Prag bei Nacht mit Vollmond

Theo in Prag: Epilog

Theo verbringt sein Erasmussemester in Prag. Ein Erfahrungsbericht. Diesmal: Ein Blick zurück.

Ich bin wieder in Berlin. Wenn ich nun zurück blicke, dann vor allem mit dem Gefühl, nichts verpasst zu haben. Ich sah, was ich sehen wollte, war, wo ich sein wollte, traf, wen ich treffen wollte.

Doch was bleibt? Mindestens ein immerwährendes Ziel im Herzen Ost-Europas, Tschechien, Prag. Natürlich komme ich zurück, werde weitere Liter Bier an meinem Gaumen vorbei manövrieren, zusammen mit all den Freunden, die in den letzten Monaten zu eben solchen wurden. Einige von ihnen sind selbst schon in ihre Heimatländer zurückgekehrt, was mich um viele Anlässe zum Reisen reicher macht. Und sonst? Meine mageren Tschechisch-Kenntnisse belaufen sich zwar lediglich auf ‚Halt die Fresse‘, ‚Bier‘, ‚Danke‘, ‚Bitte‘, ‚Tschüss‘. Dafür kann sich mein Französisch mittlerweile einigermaßen hören lassen. Glücklicherweise bleiben zudem ein paar Unipunkte, die sich an der Humboldt Uni anrechnen lassen. Das alles sind ganz praktische Dinge, aber habe ich auch etwas gelernt, verstanden, den ach so berühmten Horizont erweitert?

Mein ironischer Teil möchte dies verneinen, den Bildungsgedanken von Erasmus weggrinsen und veräppeln – ganz wahr wäre das nicht. Zurück in Berlin erreichen mich allerhand Evaluierungsbögen, meine Sprachkenntnisse, generell meinen Erasmus Aufenthalt betreffend. In einem dieser Bögen will man von mir wissen: Do you feel more European? Nein wie kitschig, fast süß. Zuerst lache ich, schüttele dann den Kopf, letztendlich werde ich etwas nachdenklich. Einige Minuten starre ich auf die beiden anzukreuzenden Kästchen, eines für Ja, das andere für Nein, und denke mich noch einmal durch die letzten fünf Monate. Was soll ich sagen; ich fühle mich tatsächlich europäischer, auch wenn ich noch immer keine genaue Ahnung habe, was das eigentlich bedeuten soll. Ich weiß jetzt nicht nur, dass es um mich herum noch andere Nationen, andere Kulturen und Menschen gibt, ich fühle es auch. Ein Kreuz bei Ja also, alles andere wäre dreist gelogen.

Gleichzeitig, und auch diese Erkenntnis, diese Sensibilität stammt aus Prag, ist an den europäischen Außengrenzen genauso wenig Schluss, wie an den Grenzen meines eigenen Landes. Nationales Denken gegen europäisches Denken auszutauschen ist nicht genug. Da ist noch mehr, viel mehr, nämlich der ganze Rest der Welt. Wenn Europa tatsächlich mehr als nur eine territoriale Begrenzung darstellt, wenn sich dahinter eine Idee verbirgt, dann darf diese nicht in der Ägäis oder hinter Lampedusa enden.

War´s das jetzt also? Sicherlich nicht. Erasmus ist vorbei. Lang lebe Erasmus!


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