Nahaufnahme Landkarte Deutschland, Österreich, Tschechien

Theo in Prag: Heckspoiler Heimat

Theo verbringt sein Erasmussemester in Prag. Ein Erfahrungsbericht. Diesmal: Was ist Heimat?

„Der Deutsche sieht sich selbst als Mensch plus fünf Prozent“ - Dietmar Wischmeyer

Erasmus konfrontiert dich mit einer Sache immer wieder aufs Neue: Heimat. Beinahe jedes Gespräch mit einem noch unbekannten Kommilitonen beginnt mit diesem Thema: „Und woher kommst du?“ Die bloße Tatsache der nationalen Vielfalt von Erasmus-Programmierenden nimmt jeden Einzelnen in die Pflicht, sich und sein Land zu erklären. Wie man dies anstellt, obliegt nun jedem selbst. Reproduziere ich altbekannte Länderweisheiten oder will ich meinen Gegenüber Neues und Gegenläufiges erzählen? Rede ich von der fleischlastigen germanischen Küche? Oder doch lieber vom überraschend hohen Anteil an Vegetariern in Deutschland?

In jedem Fall steckt man stets und ständig in diesem Zwang zur nationalen Repräsentation fest. Interessant ist dabei aber nicht allein, wie sich (zum Beispiel) Deutsche bezüglich ihres Heimatlandes äußern. Auch die Fragen des Gesprächspartners sind deshalb so spannend, weil in ihnen die Außenwahrnehmung auf ein Land durchschimmert. In meinem Fall betrifft das ja nicht allein Deutschland, sondern vor allem auch Berlin. Was lässt sich also, zunächst einmal herrlich allgemein, sagen, wie steht meine Heimat im Ausland da? Meine Meinung: viel zu gut.

Beginnen wir mal mit Berlin. Ich kannte die anfängliche Hochachtung (und man muss es einfach so nennen) bereits aus Deutschland, mit welcher die bloße Tatsache, dass ich nicht nur Berliner, sondern zudem noch Urberliner bin, verbunden ist. Doch auch im Ausland scheint der Coolness-Faktor Berlins immens hoch zu sein. Die Frage nach der eigenen Herkunft mit Berlin beantworten zu können, bestimmt fortan mit ungeheurer Macht das Bild, was der andere von mir hat – und damit maßgeblich die Beziehungen zu den Leuten in meiner Umgebung. Natürlich wird sich dieser Eindruck im Laufe eines Gesprächs verändern, kann abflachen oder bestätigt werden. In jedem Fall starte ich jedoch mit einem gewissen Anerkennungsvorschuss. Berlin, das klingt nach nächtelangen Exzessen in dunklen Partybunkern, nach verrucht alternativen Freigeistern, nach sexueller, kultureller, weltanschaulicher Vielfalt. All das transportiert der Begriff Berlin – und all das wird auch von dem erwartet, der aus diesem berühmten Moloch stammt.

Nun hat Berlin halt den großen Vorteil, die beste Stadt der Welt zu sein. Jeder weiß das natürlich. Insofern sind solcherart kursierende Meinungen ja nicht gänzlich falsch. Auch ich selber bin zwar nicht unbedingt stolz (denn für meine Herkunft  kann ich ja nichts), aber doch unglaublich froh in Berlin geboren und aufgewachsen zu sein. Und klar, dieses Berlin prägt. Ähnlich ist es mit Deutschland. Auch hier ernte ich ein anerkennendes Nicken, wenn auch aus anderen Gründen. Aus Deutschland zu stammen verschafft mir, so empfinde ich es, von vornherein einen imaginierten Kompetenzvorsprung, in vielerlei Hinsicht. Das ist teilweise ein Duktus der aus Deutschland selbst stammt, insofern ist das vorangestellte Zitat von Wischmeyer durchaus treffend. Andererseits wird dieser Eindruck aber auch von außen an die Deutschen herangetragen. Nun merke ich immer wieder, dass die Erwartungen, die mit dieser hohen Reputation einhergehen, in den meisten Fällen nicht erfüllt werden können. Deutsche sind auch nur Menschen, ohne die zusätzlichen fünf Prozent. Denn Kompetenz hat nun einmal wenig mit der Nationalität zu tun. Bildung, Erziehung, mediale Sozialisation, kulturelle Umstände, ökonomische Situation und was sonst nicht alles, sowas sind die wirklich wichtigen Faktoren, die einen Menschen zu dem machen was er ist. Das Deutsch-Sein selbst sind wenn überhaupt nur Nuancen, Tendenzen, mehr oder weniger große Ausschläge kultureller Befindlichkeiten, im Sinne eines Konglomerats dieser anderen Einflüsse. Klar, diese Faktoren sind natürlich auch topographisch, von mir aus innerhalb von Landes- oder Städtegrenzen, unterschiedlich entwickelt. Auch qualitativ unterschiedlich stark entwickelt, wenn man denn unbedingt eine Wertung mit hinein bringen möchte. Der gedankliche Sprung jedoch, der alles unter ein allgemeines Deutsch-Sein subsummiert, ist dann aber doch zu groß. Denn dies führt eben dazu, dass das Deutschlandbild der Realität einfach nicht gerecht wird. Mit anderen Worten: Sein Ruf ist besser als Deutschland.

Hierzu eine kleine Anekdote: Vor einigen Wochen hatte meine französische Mitbewohnerin Manon ihren Freund zu Besuch. Nachdem wir zusammen Abend gegessen hatten, räumten wir den Geschirrspüler ein. Dabei sah der Freund, dass darin bereits eine Pfanne stand, die dort seiner Meinung nach nicht hinein gehörte. Zwar sprach er dann auf Französisch zu Manon, ich verstand aber was er sagte. Er meinte etwas empört, dass muss vermutlich der Engländer gewesen sein. Tatsächlich war ich es jedoch, der die Pfanne in den Geschirrspüler hineingestellt hatte. Auf diese Idee kam er jedoch nicht, obwohl es sogar naheliegender war, weil ich gerade den Geschirrspüler einräumte und mein englischer Mitbewohner gar nicht im Raum war. Das ein ordnungsliebender Deutscher so etwas tut, das kam ihm dann doch sehr unwahrscheinlich vor. Natürlich klingt das banal. Vorkommnisse wie diese gleich positiven Rassismus zu nennen ist vermutlich übertrieben, gerecht ist es aber dennoch nicht.

In der Hoffnung, dass ich mich hier nicht wiedermal um Kopf und Kragen geredet habe, ende ich mein Geseier mit einem gepflegten Rinjehaun! Ihr wisst schon, Berlin und so.

 


Anzeige

Anzeige