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Digitalisierung: Über diese vier Veränderungen wird kaum gesprochen

Die Digitalisierung verändert die Arbeits- und Unternehmenswelt. Diese Erkenntnis ist nicht neu und schon viel diskutiert. Mit dieser Transformation gehen jedoch vier Veränderungen einher, über die kaum gesprochen wird, die aber gravierende Auswirkungen auch auf Eure Karriere haben können.

1. Hierarchien fallen weg

Wirtschaftlich hätten wir uns nie soweit entwickeln können, wenn wir im Laufe unserer Wirtschaftsgeschichte nicht irgendwann gelernt hätten, dass Unternehmen effektiver funktionieren und schneller wachsen, wenn sie hierarchisch strukturiert und geführt werden. Diese recht simple Gleichung trifft jedoch heute nicht mehr auf alle Unternehmen zu. Je digitalisierter und automatisierter Unternehmen werden, umso radikaler dematerialisieren sie Arbeitsplätze und „Produktionsstätten“. Es ist für viele Menschen heute problemlos möglich, von jedem Ort der Welt aus zu arbeiten. In dem Moment jedoch, wo viele Menschen virtuell zusammenarbeiten, verschwinden die Insignien der Macht. Das tolle Einzelbüro in der obersten Unternehmensetage, der eigene Parkplatz vor dem Bürogebäude, der neue Dienstwagen – Insignien der Macht, die auch sichtbar unterschiedliche Hierarchie-Stufen demonstrieren, werden im virtuellen Raum unsichtbar. Man trifft sich auf Augenhöhe. Die Schwellen der Hierarchieebenen, die im "Real Life“ zu überwinden sind, spielen im Chat-Raum oder virtuellen Konferenzen kaum eine Rolle.

Die Folge: Die klassische Karriereleiter hat ausgedient. Karrieren werden sich verändern; in vielen Unternehmen fallen Management- und Führungsebenen weg.

2. Neue Kompetenzen werden gebraucht

Die heutige Arbeitswelt verlangt komplexere Kompetenzen von jedem einzelnen von uns. Hirn, Hand und Herz müssen wir heute am Arbeitsplatz wertschöpfend zum Einsatz kommen. Warum? Weil Digitalisierung und Automatisierung den Menschen mehr und mehr in Arbeits- und Funktionsbereiche drängen, die vom Kollegen Roboter nicht übernommen werden können. Diese Arbeits- und Funktionsbereiche verlangen Dienstleistungskompetenz, Empathie, die Fähigkeit zum vernetzten, unternehmerischen Denken. Mit anderen Worten: Ein hohes Maß an Kreativität, Kommunikation und Kooperation.

Die Folge: Hochschulen bereiten auf diese neuen Kompetenzen kaum vor. Das Lernen geht nach dem Studium also fröhlich weiter. Konzentriert Euch auf das Erlenen von elementaren Soft-Skills.

3. Branchen verschwimmen

Kürzlich war ich bei einem Kunden – einem Unternehmen, das momentan radikale Veränderungsprozesse durchläuft. Ausgegliedert aus einem Konzern soll dieses nun größere mittelständische Unternehmen innovativer und agiler werden. Keine leichte Aufgabe. Als ich im Laufe meiner Veranstaltung die Teilnehmenden fragte, in welcher Branche nun eigentlich das neue Unternehmen tätig sei, gaben die Führungskräfte mir die erwarteten Antworten. Die Branche nämlich, in der sie als Konzernteil vorher schon tätig waren. Ich fragte sie dann, wer denn ihr größter Wettbewerber sei. Auch hier fiel die Antwort erwartungsgemäß aus. Sie nannten den Namen eines Unternehmens. Als ich ihnen dann sagte, dass sie sich hinsichtlich ihres Wettbewerbers täuschen würden, horchten sie auf. Ihr größter Wettbewerber war nämlich nicht das genannte Unternehmen, sondern Google – ein Branchenfremder, der meinem Kunden vermutlich in wenigen Jahren massive Konkurrenz machen wird. An Google wird sehr deutlich, was es heißt, wenn Branchengrenzen fallen. „Google Z“, die Innovationsabteilung des Mega-Konzerns, forscht quasi in allen Branchen und Sektoren, die zurzeit denkbar sind. Der Chef von Google Z kennt keine Grenzen – im positiven wie im negativen Sinne. Für ihn gibt es gedanklich keine Branchen mehr. Und das macht ihn äußerst innovativ – und so gefährlich für alle, die das Niederreißen von Branchengrenzen unterschätzen. Das Denken in Branchen schränkt unsere Kreativität ein. Branchendenken fordert uns auf, in bestimmten Mustern und Rahmen zu denken. Und wenn die gefühlt ausgeschöpft sind, wenn also in der Branche keine Bedarfe und Bedürfnisse mehr befriedigt werden können, erschöpft sich auch die Kreativität.

Die Folge: Branchen werden zunehmend verschwimmen, manche werden in den kommenden Jahren gänzlich verschwinden, neue werden entstehen. Denkt bei Eurer Berufs- und Karriereplanung daher nicht in Branchen, sondern konzentriert Euch auf Unternehmen, die zukunftssicher aufgestellt sind.

4. Es gibt keine Massenproduktion mehr

Je digitalisierter und automatisierter Produktions- und Geschäftsprozesse ablaufen, umso leichter wird es, sie kundengerecht zu individualisieren. On-Demand-Produktion oder Just-in-Time-Prozesse führen fast schon mühelos zu „Customised Products“. Erleichtert werden diese Prozesse dadurch, dass wir in allen westlichen Industrienationen in stark individualistischen Gesellschaften leben. Jeder ist sich selbst der nächste, die Maslow’sche Pyramide haben viele bis zur obersten Spitze erklommen. Selbstverwirklichung ist das Ziel – und das beeinflusst auch das Kauf- und Konsumverhalten. Der Kunde ist Kaiser und möchte auch als solcher behandelt werden.

Auch der 3D-Druck wird diese Entwicklung maßgeblich mit beeinflussen und zu hoch individualisierten (Einzel-)Fertigungen führen. Denkt man den 3D-Druck in seiner Radikalität mutig bis zu Ende, werden zukünftig vielleicht ganze Produktions- und Lieferketten überflüssig, wenn der Kunde sich seine Produkte zu Hause selbst drucken kann. Es gibt sogar Stimmen die sagen, dass dadurch der globale Handel in vielen Bereichen zu Erliegen kommen könnte.

Die Folge: Als Konsumenten stehen uns allen vermutlich spannende Zeiten ins Haus. Die Share-Economy dürfte ein großer Wachstumsmarkt werden – auch im Bereich beruflicher Karrieren.


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