Nahaufnahme Boden in Prag

Theo in Prag: Donaumärchen

Theo verbringt sein Erasmussemester in Prag. Ein Erfahrungsbericht. Diesmal: Eine Reise nach Budapest.

Für das vergangene Wochenende stand erneut eine Reise an, Budapest. Wie schon zuvor in Paris hatte ich wieder eine kompetente, weil schon länger in der Stadt lebende Führerin an meiner Seite, eine Freundin, die ich vor einigen Wochen in Prag kennen gelernt hatte. Ich stellte mir die Stadt ähnlich vor wie Prag, eine dieser Metropolen Ost-Europas eben. So ganz stimmte das mal wieder nicht.

Budapest ist dreckiger, abgefuckter und lange nicht so schön wie Prag. Am Rande der Autobahn liegen Berge von Müll, erst auf den zweiten Blick entdeckt man dazwischen einige selbstgebaute Zelte, in denen scheinbar Obdachlose leben. In den Zwischengeschossen der U-Bahn verkaufen alte Mütterchen auf viel zu kleinen Tischen viel zu wenig Ware. Und die Türen der einzelnen Bahnwagons lassen sich mit einem einfachen Dreikantschlüssel öffnen. Doch all das wirkt sich durchaus positiv auf die Stadt und ihren Charme aus. Fernab von Geschäftemacherei und Touristen-Mainstream entsteht hier Neues, Undurchdachtes, Anderes. Im Szimpla beispielsweise, der sicherlich absurdesten Adresse für ungepflegte Abendunterhaltung, werden ab und an Mohrrüben verteilt. Wegen der Vitamine. Das Motto des Interieurs lautet hyperbolische Reizüberflutung, kein Quadratzentimeter der Wände ist unbehangen, sondern voll mit irgendwelchem Tinnef und Klimm Bimm.

Wenn Budapest will, zeigt es sich aber auch von einer ganz anderen Seite. Orte wie das ungarische Parlament, der Burgpalast oder die Donaubrücken sind natürlich hergerichtet und immer wieder beeindruckend. Dazu zählen vor allem auch die vielen Bäder. Im größten davon, dem Thermalbad Széchenyi, verbrachten wir den Sonntagabend. Halb im warmen Wasser liegend und umgeben von einigen Zuschauern, spielten in einer Ecke des Beckens zwei Männer Schach und taten dies auch dann noch, als wir nach mehreren Stunden mit schrumpeligen Fingerkuppen und matschigem Verstand das Bad wieder verließen.

Am letzten Tag setzte ich mich dann, wie ich es doch an fremden Unis so gerne tue, in eines der Seminare meiner Freundin. Trotzdem mit der Großstadtphilosophie Georg Simmels ein eigentlich schönes Thema besprochen wurde, wurde doch sehr wenig gesprochen. Und das, obwohl doch jeder gerade in diesem Moment in einer Großstadt lebte, all dem also potentiell ausgesetzt war, was Simmel da behauptete. Nun, für mich sind solche Momente freilich immer sehr amüsant. Schon lange pflege ich die Gewohnheit, die verbale Müdigkeit durch möglichst provokante Thesen zu stören, um damit auf mir stets genehmen Widerspruch zu stoßen und so eine Diskussion in Gang zu bringen. Ich also Finger hoch und relativ haltlos olle Simmel kritisiert. Doch abgesehen von einigen Beipflichtungen von Seiten des Professors blieb es bei der stillen Musterung der Holztischmaserung. Ein Versuch war es immerhin wert.

Ein perfekter Abschluss für den ziemlich spontanen Wochenendausflug stellte dann die Fahrt im Bus zurück dar. Neben mir saßen drei Spanierinnen, die hilflos-schockiert um sich blickten, als sie erfuhren, dass man erst auf tschechischem Staatsgebiet ins Internet gehen könne. Eben diese Spanierinnen packten einige Stunden später auch einige Teigfladen und diverse Füllungen aus und rollten sich direkt neben mir Burritos. Wirklich. Nicht nur hier im Bus, sondern auch im Laufe meiner Erasmus-Begegnungen habe ich vor allem gesehen, wie wahr all die herrlichen Länderklischees doch sind. Und wie wichtig es trotzdem ist, diese bei jeder neuen Begegnung vollständig zu vergessen.

Mach´s gut, Budapest!


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