Allee mit blätterlose Bäumen und vier Menschen mit Hund

Theo in Prag: Landleben

Theo verbringt sein Erasmussemester in Prag. Ein Erfahrungsbericht. Diesmal: Erasmus-Buddy.

Vorbereitet habe ich mich auf mein Erasmus-Semester wenig. In den Wochen vor meiner Abreise trudelten nach und nach immer mehr Mails der Karls-Uni ein, die ich allesamt im Posteingang als ungelesen markierte. Später, Peter, so meine Devise. Um eine Mail kümmerte ich mich allerdings doch – und das rettete mir oft den Arsch. In dieser Mail wurde ein Buddy-Programm beworben, bei dem jedem Erasmus-Studenten ein tschechischer Student zur Seite gestellt wird, der sich in den ersten Wochen um alle möglichen außeruniversitären Geschichten kümmert, eine Gastmutti quasi. Mit einer kurzen Selbstbeschreibung („Was ich mag? Berlin, Bier, Bücher!“) bewarb ich mich also und schon nach wenigen Stunden bekam ich eine Antwort: Rena heißt mein Buddy und es ist völlig untertrieben wenn ich sage, dass ich ein riesiges Scheiß-Glück mit ihr habe. Als ich etwa in Prag ankam, holte sie mich mit dem Auto ab und fuhr mich in mein Quartier. Vor allem in den ersten Wochen war sie dann eine enorme Hilfe und machte es mir sehr leicht, mich in der unbekannten Stadt zu Recht zu finden. Sie verschaffte mir einige Fußballkontakte, suchte mir diverse Bahnverbindungen heraus und zeigte mir die Prager Kneipen. Viele Erasmus-Studenten haben überhaupt keinen Buddy und wenn, dann lässt der- oder diejenige nicht allzu oft von sich hören. Rena ist das genaue Gegenteil und das obwohl sie neben mir noch fünf weitere Erasmus-Studierende betreut, völlig freiwillig, übrigens. Mittlerweile sind wir alle gute Freunde geworden und treffen regelmäßig.

Für das letzte Wochenende hatte Rena etwas ganz besonderes geplant: Wir fuhren alle zusammen in ihre Heimatstadt Louny, eine knappe Busstunde westlich von Prag gelegen. Als ich in den Bus einstieg, hielt sich meine Vorfreude allerdings noch etwas in Grenzen, mal wieder hatte ich abends zu viel, morgens zu wenig getrunken. Vorbei an Pferdegestüten und Hopfenfeldern fuhren wir durch eine Landschaft, die so ganz anders als die Weltstadt Prag war, grüner, langsamer, leerer. Louny ist eine verschlafene Kleinstadt, die neben einer mittelalterlichen Stadtmauer vor allem diverse Privatbrauereien vorweisen kann. Da die Eltern einer Freundin übers Wochenende verreist waren, konnten wir in ihrem Haus übernachten. Wir, das waren außer Rena, ihrer tschechischen Freundin und mir eine bunte Mischung aus verschiedenen Nationen: Frankreich, Dänemark, Indien, Slowenien, Niederlande, oder anders: ein enormes Potential für eine großartige Nacht.

Ich hatte Rena als Gastgeschenk eine Flasche Berliner Luft, den berühmten Berliner Pfefferminzlikör, mitgebracht und nachdem dieser dran geglaubt hatte, konnte der Abend beginnen. Den Anfang machten wir im Restaurant einer kleinen Brauerei. Direkt neben zwei kupferfarbenen Braukesseln schlugen wir uns die Bäuche mit in Brotlaiben servierter Gulaschsuppe voll. Weiter ging es in einer Kneipe, die sich inmitten einer ehemaligen mittelalterlichen Taverne eingerichtet hatte. Und hier passierte es, ich erlebte einen der schönsten Momente meines bisherigen Aufenthaltes in diesem wunderbaren Land: Ich entdeckte mein tschechisches Lieblingsbier. Es schimpft sich Žatec und gärt in einer lokalen Brauerei unweit von Louny. Unnötig zu erwähnen, dass der Pegel langsam und sicher aufwärts strebte, so lange, bis Bier nicht mehr genügte und der Ruf nach Gras immer lauter wurde. Fieberhaft versuchte Rena, über drei Ecken etwas zu organisieren, was uns zu unserem nächsten Stopp trieb. Auch das konnte man, bei leichter Bedeutungsdehnung dieses Wortes, als Bar bezeichnen. Inmitten einer vermutlich längst zum Abriss bestimmten Fabrikhalle saßen gut zwanzig Tschechen beisammen und ließen es sich gut gehen. Auch wenn die Wände schon lange keinen Putz mehr besaßen, der von selbigen hätte herunterbröseln können, auch wenn die Decke von lose herum hängenden Kabeln übersät war und selbst der Estrich keinen stabilen Eindruck auf mich machte, eines gab es doch: Eine große moderne Zapfanlage und viele Fässer Bier. Aus großen Tupperboxen wurden Chips und andere Knabbereien verkauft. Wie Rena mir später sagte, war das alles ziemlich illegal, doch egal, wir bekamen was wir wollten und ließen einen mickrigen Johnny die Runde machen. So zogen wir bis tief in die Nacht von Bar zu Bar, stritten und tranken mit den Tschechen und versetzten die Bewohner der sonst so ruhigen Kleinstadt ins Staunen.

Nach einigen ausgedehnten  Sonntagsspaziergängen durch Louny und einem späten aber deftigen Mittagessen war alles auch schon wieder vorbei. Der Abschied fiel schwer, viel schwerer als gedacht und so versprachen wir uns, irgendwann einmal hierher zurück zu kommen.


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