Frau am Strand, kleine Mauer, Meer und Strandhaus

Auslandssemester in Brasilien

Vivianas Report über ihr Semester in São Paulo.

Sao Paulo: größte Stadt Brasiliens

»Ich bin angekommen. In einer riesigen Stadt mit Millionen von Menschen, nicht überblickender Häusermengen, verwirrenden Straßen und Autobahnen, unzähligen Autos, die chaotisch und schnell fahren. Chaotisch, das ist der richtige Ausdruck für São Paulo, daher lautet die erste Frage, die ich mir stelle: »Wie soll ich mich hier je zurechtfinden?« Untergebracht bin ich bei Raquel, einer Freundin von Bekannten meiner Eltern. Sie ist eine energische Farbige, Mitte 30, arbeitet viel, verdient gut. Für mein Zimmer bezahle ich mehr als in meiner Berliner WG, von ausländischen Studenten kann man eben etwas mehr verlangen. Nichtsdestotrotz ist sie sehr fürsorglich und offen, bald kenne ich Details aus ihrem Sexleben.


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Am nächsten Tag werde ich zur Universität gebracht – von Raquels Haushälterin. Auch wenn es mir etwas unangenehm ist, bin ich sehr dankbar für die Begleitung, denn alleine würde ich den Weg niemals finden. Es folgen die Fahrt in der recht modernen S-Bahn, hier Zug genannt, und einige Meter Fußmarsch entlang des übel stinkenden Flusses Tietê. Dann sind wir vor der Universidade de São Paulo (USP) angekommen. Es geht durch ein bewachtes Tor, hinein in einen ummauerten und mit Stacheldraht versehenen Campus – auf der anderen Seite befindet sich eine Favela. Drinnen liegt das Paradies, riesige Grünflachen mit Palmen, gepflegte Gebäude mit Wasserspendern. Doch wir sind noch lange nicht am Ziel, denn der Campus ist enorm, um zu den Fakultäten zu kommen, nimmt man einen der Busse, die im Kreis in beide Richtungen alle Gebäude abfahren. Ich frage nach, welcher Bus mich hinbringt, erwische aber leider den Falschen und fahre so eine halbe Stunde an sämtlichen Instituten vorbei, bis ich endlich da bin.

An der USP sind alle wahnsinnig nett, ich brauche nur kurz orientierungslos herumzustehen, schon kommt jemand und fragt, ob er mir helfen könne. So lerne ich schnell viele Leute kennen. Die erste Frage lautet stets: »Woher kommst du?«. Die zweite angesichts meiner blauen Augen: »Sind die echt?«. Zum ersten Mal fühle ich mich exotisch. Allerdings merke ich auch bald auf der Straße, dass man als Frau keine fünf Meter alleine laufen kann, ohne angemacht zu werden und sei es auch nur, dass ein Pfeifen oder ein Kuss hinterhergeschickt wird. Manche Typen sind sehr penetrant und lassen nicht locker, auf Dauer nervt es ziemlich.

Universität in Brasilien

Auslandsaufenthalt in BrasilienIch suche bald nach einer WG, doch das ist nicht einfach, es gibt keine WG-Börse, nur ein paar Zettel an der Uni, viele wohnen noch bei ihren Eltern. Es kommt oft vor, dass aus Kostengründen ein Zimmer geteilt wird, mit mehreren Personen. Ich finde über eine Freundin eine schöne Vierer- WG in Pinheiros, einer guten Gegend São Paulos mit vielen Bars, die Live-Musik spielen. Zu meiner Verwunderung kann es in Brasilien kalt werden, vor allem in der Wohnung - Heizungen gibt es keine. In meiner WG haben zudem alle Fenster ein Loch, so dass es reinzieht. Wie in allen Wohnungen gehört auch zu meiner ein Pförtner, der jeden Besucher ankündigt.

Meine Uni ist sehr gut, etwas verschult, aber alle Studenten meines Faches können bestens über Marx, Weber, Durkheim und Hannah Arendt diskutieren und sind verwundert, als ich sage, Marx würde in Deutschland nicht mehr so stark behandelt. Auch sind die meisten meiner Kommilitonen sehr politisch, entweder sind sie engagiert oder führen zumindest viele politische Diskussionen untereinander. Die Mehrzahl arbeitet neben der Uni, für diese gibt es das gleiche Uniprogramm nochmal am Abend. Wenn ich Brasilianern außerhalb der Universität erzähle, dass ich an der USP studiere, staunen die meisten. Die USP hat ein großes Prestige und nicht alle schaffen es hier hin, an allen Unis gibt es Aufnahmeprüfungen, an den Staatlichen schwierigere, da es die besseren Unis sind. Um bestehen zu können, muss man aber eine gute private und kostenpflichtige Schule besucht haben, das Niveau der Staatlichen kostenlosen ist sehr niedrig. Das heißt, wer arm ist, geht auf die staatliche Schule und muss später Nachholkurse bezahlen, um die Aufnahmeprüfung an einer guten und kostenlosen Universität zu bestehen oder aber er zahlt Studiengebühren für eine private, weniger gute Universität. Das System scheint nicht sehr gerecht, daher gibt es nun Universitätsquoten für die Aufnahme von Farbigen, die in der Regel auch die Ärmeren sind. Auch andere Dinge sind in Brasilien nicht ganz logisch, aber funktionieren.

Zum Beispiel gibt es einige bürokratische Barrieren, auf die ich als ausländische Studentin stoße, aber immer höre ich: »Es wird schon irgendwie machbar sein.« Und in der Tat, man dreht und wendet alles ein wenig, ist flexibel, es findet sich immer eine Lösung. Die Brasilianer haben einen eigenen Ausdruck dafür und verkörpern stolz diese unkonventionelle Art, Probleme zu lösen, als Lebensgefühl. Es dauert einige Monate bis ich mich in etwa zurechtfinden kann in diesem riesigen Moloch. Es ist schwierig, her ausrauszufinden, wie man von A nach B kommt, denn der Busplan gleicht einem Telefonbuch und Abfahrtszeiten gibt es keine, aber zum Glück kann man immer jemanden fragen. Als europäische Frau hat man eindeutig einen Bonus, wird überall sehr gut behandelt. Überhaupt sind Brasilianer sehr freundlich und hilfsbereit, im Bus gibt es die Angewohnheit, die Tasche eines Stehenden auf den Schoß zu nehmen, wenn man selbst einen Sitzplatz hat.

Jeder macht es, es scheint Vertrauen zwischen den Menschen zu bestehen in dieser Stadt, in der jeden Tag von Kriminalität, Unfällen und Korruption berichtet wird. Mir selbst passiert nie etwas, sobald man sich ein wenig eingelebt hat, wirkt man selbstsicherer und wird nicht mehr als Touri, und damit als leichte Beute, betrachtet. Dafür begegnen mir jeden Tag obdachlose Menschen, es sind viele, sehr viele, die da verwahrlost auf dem Bürgersteig liegen, Männer und Frauen, nicht selten mit Kindern. Es ist ein bizarres Bild, woran sich das Auge manchmal gewöhnt und das einem andere Male Niedergeschlagenheit bereitet. Reizüberflutung in den vollen, lärmenden, mit kleinen Essens-und Warenständen übersähten Straßen gehört zur Tagesordnung. Nichtsdestotrotz, nach einem Jahr habe ich viel Portugiesisch gelernt, die besten Freunde bekommen, mir die brasilianische Lebensfreude angeeignet, unzählige Partys gefeiert und bin sehr fasziniert von dieser Stadt. Ich habe entschieden, ich bleibe noch ein Jahr.

Brasilianische Bräuche und Sitten

- Niemals in einem Restaurant an einen Tisch zu jemand Fremden setzen, selbst, wenn kein Platz mehr ist. Das tut man einfach nicht. Getränke werden immer mit Strohhalm und Eis serviert.

- Brasilianer blinken grundsätzlich selten. Gerade mal, wenn Stau ist und man unbedingt auf eine andere Spur will. Ist nicht viel Verkehr, musst du dich auch nicht unbedingt für eine Fahrspur entscheiden.

- In der Fußballnation gibt es das Ritual, dass Neugeborene noch im Krankenhaus einen Fußball geschenkt bekommen.

- Schönheit wird hier groß geschrieben, Frauen gehen alle zwei Wochen zur Maniküre.

- Mit Handschlag liegt man in Brasilien immer gut, er wird meist recht intensiv praktiziert. - Zu Einladungen kommt man in der Regel mit etwas Verspätung.

- Bei Trinkeld sind zehn bis 15 Prozent angemessen.


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