Nahaufnahme Tür mit Klinke, im Hintergrund Stühle

Theo in Prag: Türhüter

Theo verbringt sein Erasmussemester in Prag. Ein Erfahrungsbericht. Diesmal: Studieren an der Karls-Uni.

In mein Prager Studentenleben ist Routine eingekehrt. So sehr bereits, dass ich all die Besonderheiten des Unialltags gar nicht mehr bemerke. Dabei funktioniert hier einiges durchaus anders, als ich es aus der Heimat gewohnt bin.

Nehmen wir etwa die Seminarräume. Die Räume der Karls-Uni haben vor allem eines: Charakter. Einige sind einladend freundlich, andere bieder rustikal, manche auch chaotisch konfus. Und dann gibt es noch die Gemeinen und Hinterhältigen, die es den Studierenden wirklich nicht leicht machen. So findet mein ansonsten wirklich großartiges Ästhetik-Seminar beispielsweise hinter einer Tür statt, an der von außen keine Klinke angebracht ist. Dies führt wöchentlich zum immer gleichen Spiel: Kommt jemand zu spät (und an der Uni kommt halt immer jemand zu spät) oder geht zwischendurch mal die Kacheln gießen, muss geklopft werden, um wieder in den Raum zu gelangen. Der Professor unterbricht daraufhin seine Ausführungen und geht zur Tür um sie zu öffnen. Noch absurder allerdings ist der Raum, in dem mein Literaturtheorie Seminar stattfindet. Zwar besitzt die Tür hier eine Klinke, doch um überhaupt in das etwas abseits gelegene Gebäude zu gelangen, muss unten wie bei einem normalen Wohnhaus geklingelt werden. Und dreimal dürft ihr raten, wo es laut läutet. Richtig, mitten im Seminarraum. Auch hier steht der Dozent dann auf, trottet genervt zur Gegensprechanlage und drückt den Türsummer. Ganz anders in meinem Dienstagsseminar. Erst vor wenigen Tagen fiel mir auf, dass mitten im Raum ein riesiger Kühlschrank steht. Natürlich wollte ich wissen, was drin ist – er ist leer. Vielleicht sollte ich eine Flasche Becherovka hinein stellen, einfach für den nächsten der nachsieht.

Es sind aber vor allem die kleinen Dinge, die für eine ganz besondere Atmosphäre in den Seminarräumen sorgen. Entlang der Wände ziehen sich manchmal deckenhohe Bücherregale, randvoll mit antiquarischen Schinken. Zwischen den Möbeln stehen Zimmerpflanzen und auf so manchem Holzstuhl haben sicherlich schon revolutionäre Geister wie Jan Palach gesessen und über den Marxismus diskutiert. Auch die Gänge des Hauptgebäudes sind angenehm unorganisiert: Hinter Cola- und Kaffee-Automaten stehen lange Glasvitrinen, gefolgt von endlosen Reihen massiver Holzschränke, jeder mit einem eigenen Schloss verriegelt.

Anders sind auch die Seminare selbst. Leider herrscht nicht die gleiche Diskussionsbereitschaft, wie ich das von deutschen Unis gewohnt bin. In Berlin oder auch München hat sich die Hauptaktivität mittlerweile auf die Seite der Studierenden hin verlagert. Dozenten leiten das Gespräch, stellen ab und an Fragen und machen Kommentare, sind aber vom Redeanteil her mit den Studierenden gleichgestellt. Dies führt teilweise zu dem Extrem, dass die Dozenten die Verantwortung völlig abgeben und die anderthalb Seminarstunden ausschließlich mit Studierendenreferaten rumbekommen. Gähn. In Prag ist das genaue Gegenteil der Fall, hier spricht hauptsächlich der Lehrende und nicht der Lernende. Ich muss jedoch sagen, dass meine Prager Dozenten es stets schaffen, das Seminar trotz des hohen Redeanteils interessant zu gestalten, nach einigen Wochen bin ich vom Unterricht wirklich begeistert. Trotzdem sei die Frage erlaubt: Welche Variante ist besser? In Deutschland etabliert sich meiner Erfahrung nach immer mehr eine angenehme Mischform: die Sitzungsleitung. Zusammen mit der Dozentin leitet ein Student eine Seminarstunde, beide geben zwischendurch Input und sind gleichzeitig in der Verantwortung, die Diskussion am Laufen zu halten.

Deshalb freue ich mich auch wieder auf die Berliner Seminare. Auch wenn diese dann in den sterilen Räumlichkeiten meines Heimatinstituts stattfinden, ohne einen eingestaubtem Ficus in der Ecke.


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