Kreuzfahrtschiff auf dem Meer
Foto: Pixabay

Lust auf Meer: Studium auf hoher See

Ein Semester mit dem Schiff über drei Kontinente: Jonas verband beim Semester at Sea Reisen mit Studieren.

Starker Wind, leichter Seegang und der Blick auf das weite Meer. Ich sitze draußen, zusammen mit ein paar Studenten und Professoren an einem Tisch und genieße unter strahlender Sonne mein Mittagessen. Wir reden über die letzte Unterrichtsstunde, in der wir uns auf den nächsten Stop Japan vorbereitet haben. Was ich hier mache? Ich studiere für knapp vier Monate auf einer schwimmenden Universität, der MS Deutschland, in Deutschland noch bekannt als das Traumschiff. Im Semester at Sea (SAS) reisen wir auf diesem Schiff um die Welt und studieren dabei mit circa 600 Studenten aus unterschiedlichsten Nationen.

Meine Motivation für das Semester: Abwechslung zu meinem Universitätsalltag in Deutschland und vertieftes Erkennen und Begreifen einer globalen Perspektive. Der stressige Unialltag hatte mich zum Bulimielernen gezwungen, meine Lust am Lernen war zerstört. Wofür will ich als Informatikstudent eigentlich später mein Wissen überhaupt anwenden? Gespräche mit elf Deutschen, die das SAS-Abenteuer schon hinter sich hatten, gaben mir den Anstoß, mein Studium zu verlängern und den Bewerbungsprozess zu starten.

Der Aufwand lohnt sich

Das Ganze zu realisieren, war natürlich auch mit Aufwand verbunden. Weniger für die Teilnahme am Programm selbst, aber dafür umso mehr bei den Bewerbungen um die nötigen Stipendien. Der Programmpreis von mindestens 24.000 US-Dollar ist zumindest anteilig finanzierbar durch Stipendien von SAS und der Begabtenförderungswerke, das Promos Stipendium und Auslands-BAföG. Auch wenn ich selber ein paar Tausend Euro zur Finanzierung beigetragen habe, kann ich im Rückblick nur sagen: Es lohnt sich!

Bereits der Beginn der Schiffsreise war mit ausgesprochen vielen neuen Eindrücken gefüllt. Jeden Tag, zum Beispiel beim gemeinsamen Essen, lernte ich neue nette und interessante Mitstudenten und Professoren kennen. Dabei zeigte sich ein starker amerikanischer Einfluss – nicht nur durch die scheinbar obligatorische Erdnussbutter zu jeder Mahlzeit. Durch die offene amerikanische Art der Kommunikation fühlte ich mich schnell wohl. Geradezu selbstverständlich fragten mich bisher unbekannte Mitreisende zu jeder Begrüßung, wie es mir geht. Erst mit der Zeit wurde mir klar, dass das tägliche »How are you« nicht unbedingt eine ernstgemeinte Frage, sondern eher eine Floskel zur Begrüßung darstellt, die man nicht mit »I feel bad« beantworten sollte. Intensivere Kontakte hatte ich dann vor allem mit den nicht-amerikanischen Studenten, die aus über 60 Ländern kamen.

Abseits der klassischen Wege

Ich belegte Kurse wie Leadership and Organizational Behaviour und verglich, wie der Führungsstil von Land zu Land variiert. Interkulturell angelegt sind alle Kurse unterschiedlicher Fachrichtungen bei SAS. Mein Bewusstsein für die Privilegien in Deutschland schärfte sich durch lebensnahe Eindrücke in den jeweiligen Ländern: Ob es die Umweltverschmutzung in China, das fehlende Sozialsystem in Vietnam oder der Mangel an sauberem Trinkwasser in Ghana war – mir wurde klar, auch hierfür trage ich eine globale (Mit-)Verantwortung.

Durch den tiefen Einblick in andere Kulturen, Perspektiven und Lebensentwürfe erkannte ich, wie feste Regeln und Strukturen in Deutschland auch Chancen und Talente einengen können. Der Sinn des Lebens verbunden mit persönlichem Glück lässt sich über so viele Optionen auf der Welt finden, nicht nur über den klassischen Weg von Abitur, Studium und Job. Dabei bietet der Schiffsaufenthalt auch Gestaltungschancen über das Studium hinaus. So wurde jeder Student ermuntert, einen Studentenclub zu gründen. Clubs wie den Sustainability Club oder den Business Club, der zum Beispiel mit Professoren des Schiffs ein Training für Bewerbungsgespräche organisierte, waren für mich besonders aufschlussreich.

Die achtsame Reflexion meines Handelns und die Vertiefung meines Anspruchs, gemeinschaftlich die Welt zu einem besseren Ort zu machen, waren meine Highlights des Semester at Sea. Diese Mission wurde für mich umso wichtiger, als der Friedensnobelpreisträger Erzbischof Desmond Tutu in Südafrika unser Schiff besuchte. Er sagte zu uns, dass wir, die jungen Menschen, Gottes beste Werbung seien, da wir noch da-ran glauben, dass die Welt ein besserer Ort werden kann. Dies ermunterte mich, meinerseits dieser Vision nachzukommen und aktiv gegen den Klimawandel in der Welt vorzugehen.

Eine Lebensentscheidung

Kannst du dir auch vorstellen, ein solches Semester auf See zu verbringen? Dann bewirb dich am besten frühzeitig, circa acht Monate vor Abreise, so hast du noch die Auswahl bei den günstigsten Kabinen und genug Zeit, alles Organisatorische zu klären. Dazu zählt  zum Beispiel der Austausch mit Alumnis von Semester at Sea und  die Bewerbung um Stipendien.

Rückblickend ist die Entscheidung zur Teilnahme am Semester at Sea bisher die beste meines Lebens. Ich habe gelernt: Die Welt besteht nicht nur aus festen Regeln und Strukturen, wie wir es häufig in Deutschland mitbekommen. Sie ist vielmehr ein dynamischer Platz, der von jedem von uns mitgestaltet werden kann. Und ich habe gute Freunde gefunden, die auf der ganzen Welt verteilt sind, dazu international tätige Professoren, die mich mit Rat und Tat, zum Beispiel durch Empfehlungsschreiben und Tipps bei Bewerbungen, unterstützen.


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