Das Silicon Valley ist für Gründer nach wie vor attraktiv, aber es sind Veränderungen im Gange.

Das Silicon Valley ist für Gründer nach wie vor attraktiv, aber es sind Veränderungen im Gange.

© pixabay.com | lauramba #1194372

Das solltest du als Gründer über das Silicon Valley wissen

Entlang der Westküste der USA werden die großen Startup-Geschichten geschrieben: Apple, Google, Uber und zahlreiche andere heute milliardenschwere Unternehmen nahmen im Silicon Valley ihre Anfänge. Seit Jahrzehnten steht die Metropolregion so sehr wie kaum eine andere Region der Welt für Gründertum im großen Stil. Das Gründertal gehört zu den weltweit wichtigsten Standorten der IT- und Tech-Industrie. Hier siedeln sich auch zahlreiche Investoren an.

An der Bedeutung und der Historie des Silicon Valley sollen keine Zweifel geschürt werden. Aber die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen den ein oder anderen rückläufigen Trend. Außerdem ist es für Gründer keine Selbstverständlichkeit, ins Silicon Valley zu ziehen und dort das eigene Business groß zu machen. Denn die Popularität sorgt einerseits für hohe Kosten, andererseits für hohe Konkurrenz.


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Im Silicon Valley fallen die Regeln des Gründertums anders aus

Ein jährliches Durchschnittsgehalt von über 100.000 US-Dollar, 655 Patentanmeldungen pro 100.000 Einwohner im Jahr 2012, tausende ansässige Unternehmen, rund 30 Universitäten von international großer Bedeutung – Diese und weitere Zahlen über das Silicon Valley, das u. a. die Städte San Francisco, Palo Alto, Cupertino, Santa Clara und San José umfasst, verdeutlichen die unternehmerische und akademische Größenordnung des Gründertals. Dir helfen zwar die offiziell anerkannten Empfehlungen und Vorgehensweisen für Unternehmensgründer, aber aufgrund der gegebenen Umstände im Silicon Valley sind noch mehr Kreativität und Risikobereitschaft erforderlich. Während Unternehmer mit mittelprächtigen Ideen in zahlreichen Städten Deutschlands bei der richtigen Vermarktung Erfolg haben können, ist es im Silicon Valley anders. Hier brauchen Gründer von Vielem etwas mehr:

  • höhere Risikobereitschaft
  • mehr privat verfügbares Kapital
  • hohe Aufopferungsbereitschaft
  • Wissen und Ideen

Risikobereitschaft

Die Risikobereitschaft zeichnet Unternehmen im Silicon Valley aus. Entscheidungen unter Risiko werden bereitwilliger getroffen. Einer der Gründe hierfür ist, dass die Chancen anstelle der Gefahren fokussiert werden. Schlüssel zu dieser Denkweise ist die Mentalität vieler Gründer im Silicon Valley, die gelassener mit dem Scheitern umgehen.

Ein weiterer Grund für die hohe Risikobereitschaft ist die Verfügbarkeit an Wagnisgeldern. Die Geldgeber in den USA investieren viel in Software und damit verbundene Technologien, vor allem im Silicon Valley. Eine höhere Risikobereitschaft müssen sich Gründer aus Deutschland erst aneignen. Denn hierzulande gilt oftmals das Credo überlegter Entscheidungen, die unter möglichst geringem Risiko getroffen werden.

Privates Kapital

Nicht nur das Kapital der Geldgeber zählt. Dieses lässt sich bekanntlich nur ins Unternehmen investieren. Was passiert mit den Lebenshaltungskosten, die jeder Gründer selbst zu tragen hat? Diese sind nicht über das Wagniskapital der Investoren finanzierbar. Die Lebenshaltungskosten im Silicon Valley stemmen zu können, ist eine enorme Herausforderung für Gründer. Die Mietpreise fallen bereits für kleine Wohnungen üppig aus. Es ist wie in jeder anderen Metropolregion: Hohe Verfügbarkeit an Arbeitsplätzen und generelle Attraktivität eines Ortes lassen die Preise für Miete und Immobilienkäufe steigen. Gründer sind auf reichlich privates Kapital angewiesen, um hier leben und arbeiten zu können. WG-Partner für Mieteinsparungen lassen sich nicht so leicht finden wie hierzulande in den Big Cities, die für Gründer ebenfalls interessant sind.

Aufopferungsbereitschaft

„Das Silicon Valley frisst seine eigenen Kinder.“; will meinen: Diejenigen, die das Silicon Valley groß herausbringt, macht es wieder klein. Diese These ist ziemlich provokant, aber unterstreicht das hohe Maß an Aufopferungsbereitschaft, das sich im Silicon Valley für Gründer ebenso wie für Angestellte ergibt. Wer hier arbeitet, wirkt an etwas Großem mit. Große Missionen verlangen große Mühen ab: Es gilt als gewiss, dass Personen für ihren Arbeitgeber permanent verfügbar sein müssen. Der Arbeitgeber wiederum muss alles permanent koordinieren.

Vor allem für Unternehmer, die das deutsche eher gemäßigte Tempo gewöhnt sind, kann die Dynamik, die durch das Kapital und die Kontakte im Silicon Valley entsteht, schwindelerregend sein. Wie flott es bei Gründern aus dem Silicon Valley laufen kann, zeigte Elon Musk in Deutschland durch das dynamische Vorpreschen im Bau der Tesla-Gigafactory bei Berlin in Grünheide sowie die parallel stattfindende Expansion in Kalifornien.

Wissen und Ideen

Grundsätzlich ist eine gute Idee für die Selbstständigkeit essenziell. Angesichts der erwähnten hohen Anzahl an Patentanmeldungen (655 pro 100.000 Einwohner; Stand: 2012) dürfte deutlich werden, dass es dort an Ideen keineswegs mangelt. Seit 2012 werden die Zahlen mit Gewissheit exponentiell gestiegen sein. Somit ist es nicht nur notwendig, eine Idee zu haben, wie sie hierzulande in kleineren Städten reicht. Mehrere Ideen und zugleich ein enormer Fundus an Fachwissen sind für Gründer unabdingbar. In ihrem jeweiligen Fachbereich müssen Gründer imstande sein, die einzelnen Komplexitäten nachvollziehen und auch mit dynamischen Fehlentwicklungen souverän umgehen zu können. Die Konkurrenz jedenfalls schöpft aus den renommierten Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen im Silicon Valley.

Aktuelle Entwicklungen zeigen rückläufigen Trend

Die aktuellen Entwicklungen im Silicon Valley zeigen einen leicht rückläufigen Trend; einerseits, weil Gründer sich aufgrund der hohen Kosten und starken Konkurrenz aktiv gegen das Silicon Valley entscheiden. Andererseits hinterlässt auch im Silicon Valley die Corona-Krise ihre Spuren. So wechseln selbst bei den Großkonzernen Mitarbeiter zunehmend ins Home-Office und die Großkonzerne reagieren darauf mit Strukturveränderungen an den Standorten: weniger lokal, mehr digital. Kleinere Unternehmen, wie beispielsweise Palantir, verschwinden gar komplett aus dem Silicon Valley.

Vereinzelt wird schon gemutmaßt, wie der durch die Corona-Krise ausgelöste Abwanderungstrend sich entwickeln könnte: Es werden Vergleiche mit Detroit, einst schillernde Automobilstadt und nun gefühlte Geisterstadt, geschürt. Dafür ist es noch zu früh. Außerdem stimmt eine Tatsache hoffnungsvoll: Bisher musste das Silicon Valley sich mehrmals neu erfinden…

  • Tonfrequenzgeneratoren vom Anfang der Historie verloren an Belang
  • es folgten Silizium-Halbleiter als wichtigste Industrie, die dem Silicon Valley seinen Namen gaben
  • nach den Halbleitern kam die Zeit der Computer und Software

Nun könnte wieder ein Abschnitt der Geschichte beginnen, in dem sich das Silicon Valley neu erfindet. Unter diesem Gesichtspunkt wird es trotz einiger Herausforderungen für Gründer aus dem Ausland dann doch interessant. Allerdings erregt in Mitteleuropa zurzeit Berlin ebenfalls viel Aufmerksamkeit und mausert sich zu einem „Silicon Valley Europas“. Gründern sind also auch hierzulande attraktive Städte zur Gründung gegeben.

Ein Beitrag der externen Autorin Anja Klein.