Portrait Prof. Petra Morschheuser
Professor Petra Morschheuser privat

In Lehre investieren

Professor Petra Morschheuser hat ein innovatives Lehrprojekt entwickelt und dafür einen hoch dotierten Förderpreis erhalten. Für die Lehr-Zukunft sieht sie noch viel Potenzial.

Frau Professor Morschheuser, was verbirgt sich hinter dem Projekt Wiss- FIT?
WissFIT ist ein App, das den Studierenden die Möglichkeit bietet, sich unkompliziert mit dem Themenkomplex des wissenschaftlichen Arbeitens auseinanderzusetzen – in der Praxisphase, im Zug, wo und wann auch immer.

Wodurch sind Sie auf die Idee für dieses Projekt gekommen?
Während der Präsenzveranstaltung ›Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten‹ wurde mir deutlich, dass die Studierenden nicht nur heterogene Lernhistorien aufweisen, also ein Teil der Zuhörer kannte die Inhalte – zumindest parziell. Deutlich wurde auch, dass die Herausforderung für die Studierenden darin liegt, ein wissenschaftliches Exposé zu schreiben, was für die meisten nicht einfach war und auch noch nicht ist. In der kurzen Präsenzveranstaltung musste ich mich daher entscheiden, wie ich didaktisch den Stoff so strukturiere, dass Zeit bleibt, in der die Studierenden an einem Exposé arbeiten können. Daher sind die Lernthemen in einem Web Based Training (WBT) eingebunden worden, die eigenständig zu bearbeiten sind. Aus dieser Aufteilung heraus kam dann die Idee, warum nur am PC – warum nicht auch auf Smartphone oder Tablet?

Welche Schwächen der konventionellen Präsenzlehre können durch Ihr Projekt behoben werden?
Die Vorlesung wurde komplett umgestellt und kombiniert verschiedene hochschuldidaktische Formen: Präsenzlehre, Lehrcoach, WBT, Lernen durch Lehren (LDL) und Gruppenpuzzle. Der Studierende wird aus der konsumtiven Lernhaltung der klassischen Präsenzveranstaltung mit einem Lehrvortrag in eine aktive Rolle manövriert. Das ist nicht immer leicht, gerade im ersten Semester. Dennoch setzen sich die Studierenden so frühzeitig mit einer Aufgabenstellung auseinander und erklären ihre Vorgehensweise auch den Kommilitonen. Das schult die strukturierte Vorgehensweise. Das WBT und WissFIT unterstützen dabei, Lerninhalte, die es dazu braucht, zu lernen (WBT), und gezielt – in kleinen Happen – zu wiederholen (WissFIT). Diese Lerninhalte im WBT beziehungsweise WissFIT sind ganzheitlich ausgewählt und reichen von Rüst- und Handwerkszeug, was wissenschaftliches Arbeiten bedeutet bis hin zu Strategien, wie an eine Arbeit heranzugehen ist und, nicht zu vergessen, die Formalien inklusive Zitation.

Wie verändern sich Lernprozesse im Rahmen von E-Learning-Konzepten?
Die Lernprozesse der Studierenden erfordern mehr Eigenverantwortung. Sie können sich dann mit der Vorlesung befassen, wenn individuelle Zeitplanung den geeigneten Platz bietet. Dies setzt aber eine hohe Selbstkompetenz, Eigenverantwortung sowie gutes Zeit- und Selbstmanagement voraus. Diese Kompetenzen werden unter Umständen erst im Laufe des Studiums geschärft.

Ihre Micro-Learning-Einheiten bestehen aus Apps. Welche Vorteile im Lernprozess haben diese?
Zum einen folgt das dem Trend der Zeit. Jeder Studierende hat heute ein Smartphone oder ein Tablet. Zum anderen hat jeder einen individuellen Lernrhythmus und kann sich so selbst mit dem Lernthema auseinandersetzen, dann, wenn gerade Zeit oder wenn gerade die individuell beste Zeit ist, um zu wiederholen oder zu lernen. Und wie wir wissen, hilft das stetige Wiederholen, sich Inhalte auch langfristig zu merken. Zudem haben wir an der Dualen Hochschulen Praxisphasen, in denen die Studierenden in den Unternehmen arbeiten. Mit WissFIT auf dem Smartphone bleibt die Verbindung zur Hochschule bestehen. Es braucht keine große Infrastruktur, wenn man schnell eine Info sucht, weil man gerade an der Projektarbeit schreibt und nicht mehr genau weiß, wie beispielsweise das Zitieren nach der Harvard-Methode war.

Welche Hürden sehen Sie bei der flächendeckenden Implementierung von qualitativ hochwertigen Blended-Learning-Konzepten in der deutschen Hochschullandschaft?
Es gibt mittlerweile einige Initiativen in Deutschland, dank denen die Lehre mehr in den Vordergrund tritt. Zumeist sind es Initiativen von Stiftungen oder Verbänden. Dennoch wird ein Hochschullehrer fast ausschließlich daran gemessen, welche Fachveröffentlichungen und Forschungserfolge er vorweisen kann. Daher ist es verständlich, dass das Engagement auf die Forschung fokussiert wird. Des Weiteren ist die Deputatsanrechnung noch unklar. Eine Online- Betreuung nimmt viel Zeit in Anspruch. Aber bisher dürfen nur Teile einer ›klassischen‹ Deputatsstunde abgerechnet werden – mehr Arbeit und weniger ›Entgelt‹, das frustriert auf Dauer und man kehrt zurück zur zeitlich gut kalkulierbaren Vorlesung.

Welche neuen Perspektiven eröffnen sich Ihrem Projekt durch den Förderpreis?
Es gibt viele andere Kollegen, die sich idealistisch einbringen. Dieses Netzwerk motiviert die Kollegen und mich, weil auch ein Teil unserer Freizeit für diese Projekte verwendet wird. Die Anerkennung in den eignen Reihen ist nur vereinzelt zu spüren, zum Teil wird man auch nur milde belächelt. Für manche Fellows ist diese Auszeichnung sogar eine Bürde, weil oftmals die Beschäftigung mit ›Wie kann ich gut lehren?‹ einhergeht mit ›Dann bist du kein guter Prof, weil du zu wenig forschst!‹. Und gerade das sollte in Deutschland anders werden! Statt dauernd von tollen Forschungsförderungen zu sprechen, sollten wir uns um die Förderung der Lehre bemühen. Schließlich sind die Studierenden unser Zukunfts- Humankapital, das wir bestmöglich fördern und fordern sollten und dazu braucht es gute Lehre. Eine gesellschaftliche Akzeptanz und eine veränderte Wahrnehmung braucht es, was einen guten Professor auszeichnet – und das ist nicht alleine die Anzahl der Publikationen in A-Journals!


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