Wo gibt es das schon noch?

Erasmus prägt nun vor allem die Art und Weise, wie über die Dinge geredet wird. Die kulturelle Diversität aller Gesprächspartner verleiht jedem eine zweite Zunge: Egal worüber gesprochen wird, Politik, Kunst, Universitäres, jeder kann schon allein deshalb etwas dazu sagen, da er aus einem eigenen Kulturraum stammt. Dies ist in den heimatlichen Gefilden anders, hier teilt jeder die gleichen Erfahrungen und weiß wie es läuft. Am besten zeigt sich dies an einem Thema, das immer geht: Kulinarisches. „Also bei uns isst man dies und das, trinkt jenes und solches. Und bei euch?“ Insofern funktioniert die Idee des kulturellen Austausches innerhalb der Europäischen Union, welches ja eines der Zentralmotive von Erasmus ist, wirklich fabelhaft.

Worüber wird noch gesprochen? Zunächst natürlich über das, was uns alle unmittelbar betrifft, neu entdeckte Orte in Prag, die Zugänglichkeit der Tschechen, diverse Begebenheiten aus dem Alltag an der Karls-Uni. Aber auch politischen Themen wird ab und an Aufmerksamkeit geschenkt. Gerade sind die völlig lächerlichen (und auch etwas beängstigenden) Eskapaden von Donald Trump ein sehr beliebtes Thema, wobei glücklicherweise geschlossene Einigkeit über seine grenzenlose Dummheit herrscht. Sehr zuträglich ist diesen Gesprächen, dass seine Absurditäten nicht abreißen, immer wieder leistet er sich neue Peinlichkeiten und bietet uns damit frischen Gesprächsstoff. Generell herrscht unter den europäischen Studierenden eine erstaunliche Einigkeit über die Unzivilisiertheit der Amerikaner, die sich in der Person Trumps perfekt zu bündeln scheint. Denn diese Ablehnung ist ja nicht allein gegen seine Person gerichtet, vor allem drückt sich in ihr, und das ist vielleicht sehr beruhigend, eine inhaltlich motivierte Aversion gegen diese Art von Politik aus. Das unter dem Erasmus-Volk beispielsweise ein weitestgehender Konsens gegen eine nationale Abschottungspolitik herrscht („We have to start by building a wall, a big, beautiful, powerful wall!“) ist eine gute Nachricht. Gleichzeitig entspringt die Abneigung aber vermutlich auch einem Gefühl der Bestätigung dafür, dass Amerika tatsächlich jenes Land des kopflosen Größenwahns ist, für das wir es immer gehalten haben. Ja, wir. Wir Europäer. Denn in dieser Abneigung, diesem subtilen Antiamerikanismus, vereinigt sich das vielleicht stärkste Gefühl europäischer Gemeinschaft. Plötzlich steht diese Union unterschiedlichster Nationen wieder fester zusammen. Und das alles dank einem blonden Spinner jenseits des Atlantiks. Danke Micky!


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