Mann küsst Frau im Grünen
Liebe finden mit 36 Fragen? Unser Autor hat es ausprobiert. Foto: Pixabay

Liebe auf Knopfdruck?

Lass es Liebe sein: Kann sich der moderne Mensch wirklich mit nur 36 Fragen verlieben, wie Wissenschaftler behaupten?

»Ich kann dich nicht dazu bringen, mich zu lieben, wenn du es nicht tust. Du kannst dein Herz nicht fühlen lassen, was es nie fühlen wird«, sang schon Bonnie Raitt, dann coverten George Michael bis Bon Iver. »I can’t make you love me« – aber 36 Fragen vielleicht? Jedenfalls geistert seit geraumer Zeit eine wissenschaftliche Studie erst durch die amerikanischen, jetzt auch durch die deutschen Medien, die besagt, dass sich zwei einander fremde Personen innerhalb von 45 Minuten mit Hilfe von 36 Fragen näher kommen können.

Liebe wurde von den Forschern ursprünglich nicht versprochen, wobei es schon damals ein Paar gab, das nach dem Experiment heiratete. Bei ›The Experimental Generation of Interpersonal Closeness‹, so der Name der Studie von 1997, geht es eigentlich um Intimität aus dem Reagenzglas. Interessanterweise wurde sie in New York durchgeführt. Aus der interkulturellen Kommunikation wissen wir, dass sich der kulturelle Unterschied zwischen US-Amerikanern und Deutschen mit einem Pfirsich und einer Kokosnuss abbilden lässt. Während der Amerikaner viel schneller in ein freundschaftliches Verhältnis eintaucht, den Gegenüber auch mal zur Übernachtung einlädt, fällt es dem Deutschen schwer, die anfängliche Distanz überhaupt zu überwinden. Der eine leidet also auf den ersten Blick an Oberflächlichkeit, der andere erscheint unnahbar. Klappt es allerdings bereits in den USA so hervorragend, mit diesen Fragen gezielt Nähe herzustellen, wird es das deutsche Zufallspaar, wenn es sich darauf einlässt, wohl noch stärker aneinander binden – wenn es sich darauf einlässt.

Wir müssen erst mal miteinander warm werden

Für uns ist es nämlich erst mal komisch, einem Fremden so sehr zu vertrauen und ihm diese Fragen zu beantworten. Ein Freund erzählte mir zum Beispiel, wie er es äußerst merkwürdig fand, als ein amerikanisches Date ihm beim ersten Treffen in der Disko bereits alle intimsten Sorgen mitteilte. Naturgemäß geht uns das zu schnell.

Andererseits erzählte mir eine Kollegin, der ich die 36 Fragen mit nach Hause gab, um sie mit ihrem langjährigen Freund durchzugehen, dass sie einander nichts Neues zu sagen hatten. Denn haben wir die anfängliche Fremdheit erst überwunden, haben wir auch kein Problem mehr damit, mit der vertrauten Person alles zu teilen.

Gefühle lassen sich schnell erzeugen

Zwei Dimensionen haben die Forscher zu Beginn ausgemacht: Feeling close, sich verbunden, wertgeschätzt und verstanden fühlen und behaving close, messbar am Einfluss aufeinander, gemeinsame Unternehmungen und miteinander verbrachte Zeit. Da Letzteres einfach zeitabhängig ist, konnte es nicht künstlich erzeugt werden. Feeling close schien dafür ein voller Erfolg zu sein: Nach nur 45 Minuten wurde die Beziehung zum fremden Partner so eng oder noch enger eingeschätzt als die zu Freunden.

Ein kleiner Selbsttest

Natürlich musste auch ich mich dem Selbsttest stellen. Wie es sich aber für einen deutschen Skeptiker gehört, sollte mein Gegenüber mir wenigstens schon ein bisschen bekannt sein. Also fragte ich eine Freundin, von der ich nicht viel Persönliches wusste, der ich jedoch über ein Jahr lang bereits regelmäßig begegnet bin – was im Übrigen auch wieder typisch ist für unsere Kultur. Ein schöner siebenstündiger Abend voll interessanter Offenbarungen über mich selbst und meine Verabredung folgte. Dabei ging es in der ersten Frage darum, wen man zu einem Abendessen einladen würde, wenn man irgendeine Person zur Auswahl hätte.

Dazwischen durften wir uns immer wieder Komplimente machen. Im Nachhinein denke ich ja, dass das die Knackpunkte sind. Wir fühlen uns eben gut, wenn wir Komplimente bekommen. Wertschätzung einer anderen Person lehrt uns im Gegenzug auch diese wieder schätzen. Die letzte Aufgabenstellung beinhaltete dann bereits, dem anderen ein Problem zu schildern, ihn um Rat zu bitten und schließlich die von ihm ausgewählte Frage einordnen zu lassen.

Das hier ist kein Bewerbungsgespräch

Nicht alles lässt sich über die Biographie einer Person entschlüsseln. Bei den 36 Fragen geht es deshalb auch nicht um Eckdaten. Zwischendurch mag man geneigt sein, der anderen Person den eigenen tabellarischen Lebenslauf zu überreichen, dabei dreht es sich bei der Beantwortung viel mehr um Sehnsüchte und Gefühle.

Ängste, Bindungen, Träume: Ein lebender Mensch ist nicht in Stein gemeißelt. Am Ende stellen sich die Teilnehmer einem vierminütigen Augenkontakt. Als eine Begegnung zweier Seelen wird dieser Moment häufig beschrieben. Meine Partnerin und ich ließen uns allerdings nur zwei Minuten Zeit und das auch nicht stillschweigend. Dabei fiel mir dennoch auf, wie attraktiv ich sie mittlerweile fand. Wieso auch nicht? Ich durfte so viele Dinge über sie erfahren, die ich für wirklich liebenswert erachtete.

Es hat geklappt – so halb!

Long story short: Ich habe mich verliebt und meine deutsch-amerikanische Freundin nicht. Ob das nun an den 36 Fragen oder an mir selbst liegt, lässt sich ohne eine breiter angelegte wissenschaftliche Untersuchung mit mindestens 1.000 Teilnehmern allerdings nicht sagen. Vielleicht folgt dazu also noch ein Aufruf im nächsten Heft.

Wer weiß schon, wer ich bin?

Ein Blick auf moderne Flirt-Apps zeigt unterschiedliche Herangehensweisen: Während Tinder auf den ersten Blick auf eine gewisse Oberflächlichkeit setzt – den kurzen Moment, in dem wir einen Menschen sehen und entscheiden, ob er uns sympathisch ist – setzt OK Cupid auf einen Fragenkatalog, um anhand eines Algorithmus passende Partner vorzuschlagen. Aber gerade bei dieser Plattform fällt schnell auf: So einfach ist ein wahrheitsgemäßes Beantworten von Fragen gar nicht.

Wie es einmal der österreichische Musiker Marco Michael Wanda in einem Interview mit mir ausdrückte:

»Wenn ich etwas in mein Tagebuch schreibe und es zwei Tage später lese, dann denke ich mir doch auch: Das bin nicht ich!«

Weil auch wir oft nicht die Wahrheit über uns selbst kennen oder wenn wir sie kennen, dann können wir sie nicht hinreichend zum Ausdruck bringen. Schon sitzen wir in einem tief philosophischen Problem: ›Wer bin ich und was will ich?‹

Zwischen Herz- und Zeilensprung

Es bleibt uns doch nur, zwischen den Zeilen zu lesen. Spaßeshalber bin ich die 36 Fragen mit einem Kollegen durchgegangen. Die positiven Erlebnisse und Wünsche, die er mir nannte, hatten immer etwas damit zu tun, dass er anderen Menschen geholfen oder sie glücklich gemacht hat. Das zeugt von einer unglaublichen Charakterstärke. In den Wunsch nach Familie und Kindern könnte man vielleicht etwas leichter einstimmen – aber wie sieht die dahinterliegende Wahrheit aus?

Verfolgt der Partner hier ein gemeinsames Glück oder sein Glück? Möchte er, dass ich nur als Legehenne diene? Echte Liebe ist nicht beliebig, denke ich. Man kann zwei Personen nicht genau gleich lieben, weil man an ihnen unterschiedliche Dinge lieben müsste, es handelt sich ja nicht um ein und dieselbe Person – außer natürlich man liebt nur um der Liebe willen, man liebt es, einen Partner oder eine Partnerin zu haben. 36 Fragen können Liebe deshalb schwer erzwingen.

Das Leben miteinander teilen

Eine andere Sache noch: Liebe kann manchmal Schweigen sein. Sie ist allerdings niemals nur Schweigen. Ein altes Paar, das sich nichts mehr zu erzählen hat, wird irgendwann vergessen, was es am anderen eigentlich liebt. Es gibt ja nichts mehr ›zwischen den Zeilen‹ zu lesen. Es gibt keine Zeilen mehr. Keine Kommunikation. Keine Meta-Ebene. Keine einzige Frage. Vielleicht wäre das ein Experiment: Ein eingespieltes Paar die 36 Fragen jeden Monat neu beantworten und dabei feststellen lassen, wie vielschichtig ein menschlicher Charakter doch ist und sich Antworten wieder ändern können.


36 Fragen für die Liebe: so funktioniert's

Die 36 Fragen sind gegliedert in drei Sets. Für jedes Set gibt es 15 Minuten, wenn diese Zeit um ist, wird mit den nächsten zwölf Fragen weitergemacht. Oder ihr beantwortet einfach alle Fragen in Ruhe – aber dann ist es nicht mehr so wissenschaftlich...

SET 1

  1. Wenn du irgendjemanden aus der ganzen Welt auswählen könntest, mit wem würdest du gerne zu Abend essen?
  2. Würdest du gerne berühmt sein? Auf welche Art und Weise?
  3. Bevor du jemanden anrufst, probst du jemals, was du sagen wirst? Warum?
  4. Was würde einen ›perfekten‹ Tag für dich ausmachen?
  5. Wann hast du zuletzt dir selbst etwas vorgesungen? Jemand anderem?
  6. Wenn du 90 Jahre alt werden könntest und entweder den Geist oder den Körper eines Dreißigjährigen für die letzten 60 Jahre deines Lebens bewahren könntest, was würdest du behalten wollen?
  7. Hast du eine heimliche Vorahnung, wie du sterben wirst?
  8. Liste drei Dinge auf, die du und dein Partner gemeinsam zu haben scheinen.
  9. Was in deinem Leben macht dich am dankbarsten?
  10. Wenn du etwas an der Art und Weise, wie du aufgewachsen bist, ändern könntest, was wäre das?
  11. Nimm dir 4 Minuten Zeit und erzähle deinem Partner deine Lebensgeschichte so detailliert wie möglich.
  12. Wenn du morgen aufwachen und irgendein Talent oder eine Fähigkeit haben könntest, welche wäre das?

SET 2

  1. Wenn eine Glaskugel dir die Wahrheit über dich selbst, dein Leben, deine Zukunft oder irgendetwas anderes verraten könnte, was würdest du gerne wissen wollen?
  2. Gibt es etwas, von dem du schon lange träumst? Weshalb hast du es noch nicht getan?
  3. Was ist die größte Leistung deines Lebens?
  4. Was schätzt du an einer Freundschaft am meisten?
  5. Was ist deine liebste Erinnerung?
  6. Wie sieht deine schrecklichste Erinnerung aus?
  7. Wenn du wüsstest, dass du in einem Jahr plötzlich stirbst, würdest du etwas an der Art, wie du jetzt lebst, ändern? Warum?
  8. Was bedeutet Freundschaft für dich?
  9. Welche Rolle spielen Liebe und Zuneigung in deinem Leben?
  10. Wechselt euch darin ab, eine positive Charaktereigenschaft deines Partners mit ihm zu teilen. Nenne insgesamt fünf Eigenschaften.
  11. Wie eng und herzlich ist deine Familie? Findest du, deine Kindheit war glücklicher als die der Mehrheit?
  12. Was fühlst du in Bezug auf deine Beziehung zu deiner Mutter?

SET 3

  1. Mache drei wahre ›wir‹ Aussagen. Zum Beispiel: » Wir sind beide in diesem Raum und spüren...«
  2. Vervollständige diesen Satz: » Ich wünschte, ich hätte jemandem, mit dem ich ... teilen könnte«
  3. Für den Fall, dass du ein enger Freund deines Partners werden solltest, teile ihm mit, was er wissen sollte.
  4. Sage deinem Partner, was du an ihm magst; sei sehr ehrlich diesmal. Sage Dinge, die du niemandem, den du erst kürzlich getroffen hast, mitteilen würdest.
  5. Erzähle deinem Partner von einem peinlichen Moment in deinem Leben.
  6. Wann hast du das letzte Mal vor einer anderen Person geweint? Vor dir selbst?
  7. Nenne deinem Partner eine Sache, die du bereits an ihm magst.
  8. Was, wenn überhaupt, ist zu ernst, um darüber zu spaßen?
  9. Wenn du diesen Abend sterben solltest ohne noch mal mit jemandem zu sprechen, was würde dich am meisten reuen, einer Person nicht gesagt zu haben? Warum hast du es dieser Person bisher noch nicht gesagt?
  10. Dein Haus, in dem alles ist, was du hast, geht in Flammen auf. Nachdem du deine Liebsten und Haustiere gerettet hast, hast du noch Zeit, um ein letztes Teil in Sicherheit zu bringen. Was wäre das? Warum?
  11. Von allen Menschen in deiner Familie – wessen Tod fändest du am schlimmsten? Wieso?36. Teile ein persönliches Problem und frage deinen Partner nach Rat, wie er es angehen würde. Außerdem frage deinen Partner, wie er dich in Bezug zu deinem Problem, das du gewählt hast, wahrnimmt.

Es folgt eine der schwierigsten Aufgaben:

Vier Minuten ohne ein Wort in die Augen des Gegenübers blicken. Und irgendwie tiefer.


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