Mexikanische Totenkopffiguren

Studieren in Mexiko: ein Gringo lernt Salsa

Stefan berichtet von seiner Zeit an der Universität 'Tec de Monterrey' im mexikanischen Querétaro mit durchtanzten Nächten, Straßenfesten und einem Campus, den sich viele Studenten in Deutschland wünschen würden.

»Dein Rhythmus ist gar nicht schlecht … für einen Deutschen«, lächelt mir eine Mexikanerin mit großen braunen Augen und dunkel gelockten Haaren entgegen. Es ist drei Uhr nachts in meiner ersten Woche in Mexiko, als ich meine ›Salsa-Tanzstunden-Premiere‹ feiere. Die Tanzfläche, auf der wir stehen, ist voll von Mexikanern und einer Hand voll internationaler Studenten. Es wird gestoßen, gelacht, geschwitzt und überall werden Pirouetten gedreht. Aus den Boxen dröhnen die schluchzenden Worte Marc Anthonys, als wir uns – mehr oder weniger – im Takt dazu bewegen.

Geduldig und immer freundlich lächelnd versucht sie mir die Basisschritte des Salsa zu zeigen. Mein Gespür für den Rhythmus fühlt sich dabei genauso bescheiden an, wie die 20 Sätze Spanisch, die ich noch aus meinem Grundkurs von vor zwei Jahren kenne. »Paso a paso« (Schritt für Schritt) will sie mir die schwungvolle Welt des Salsa eröffnen. »Na, dann viel Glück«, denke ich mir und zähle innerlich weiter meine Schritte.


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Eine aufregende Zeit

So begann mein Auslandsjahr in Querétaro, im Herzen Mexikos, mit vielen durchtanzten Nächten. In den Anfangstagen hielt jeder Tag und nahezu jede Nacht ein neues, kleines Abenteuer für mich und meine deutschen Kommilitonen bereit. Mit Hilfe einer mexikanischen Bekannten fanden wir eine Wohnung in Campusnähe. Zuvor hatten wir zwei Tage telefoniert, besichtigt, übersetzt und sind durch die Gegend gewandert. Unser Willkommens-Sonnenbrand, ein Tequila und die Deutschkenntnisse des mexikanischen Mitbewohners sorgten für Gesprächsstoff. Auch die kulinarische Einführung in die mexikanische Küche wurde durch unsere Bekannte erleichtert. Etwas zögerlich bestellte ich in einem kleinen Imbiss an der Straßenecke eine ›Torta‹. Das zerstückelte, angebratene Fleisch zwischen den zwei Brötchenhälften, angereichert mit Zwiebeln und Avocado, schmeckte umgehend wie ein Erlebnis für den Gaumen. Mit der pikanten roten Soße hatte ich mich allerdings sehr vertan und zerquetschte zur Entschärfung noch einige Limetten darüber. Den Unterschied zwischen Tacos, Tortas, Tortillas, Huaraches, Quesadillas, Gringas sowie den verschiedenen Fleischsorten verstand ich allerdings selbst nach der dritten Erklärung noch nicht. Als die Orientierungswoche startete, staunten wir nicht schlecht über die traumhafte Welt der mexikanischen Privatuni: Der eingezäunte Campus mit Grünflächen und Palmen, Wasserspender an jedem Gebäude, eine große Bibliothek und kleine Arbeitsplätze mit Strom­anschluss und Sonnenschirm sowie W-Lan auf dem gesamten Gelände brachten uns auf Anhieb zum Schwärmen.

Wissensaustausch der etwas anderen Art

Aufgrund der offenen Art der Mexikaner, in Kombination mit unserem ›Exotenstatus‹, wurden wir früh auf einige Hauspartys eingeladen. Bei Bier, Tequila, Mezcal und Chips in allen Schärfegraden prasselten die Fragen über meine Herkunft und den ersten Eindruck von Mexiko auf mich ein. Trotz meines geringen Wortschatzes und meiner schlechten Grammatik hatte ich das Gefühl, dass die Gäste meinen langsamen Worten aufmerksam lauschten. Der Gebrauch typisch spanischer Ausdrücke brachte einige aus der Fassung und führte oftmals zu schallendem Gelächter. Im Gegenzug wurden mir die wichtigsten mexikanischen Schimpfworte beigebracht und mit welchen Worten sich am besten die Polizei bestechen ließe. Einem erfolgreichen ersten Semester stand nichts mehr im Wege.

Und so studiert es sich in Mexiko

Studieren in MexikoSieben Monate sind seitdem vergangen. Durch die direkte Kooperation der Hochschule Karlsruhe mit der Tec de Monterrey bin ich nun in meinem zweiten Semester in Querétaro. Hier fühlt sich das Alltagsleben durch die vielen Reisen und die äußeren Umstände nicht wirklich wie ein typisches Studentenleben an. Den Weg zur Uni versüßt ein ganzjährig strahlend blauer Himmel gepaart mit frisch gepresstem Orangensaft. Ohne Ausweiskontrolle, aber mit einem Lächeln geht’s vorbei am Wachmann in das kleine Studentenparadies.

Zwischen den Vorlesungen treffe ich meine mexikanischen und internationalen Freunde – unter anderem im unieigenen Fitnessstudio, im Salsa-Kurs oder an einem der zahlreichen Kioske. Die Kehrseite des verschulten Unisystems ist mittlerweile auch zur Routine geworden. Minutengenaue Anwesenheitspflicht, Hausaufgaben, Präsentationen und Zwischenexamen bedeuten in Kombination mit Reisen und Partys so manchen Stress. Nahezu ohne Probleme belege ich inzwischen all meine Kurse auf Spanisch. Inhaltlich sind die Kurse nicht sehr anspruchsvoll, dafür jedoch mit großem Arbeitsaufwand verbunden. Bei Treffen für Projektabgaben stellt sich die Zusammenarbeit selbst mit engsten Freunden immer noch als schwierig heraus. Wer Glück hat, wartet nur ein bis zwei Stunden auf so manchen mexikanischen Teamkollegen. Um aus der ›Privatuni-Blase‹ voller Blackberrys, iPads, Stöckelschuhen und teuren Autos zu entkommen, flüchte ich immer öfter mit dem Taxi Richtung Stadtzentrum. Der Plausch mit dem Taxifahrer verbessert die Sprachkenntnisse und liefert die ein oder andere Anekdote aus seinem Leben, als wir an den farbenprächtigen Flachdachhäusern vorbeidüsen. Fahrradfahrer sind hier übrigens eher als Selbstmörder zu betrachten. Niemand achtet auf sie. Den wahren Charme der – vergleichsweise – ruhigen Kolonialstadt spüre ich am meisten auf einem der zahlreichen ›Plazas‹ in der Altstadt. Einzelhändler verkaufen hier alles was blinkt, Geräusche macht, gut schmeckt oder schön aussieht. Luftballons in Superheldenform, Früchtebecher – Mango, Melone, Gurke – wahlweise mit Chilipulver, Chips mit roter Salsa oder Tacos zum Mitnehmen. Gemütlich schlendern die Einheimischen an den Kunsthandwerker-Läden, Cafés und alternativ eingerichteten Bars vorbei.

Nur die zwei leicht bekleideten Mädels, die vor einer Apotheke mit einem Maskottchen tanzen, stören das friedliche Bild, das doch so viel über die Mentalität der Mexikaner aussagt: Ohne Musik, ohne Lachen und ohne Tanz könnte ich mir Mexiko nicht vorstellen. Nicht einmal der Tod bleibt verschont. Sie lachen ihn aus, kreieren Totenköpfe aus Zucker und schminken sich am Tag der Toten. Die Mexikaner pflegen diese Tradition ebenso wie manch altmodischen Wert. Pärchen jeglichen Alters treffen sich in Motels, da die Übernachtung im Zimmer des Partners durch die Eltern bis zur Eheschließung nicht geduldet wird. Bei meinem persönlichen Höhepunkt, dem Straßenfestival ›Cervantino‹, lässt die lebensfrohe Art mein Herz besonders hoch schlagen. Auf den vollgestopften Gassen von Guanajuato lernen wir im Minutentakt neue Leute kennen, die mit uns tanzen, trinken und uns auf ihre Hauspartys einladen. Die Vielfalt der Musikstile ist dabei so abwechslungsreich wie die Menschen, die wir treffen. Egal ob Merengue, Bachata, Salsa, Cumbia, Elektro, Hip-Hop oder Rock, für jeden Geschmack ist etwas dabei. Das generelle Trinkverbot auf den Straßen hält niemand wirklich zurück und schließlich stecke auch ich dem Polizisten 100 Pesos (circa sechs Euro) fürs Wegschauen zu. So habe ich mich in einem Jahr Mexiko-Aufenthalt an vieles gewöhnt und noch mehr gelernt: Viel Sonne und Licht lockern das Gemüt, Busfahrpläne gibt’s nicht und an den Straßenständen ist das Essen am Besten.

Durch mein großes Engagement, Spanisch zu sprechen, wurden lästige ›Gringo‹-Vorurteile hinfällig und die Menschen offen, hilfsbereit und redselig. Nur die Mischung aus Bier, Salz, Limetten, Chili und einer Salsa geht nun wirklich zu weit. Ansonsten: Viva México, Cabrones!

Text & Fotos: Stefan Jost


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