Mann mit Schiebermütze vor Felsen

Auslandsemester in Utah

Unter Mormonen - Christian hat in Utah effektives Lernen und freundliches Fluchen gelernt!

»Is your husband coming to class today?« ist keine außergewöhnliche Frage zu Beginn einer Vorlesung, wenn man in Utah studiert. Schließlich sind mormonische Studierende häufig schon mit 20 Jahren verheiratet. Mein Austauschsemester im letzten Winter war nicht nur in dieser Hinsicht speziell. Neben dem mormonischen Alltag sorgten eine mitreißende Lernkultur und traumhafte Landschaften für einen unvergesslichen Aufenthalt im mittleren Westen der USA.

Je näher mein Leben in Utah kam, desto mehr bekam ich zu hören: »Utah, das ist doch der Staat von dieser Sekte, oder? Was will man denn da?« Klar, es gibt immer kritische Stimmen vor längeren Auslandsaufenthalten. Aber in der Form hatte ich das wirklich noch nicht erlebt. Eigentlich bestand für mich der Reiz meines Auslandssemesters in den USA aber genau darin, eben nicht eines der klassischen Ziele in Kalifornien, New York oder Columbia anzusteuern. »Muss ich mich mehrmals am Tag dafür rechtfertigen?«, fragte ich mich. So hatte ich schon vor meinem Auslandssemester an der Utah State University in der Kleinstadt Logan mehr oder weniger unfreiwillig den Auftrag, Freunde und Bekannte darüber aufzuklären, wer oder was diese Mormonen eigentlich sind, die 60 Prozent der Bevölkerung in Utah ausmachen. Die gelungene Southpark-Folge ›All About Mormons‹ bringt es auf den Punkt: Man kann sich an vielen Aspekten dieser Religion stören. Aber unerklärlicherweise mag man alle Mormonen, mit denen man in persönlichem Kontakt stand, am Ende trotzdem. Sie verstehen es, kritische Fragen zu ihrer Religion, wie etwa der lange Zeit bestehenden Polygamie, der strikten Ablehnung von Homosexualität oder dem Prophetismus, stets geschickt zu umgehen. Jedes Gespräch läuft letztlich darauf hinaus, dass die Werte der Familie und der Solidarität der ›Kirche Jesu Christi der letzten Tage‹ betont werden. Das Mormonentum ist keine Sekte, vielmehr eine sehr konservative Form des Christentums, in der familiärer Zusammenhalt und enthaltsames Leben über allem stehen.


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Ankunft Utah: ein Traum für Outdoorliebhaber

Studieren in Utah

In Utah angekommen, kam ich aus dem Staunen kaum mehr heraus. Traumhafte Landschaften, endlose Weiten und atemberaubende Canyons zogen mich sofort in ihren Bann. Allein fünf Nationalparks und zahlreiche weitere traumhafte Gebiete laden zum Campen, Wandern, Raften und Klettern ein. Da wundert es kaum, dass manche Studierende mit Kletterausrüstung in die Uni kommen, um sich dann am späten Nachmittag in einem der Canyons auszutoben, die Logan umgeben.

Würde Logan nicht auf knapp 1.400 Metern liegen, würde es sich nicht von zahlreichen anderen US-amerikanischen Kleinstädten unterscheiden. Lieblos aus dem Boden gestampft, kulturell ohne jeden Charme, dafür bestückt mit einem großen Walmart und vielen Fastfood-Restaurants.

Studieren in USAUtah liegt auf einem Hochplateau, alle größeren Städte befinden sich auf über 1.000 Metern. Diese besondere geographische Lage macht es möglich, dass es in den Sommermonaten konstant über 30 Grad Celsius heiß ist und sich der Staat im Winter in ein großes Skigebiet verwandelt. Nicht umsonst war die Hauptstadt Salt Lake City Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2002. Obwohl allein diese Besonderheit ein Austauschsemester in Utah wert ist, hat mir der Aufenthalt auch in akademischer Hinsicht enorm viel gebracht:

Infrastruktur und Organisation der Universität sind perfekt auf die Bedürfnisse von Studierenden zugeschnitten und die Professoren vermitteln eine ungeheure Lerneuphorie. Davon, dass ein Professor allen Studierenden seine Handynummer gibt und sogar sonntags für Fragen bereitsteht, kann ich in Frankfurt/Oder, wo ich ›European Studies‹ studiere, nur träumen. Ständige Deadlines für Hausarbeiten zwingen zu mehr Produktivität, das Aufschieben von Hausarbeiten gehört einfach nicht zur dortigen Lernkultur. Noch heute bin ich erstaunt, zu welchen Leistungen ich in diesem Semester fähig war.

Mormonen sind unfassbar freundlich

Auslandsstudium Utah USAFluchen und Beschweren gehören in Utah nicht zum rhetorischen Repertoire. Spätestens, als ich beim Basketball nach einem Fehlwurf laut »Fuck« durch die Halle schrie und danach minutenlang betretenes Schweigen den Raum erfüllte, wusste ich endgültig Bescheid. Mormonen benutzen die Wörter ›fudge‹, ›shoot‹ und ›heck‹ anstelle von ›fuck‹, ›shit‹ und ›hell‹, um nicht zu fluchen. Für jemanden, der die raue Berliner Schnauze gewöhnt ist, eine enorme Umstellung.

Auch die US-amerikanische Harmoniesucht wird hier auf die Spitze getrieben: Wenn man jemanden aus Versehen leicht anrempelt, wird diese Person sich danach noch dafür entschuldigen. Dieser übertriebene Hang zum zwischenmenschlichen Einklang war für mich manchmal im wahrsten Sinne des Wortes doch etwas zu viel des Guten.

Abends bleiben Mormonen eher unter sich. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass sämtliche Vorzüge des europäischen Studentenlebens für sie verboten sind. Alkohol, Zigaretten, Kaffee, Sex vor der Ehe: alles höchst sündhaft. »Vielleicht ist das der Grund, warum alle hier so früh heiraten«, dachte ich mir nach meinen ersten Tagen in der Logan. Ex-Mormonen erklärten mir später, es sei vor allem der soziale Druck innerhalb der Glaubensgemeinschaft, der zur frühen Heirat führt.

Ich hatte das Glück, außerhalb des Campus bei ehemaligen Mormonen wohnen zu können. So bekam ich aus nächster Nähe mit, was es heißt, von der eigenen Familie als ›schwarzes Schaf‹ angesehen zu werden. Zwei meiner Mitbewohnerinnen waren bisexuell, ein Mitbewohner schwul. Ihr kürzlicher Austritt aus der radikal heterosexuell orientierten Glaubensgemeinschaft bedeutete für ihre Familien, dass ihr Kind nach seinem Tod den Gang in die Hölle antreten müsse. Dementsprechend durfte eine meiner Mitbewohnerinnen beim Begräbnis ihrer Großmutter deren Sarg nicht mittragen und musste als sündhaftes Familienmitglied abgesondert vom Rest der Familie stehen und alleine trauern. Viele Ex-Mormonen, die ich kennenlernte, verachten ihre ehemalige Religion seit ihrem Austritt aufs Schärfste und haben die Bindung zu ihrer Familie fast komplett verloren.

Studium in Utah snowboardingDa Logan mit seinen knapp 45.000 Einwohnern relativ überschaubar ist, findet die nicht-mormonische Minderheit von Studierenden vor allem abends schnell zusammen. So kam auch der feucht-fröhliche Anteil des Studentenlebens nicht zu kurz und ich kam in den Genuss jener mit Schnaps gefüllten großen roten Plastikbechern, die man aus Filmen über das College-Leben in den USA kennt. Ich hatte den Eindruck, als würde das öffentliche Alkoholverbot dazu führen, dass hinter verschlossenen Türen umso exzessiver Alkohol getrunken und gefeiert wird. Einziger Wermutstropfen: Spätestens um zwei Uhr nachts fahren die Gesetzeshüter vor, leuchten das Haus mit Taschenlampen ab und behaupten grundsätzlich, der Nachbar habe sich über die Lautstärke beschwert.

Alles in allem war mein viermonatiger Aufenthalt in Utah zwar geprägt von vielen Dingen, über die ich nur den Kopf schütteln kann. Andererseits fühle ich mich darin bestätigt, dass es sich immer lohnt, ungewöhnliche Orte anzupeilen. Es gibt nichts bereichernderes, als direkt mit dem Unbekannten und Gegensätzlichen konfrontiert zu werden. Entgegen dem sehr schwammigen Bild, das viele von Utah haben: Der Staat ist mehr als nur ein Mormonenstaat und eine Reise wert.


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