Straße in Kuba, Häuser, Autos, Menschen und Tiere

Auslandssemester in Kuba

Salsa, Rum und Tabak – das verbinden wohl die meisten mit Kuba. Philipp erlebte jedoch das komplette Gegenteil während seines Auslandssemesters in Santa Clara, einer Provinzstadt im Herzen eines der wohl letzten kommunistischen Länder.

Mit einer gehörigen Portion Unwohlsein grinse ich am Flughafen Varaderos in die Kamera der Beamten der Inmigración, der Einwanderungsbehörde, welche ein Foto schießen und nach dem Grund meines Besuchs und vor allem einem Wohnort fragen. Als Tourist kann man nun sein Hotel angeben; als einreisender Student, welcher ein Zimmer im Studentenwohnheim aufgrund von nicht allzu guten Berichten seiner Vorgänger abgelehnt hat, gibt man unverbindlich ›Rundreise‹ an – und wird unter strengen Blicken durchgelassen.

Diese Art der Kontrolle, das ständige Fragen nach Ziel und Zweck des Aufenthalts, ist allgegenwärtig: bei den offiziellen Vermietern, in deren Häusern man als Ausländer verpflichtet ist zu wohnen, in den Zügen und in Überlandbussen. Der kubanische Staat ist ohne Frage in der Lage, einen gesamten Aufenthalt inklusive Reisewegen zu rekonstruieren. Viele dieser durch das Staatssystem bedingten, alltäglichen Einschränkungen sind zunächst gar nicht für mich nachvollziehbar: Während meiner Rundreise über die Insel möchte ich in einer Tankstelle Wasser kaufen, aber der Kassierer sagt mir: »Ich verkaufe dir kein Wasser. Ich habe keines.« Hinter ihm stehen aber zwei Kühlschränke randvoll mit Getränken. Dass er mir diese nicht verkaufen kann, weil er eine Lieferung bekommt, die er nur an Ausländer verkaufen darf und eine für Einheimische, erklärt er nicht.


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Betreten: Nur mit Visum!

Eine andere für Außenstehende undurchsichtigen Tatsache ist das Verbot, das der Insel nördlich vorgelagerte Archipel als Kubaner betreten zu dürfen: eine Erfahrung, welche auch ich machen musste. Nach meiner Ankunft erhielt ich zunächst ein touristisches Visum und bereiste mit diesem nahezu die ganze Insel. So auch das Archipel. Als drei Wochen später die Uni begann, bekam ich ein dauerhaftes Visum und erhielt – die einzige Möglichkeit, mehr als zwei Monate auf Kuba zu verweilen – die vorübergehende kubanische Staatsbürgerschaft. Es stellte sich damit einhergehend heraus, dass ich mich ebenfalls an Verbote für Kubaner halten musste: Bei meiner zweiten Ankunft am Kontrollposten der Straße, welche alle Inseln des Archipels miteinander verbindet, wurde mir der Zugang mit den Worten »Es tut mir leid, aber Kubaner haben keinen Zutritt zum Archipel!« verwehrt.

Als ›Kubaner‹ hat man allerdings auch gewisse Vorteile

Die Gesundheitsversorgung war beispielsweise kostenlos, ich konnte mit der Einheimischenwährung bezahlen und ich durfte den Bus für Einheimische nutzen, welcher umgerechnet 0,2 Eurocent pro Fahrt gekostet hat. So habe ich während meines ganzen Aufenthaltes weniger als einen Euro für alle Fahrten zur Uni und zurück gezahlt. Bei wohlgemerkt täglicher Teilnahme an den Veranstaltungen. An der Uni erwarteten mich ebenfalls andere Gewohnheiten als hier in Deutschland: Da der Busfahrer kommt, wenn er Zeit, Lust und Benzin hat, sind Verspätungen von bis zu 30 Minuten Usus: was aber niemand wirklich stört. Paradoxerweise erfragt jeder Student aber trotzdem die Erlaubnis, ins Seminar eintreten zu dürfen – es sei denn, der Professor saß selber noch mit im Bus.

So studiert man in Kuba:

Der Lehrbetrieb läuft im Klassenverband ab und die Studenten sind wesentlich jünger, ansonsten gab es keine sonderlich großen Umstellungen. Selbstverständlich war die Unterrichtssprache Spanisch, was mir am Anfang trotz meines Hispanistik-Studiums gewisse Schwierigkeiten bereitete. Das ist ungefähr so, als lerne man Hochdeutsch im Ausland und studierte danach im tiefsten Bayern – für jeden Sprachstudenten ein wahrer Alptraum.

Das kubanische Spanisch hört sich nämlich so an, als hätte man eine große Kartoffel im Mund. Zusätzlich dazu werden manche Wörter anders benutzt als im kastilischen: mala agua (deutsch: schlechtes Wasser) bedeutet zum Beispiel so viel wie ›Qualle‹, was aber eigentlich medusa heißt auf Spanisch. Nicht so lustig, wenn man gerade im Meer steht und darüber grübelt, was die ganze Familie einem zuruft, während sie aus dem Wasser läuft und man selber noch darin steht. Immerhin werde ich diese Besonderheit des kubanischen Spanisch nie vergessen. Nach einem Monat mit viel Geduld und Erklärungen meiner Gasteltern hatte ich mich dann doch ganz gut eingewöhnt. Der Kontakt zu meinen kubanischen Kommilitonen stellte sich zunächst weniger schnell ein als gewünscht. Warum, weiß ich bis heute nicht. Die älteren Leute etwa in meiner außeruniversitären Umgebung waren offener und hatten, aufgrund von Kubas ehemaligem engen Kontakt zur DDR, viele Erfahrungen in Bezug auf Deutschland und erzählten diese auch gerne und bereitwillig. Mit den Studenten brach das Eis erst nach ein paar Wochen: bei den kreolischen Spielen der Universität. Diese sind vergleichbar mit den olympische Spielen – alle 14 Fakultäten beteiligen sich daran. Ich wurde mit den Worten »Du bist doch Deutscher, du musst gut Fußball spielen können« zur Teilnahme aufgefordert und war über Nacht hundertprozentig in meine Fakultät integriert. Gemessen wurde sich zwei Wochen lang in allen Sportarten von Basketball bis Wasserball. Ich glaube, so etwas wäre hier in Deutschland unvorstellbar.

Oje, die Regenzeit kommt

Ein wirklich außergewöhnliches Ritual muss ich allerdings doch noch erwähnen: Während der Regenzeit wurde jeden Morgen der Klassenraum aufgewischt. Die Universität als öffentliche und kostenfreie Institution hat viele Probleme, die dem Staat auch zu eigen sind; es gibt kein Geld für Strom, eine schlechte Ausstattung und marode Gebäude. Während der Regenzeit musste also jeden Morgen ein Student des Kurses etwas früher erscheinen, um das durch die Decke gekommene Wasser aufzuwischen – meistens gleichzeitig zu einem lautstark bollerndem Traktor, der zu einer Pumpe umfunktioniert worden war und das Regenwasser literweise aus irgendwelchen Ecken der Fakultät beförderte. Nach meiner Rückkehr nach Deutschland musste ich mich schnell an die häufige Frage, ob mein Auslandssemester auf Kuba denn gut gewesen sei, gewöhnen. Natürlich kann man so eine Frage nicht so leichthin beantworten, denn dieser Inselstaat ist ein so facettenreiches Land, in dem viele Dinge auf den ersten Blick unlogisch erscheinen mögen. Zudem beinhaltet ein Aufenthalt von fast sechs Monaten dermaßen viele Erfahrungen und Anekdoten, von denen ich ohne Probleme über drei Stunden erzählen könnte. Letztendlich bleibt es jedem selbst überlassen, ob diese außergewöhnliche Insel nur den Dreischritt von Rum, Salsa und Zigarren bietet oder ob die Diktatur nicht auch stark die Persönlichkeitsrechte der Leute und das alltägliche Leben eingreift.

Text & Fotos: Philipp Brüggemann


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