Zwei Männer hinter Biergläsern

Theo in Prag: Wahlverwandtschaften

Theo verbringt sein Erasmussemester in Prag. Ein Erfahrungsbericht. Diesmal: Studieren und die Freundschaft.

„Those were the days my friend…“ - Mary Hopkin

Der Kern des Erasmus Programms, das wusste schon sein Erfinder Herr von Rotterdam, sind nicht die Kurse, die Thesenpapiere und Klausuren. Und schon gar nicht sind es die ECTS-Punkte (bah, ein wirklich scheußlicher Begriff), die ich am Ende des Semesters mit nach Hause nehmen kann. Vielmehr ist es das Außeruniversitäre, das Nicht-Vorgeschriebene und das, was glücklicherweise nicht in formaljuristische Prozessalien einer Studienorganisation hineingezwängt werden kann. Nicht das Anrechenbare, sondern das Unberechenbare. Es ist das Herumstehen vor dem Raum kurz bevor das Seminar beginnt oder das Mittagessen inmitten eines langen Bibliothekstages. Warum? Weil man hier auf das mit großem Abstand wichtigste eines jeden Erasmus-Aufenthaltes trifft: auf andere Studierende. Und manchmal: Freunde.

Mit Beginn des ersten Studientages befinden sich die meisten in der gleichen Situation und teilen die Disposition des Alleinseins. Sicher, die ein oder andere hat vielleicht einen Freund dabei, trotzdem sucht jeder immer und überall nach neuen Bekanntschaften. Bessere Umstände für ein Kennenlernen kann es kaum geben. Interessant ist hier vor allem, wie die Prozesse des langsamen Kennenlernens vonstattengehen. Wir alle teilen in jedem Fall zwei grundlegende Dinge miteinander: Das Studium einerseits und andererseits die Tatsache, aus dem Ausland zu stammen und sich nun in einem fremden Land wiederzufinden. Damit herrscht schon einmal kein Mangel an Gesprächsthemen. Vor allem Facebook spielt bei all dem eine mächtige Rolle: Hier werden Partys organisiert, Absprachen getroffen und in einschlägigen Gruppen diverse Probleme geklärt. Mittlerweile ist die erste Frage nicht mehr die nach der Telefonnummer, sondern die nach dem Facebook-Namen. Es steht überhaupt nicht mehr zur Debatte, ob der oder die bei Facebook überhaupt angemeldet ist, davon wird immer schon ausgegangen. Du brauchst ein Zimmer in Prag? Geh zu Facebook! Du willst heute Abend spontan einen heben? Geh zu Facebook! Du willst deine Freunde über deine Verdauungsprodukte informieren? Gut, lassen wir das.

Es ist also verdammt einfach, mit Erasmus im Nacken Leute zu treffen und nach nunmehr vier Monaten habe ich auch durchaus verschiedene Prager Freundeskreise. Da sind zunächst einmal die flüchtigen Bekanntschaften, Studierende die man vom Sehen her kennt, vielleicht auch schon einmal mit ihnen gesprochen hat, oberflächlich nur, von denen man sonst aber wenig weiß. Dieser eine Deutsche etwa, dem tatsächlich ein Schnurrbart aus der Nase wächst. Oder auch die eine Tschechin aus der Bib, mit der ich ab und zu schüchterne Blicke austausche. Und auch dieser Ami, mit dem ich mich einmal und nie wieder bei einem Eishockeyspiel von Sparta Prag so wunderbar über die deutsche und die amerikanische Fankultur unterhalten habe.

Dann gibt es eine Gruppe von Leuten, die man schon besser kennt, mit denen man ab und an ein paar Bierchen trinken geht oder Billiard spielt. Eigentlich möchte man viel mehr miteinander machen, nimmt es sich auch vor, doch letztendlich bleibt es dann doch bei den ein, zwei, vielleicht auch drei Treffen im Monat, dann meist in größeren Gruppen. Dazu zählt etwa die Griechin, vermutlich eine Zehn und so attraktiv, dass viele im Gespräch nervös zu stottern anfangen. Oder der eine Däne, der sich nachts gerne bis zur Besinnungslosigkeit die Kante gibt und tagsüber als einziger dem vermutlich hochbegabten Heidegger-Dozenten die Stirn bieten kann. Die Italienerin, mit der ich mich drei Stunden lang erst bei Kaffee, später beim Bier auf unsere Ästhetik-Klausur vorbereitet habe. Auch die Bulgarin, mit der ich am liebsten doppelt so viel Zeit verbringen würde, vor allem um endlich einmal ihre Prager Dachterrasse zu sehen! Und vor allem der Franzose, mit dem ich jeden Sonntag Fußball spiele und vor allem über Pässe kommuniziere.

Wirklich wertvoll sind die Freundschaften, die sich ganz allmählich gebildet haben. Beziehungen, die möglicherweise überdauern werden, deren Haltbarkeitsdatum nicht auf den Tag der Ausreise beschränkt ist. Meine Französin aus dem Zimmer neben mir gehört dazu. Noch immer ist sie des Englischen nicht mächtig, schlimm ist das nicht weiter. Denn dadurch habe ich in den vergangenen Monaten ein grundständiges Französisch gelernt, mit dem ich mich zumindest verständlich machen kann (hier lässt sich übrigens eine interessante Gleichung aufstellen: Je mehr Bier ich mit ihr trinke, je mehr Zigaretten ich mit ihr rauche, umso schneller verbessert sich mein Französisch). Seit ein paar Wochen ist auch dieses Paar aus Israel zu der Gruppe hinzugekommen, sie tschechische, er russische Wurzeln. Noch vor wenigen Monaten sind sie mit ihrem Wohnwagen durch Europa getourt und haben sich mit Crèpe-Verkäufen über Wasser gehalten. Mittlerweile darf er aufgrund von Visa-Problemen die Tschechische Republik nicht mehr verlassen, daher haben beide viel Zeit für ausgedehnte Abende in zwielichtigen Pubs und Billardsaloons. Dazu zählt auch mein Buddy, die sich jeden einzelnen meiner Blogtexte mit Google übersetzen lässt – schade nur, dass Maschinen so schlechte Poeten sind. Nicht zuletzt natürlich meine beiden Berliner. Unzählbar sind die Nächte, die wir verplemperten, sind die Biere, die wir leerten, sind die Kronen, die wir zusammen verprassten.

Alles in allem wabert in den mich umgebenden Dunstkreisen also eine vielfältige Mischung aus interessanten Persönlichkeiten, Ansichten, Lebensarten. Vielleicht lässt sich daraus sogar ein Appell in Richtung Deutschland drehen, denn in all dem steckt das vielleicht stärkste Argument gegen Fremdenfeindlichkeit: Was würde den Deutschen doch alles entgehen, wenn diese „Anderen“ nicht wären!


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