Frau vor buntbemalter Wand in Brasilien

Studieren in Brasilien: Erfahrungsbericht

Wer sich über den Atlantik wagt, wird mit lebendiger Vielfalt belohnt. Petra hat sich das eine Woche lang für euch aus der Nähe angeschaut.

Schon klar, eine Woche reicht sicher nicht, um das größte latainamerikanische Land und die Studienbedingungen vor Ort in Gänze kennenzulernen. Trotzdem bin ich der Einladung von Embratur, dem brasilianischen Fremdenverkehrsamt, gefolgt, um bei einer Tour von São Paulo über Curitiba bis nach Florianopolis eine Idee davon zu bekommen, wie ein Auslandssemester oder Praktikum in Brasilien aussehen kann. Mein Eindruck: German Angst wird überbewertet. Und manchmal könnten wir Deutschen uns ruhig ein Scheibchen brasilianische Lebenskultur abschneiden.
 

Brasilianer und Pünktlichkeit

Ein Beispiel: Meine beiden englischen Kollegen und ich sind mit unserer brasilianischen Begleiterin Renate zum Caipirinhatrinken verabredet. Jetleggeplagt döse ich zu lange und verspäte mich eine viertel Stunde – in Deutschland ein No-Go. Hier aber fällt das locker unter das Stichwort ›Brazilian Time‹: ein etwa zweistündiges Zeitfenster, innerhalb dessen eine Verabredung noch als pünktlich eingehalten gilt. Für Deutsche vielleicht ungewohnt, für mich als notorische Zuspätkommerin sehr entspannt. Zu geschäftlichen Terminen geht es aber pünktlich zu – das ist dann doch wieder very German.

Die Pünktlichkeit in Sachen Business war übrigens nicht das einzige deutsche, über das ich als Alemão in Brasilien gestolpert bin. Bis zu 1,5 Millionen der über 200 Millionen Brasilianer sprechen Deutsch als Muttersprache, damit ist Deutsch die zweitgrößte Erstsprache im Land. In den brasilianischen Staaten Santa Catarina und Rio Grande do Sul stellen die sogenannten ›Deutschbrasilianer‹, Brasilianer mit deutschen Wurzeln, sogar etwa vierzig Prozent der Bevölkerung. Häufig bin ich den mehr oder weniger gelungenen Imitationen eines deutschen Bierhauses begegnet – meist eine wilde Mischung aus Schwarzwaldkult, schwarz rot gold und Lederhosen – und in Blumenau findet jährlich das weltweit zweitgrößte Oktoberfest statt.
 

Zum Thema Angst in Brasilien

Bevor meine Reise nach Südamerika losging, tauchte plötzlich diese kleine Fieselstimme in meinem Kopf auf: »Was, wenn du ausgeraubt wirst? Was, wenn du dir durch einen Moskitostich eine schlimme Krankheit einfängst? Was, wenn dort niemand Englisch kann und du das brasilianische Portugiesisch einfach nicht hinkriegst?« Auch als vielgereister Mensch hatte ich diese typischen Brasilienvorbehalte im Gepäck. Eines vorweg: Mein Rat ist es keinenfalls, völlig unbekümmert in Rio & Co. aus dem Flieger zu hüpfen, das wäre fatal. Die richtige Vorbereitung und das nötige Hintergrundwissen machen eine ständige Mir-passiertbestimmt- etwas-Schreckliches-Haltung schlicht überflüssig. Aber der Reihe nach:
 

Kriminalität in Brasilien

Ja, es ist wahr, die Kriminalität in Brasiliens Städten gehört leider zum Alltag. Das Land zählte 2015, Angaben von Statista zurfolge, zu den 20 Ländern mit den höchsten wirtschaftlichen Kosten aufgrund von Kriminalität und Gewalt weltweit. Mir wurde allerdings ausnahmslos von allen Menschen, die ich auf meiner Reise treffen durfte – Praktikanten, Auslandsstudenten, Betreuer von Praktikavermittlungen, Sprachlehrer und -schüler – bestätigt: Wer ein paar Regeln beachtet, kann sich verhältnismäßig sicher fühlen. Nina Repo, eine finnische Praktikantin des Architekturbüros Vertrag in Curitiba, gab mir zum Beispiel den Tipp, sich nach Einbruch der Dunkelheit mit einem Taxi oder per Uber fortzubewegen. Auch wenn es nur eine kurze Strecke ist – und am besten Einheimische zu fragen, welche Taxiorganisation zu empfehlen ist. Einige Viertel in größeren Städten sollten gemieden werden. In São Paulo nach Einbruch der Dunkelheit beispielsweise das Stadtzentrum – darauf wäre ich ohne Hinweis von Renate nicht intuitiv gekommen. Diese Informationen lassen sich im Gespräch mit Kommilitonen oder Mitpraktikanten leicht herausfinden.
 

Gesundheitscheck

Vorsorge hilft gegen Panik. Natürlich gibt es nicht für jede mögliche Krankheit, wie zum Beispiel den Zikavirus, eine entsprechende Impfung. Trotzdem: Wer sich vorher informiert, kann die Gefahr eindämmen. Ich selbst habe mich nach ärztlicher Beratung nach WHO-Standard gegen Gelbfieber, Typhus, Tetanus und Hepatitis impfen lassen und mich zusätzlich mit einem Anti-Insektenmittel bewaffnet.
 

Portugisische Sprachkenntnisse

Wusstest du, dass mehr Menschen in Südamerika Portugiesisch sprechen als Spanisch? Wobei, ich müsste eigentlich sagen, sie singen diese für deutsche Ohren sonderbar anmutende Sprache: das morgendliche »Bom Dìa« wird melodisch in die Länge gezogen, »Bom Diiiiiaaaaaa«, geprostet wird auf die Gesundheit »Sáude« und eigentlich ist immer alles Bestens, »todo beeeem«. In zwei verschiedenen Sprachschulen, dem Fast Forward Language Institut in São Paulo und The Language Club in Florianopolis wurden mir in zwei Tagen Sprachunterricht allerlei Vokabeln in den Kopf gepumpt. Erstaunlich leicht ging das: Ich kann mir ein Taxi zum Sambaclub ordern, einen Caipirinha bestellen und den Kellner davon abhalten, mir Berge von Fleisch vom Spieß zu schneiden und auf den Teller zu laden. Für Praktikanten wurde mir die Empfehlung ausgesprochen, einen Portugiesischkurs zu belegen, was auch für Studierende gilt. Zwar gab es an der University of São Paulo auch viele Kurse in englischer Sprache, die Mehrzahl allerdings nicht. Tipp für Wagemutige, die weder den Kontakt mit Muttersprachlern, noch mit Menschen aus den Favelas scheuen: 4you2 bietet die Option, während des Studiums ärmere Brasilianer in Deutsch oder Englisch an Sprachschulen mit sozialverträglichen Preisen zu unterrichten – mehr kultureller Austausch geht nicht.

Gerade die Gegensätze, die sich zwischen Brasilien und Europa entdecken lassen, machen den Aufenthalt so spannend. Auch ich hatte anfangs Bedenken. Jetzt würde ich mir ein Auslandssemester oder ein Praktikum in Brasilien nicht entgehen lassen.


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