Nahaufnahme von älteren Mann mit Baby liegend auf Decke

Mangelware Zeit oder »Hast du mal ’ne Minute?«

Wieso scheint uns die Zeit eigentlich so sehr davonzulaufen, dass wir nie genug davon haben können und gar behaupten, das Leben wäre kurz? Ein paar Gedanken zur Taktvorgabe unserer Generation

Es geht um Effizienz. Möglichst gut mit seiner Zeit umzugehen, heißt, möglichst produktiv zu sein. Zusätzlich aber auch immer flexibel, denn man möchte ja nichts verpassen. Wir sind die Instagram-Generation, wir wollen nicht nur eine gute Zeit verbringen, wir müssen auch noch dafür sorgen, dass sie besonders gut aussieht. Jeder soll uns um unsere Zeit beneiden. Denselben Effekt haben natürlich auch die vielen Urlaubsbilder auf Facebook: ›Seht her, ich habe eine gute Zeit!‹

Dabei geht es ja mittlerweile schon mehr um die Dokumentation dessen, was geschieht, als darum, das Geschehen selbst mitzuerleben. Da wird ein Konzert mit einem Handy gefilmt, Selfies geschossen, ein Kommentar auf der Veranstaltungsseite hinterlassen. Es wird getweetet und geliked, aber wird auch wirklich noch genossen?

Vielleicht wollen wir den Augenblick deshalb so stark festhalten, weil die Trends unserer Zeit so unglaublich schnelllebig sind. Alles kann sich morgen schon wieder ändern. Ein neues Handy mit schnellerem Prozessor wird auf den Markt geworfen, es gibt den Fernseher mit einer Auflösung, die noch einmal schärfer als scharf ist, in einem halben Jahr ist der Laptop wieder ein wenig flacher. Es bleibt die Frage: Was ist überhaupt noch auf Dauer? Selbst Beziehungen kommen und gehen, weshalb das Konzept der Ehe für viele bereits ausgedient hat. Wer dazugehören will, der muss stets bereit sein, sich morgen wieder auf etwas komplett Neues einzulassen.

Das gilt im Übrigen auch für die eigenen Überzeugungen: Es ist ein Verdienst der verschiedensten Menschenrechtsbewegungen, dass wir mit den Jahren sensibler werden für alles, was außerhalb der angeblichen Norm liegt. Inklusion, Gendergerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Multi-Kulturalität – wir schämen uns zu Recht für die Ignoranz, mit der wir diese Themen vor einigen Jahren noch behandelt haben. Wer den Anschluss durch Nachrichten oder aktuelle Serien verpasst, kann mit seinen veralteten wenig reflektierten Ansichten schnell in einen Streit geraten.

Nicht nur kulturelle Bildung und Sensibilisierung werden schnelllebiger, auch die formelle Bildungslaufbahn wird immer kürzer: Wieso das Abitur in neun Jahren machen, wenn es auch in acht geht? Wieso sieben Jahre studieren, wenn man es auch in fünf schaffen kann? Wieso länger als drei Jahre einer Arbeitsstelle treu bleiben? Dabei ist es nichts Bewundernswertes, wenn man bereits mit zwölf einen Physik-Nobelpreis gewinnt. Jedenfalls nicht aufgrund des jungen Alters. Zu welchem Zeitpunkt jemand in seinem Leben erfolgreich war, wird schon sehr bald zu einer überflüssigen Frage – siehe Kinderstars aus Hollywood, die leider oft ihre Pubertät genauso öffentlich ausleben und sich in Drogen flüchten. Heutzutage ist es aber einfach leichter möglich, schon früh erfolgreich zu sein. Wir sind besser vernetzt, können auf scheinbar unendlich viele Ressourcen zurückgreifen. Das setzt uns dementsprechend unter Druck: »Wieso hat das bei dir so lange gedauert?«

Dabei ist ein ewig junges Leben, in dem man sich stets selbst verwirklichen kann, fern jeglicher Realität. Kein Wunder also, dass wir keine Gebrechlichkeit mehr sehen wollen, wir schicken sie lieber ins Altersheim. Wer alt ist, muss am besten auch noch fit sein. Wir wollen nie daran erinnert werden, dass auch unsere Zeit befristet sein mag, Opa eben keinen Marathon mehr gewinnen wird. Es gibt natürlich einige Verrückte, die auch im hohen Lebensalter noch meinen, allen zeigen zu müssen, wie sehr sie doch mit der Gesellschaft Schritt halten und noch mal studieren oder arbeiten oder Papst werden.

Alles wird optimiert. Prozessoptimierung, Leistungsoptimierung, Kostenoptimierung. Optimal ist, was viel in wenig Zeit pressen kann. Das heißt, Ziel ist, in möglichst kurzer Zeit viel Gewinn zu machen. Das zeigt sich auch an der Einstellung gegenüber den uns anvertrauten Dingen. Erinnern wir uns an die Mark, die uns früher Großmutter in die Hand drückte, mit dem Auftrag, eine Kugel Eis zu kaufen. Nicht nur, dass man heute nicht mehr weiß, was eine Mark wert war, sondern man würde das Geld auch besser irgendwo anlegen als es so einfach für ein Genussmittel auszugeben. Return on Investment, nennt man das. Die Fondants weichen den Fonds, in der Hoffnung, dass letztere sich vermehren.

Wurde von Benjamin Franklin noch das kapitalistische Axiom geprägt ›Zeit ist Geld‹, so geht es heute darum, den Satz nach dem ›ist‹ so lange wie möglich zu füllen. Zeit ist Ausbildung, Arbeit, Schlaf. Es geht darum, nicht nur möglichst viel Geld aus seiner Zeit zu erwirtschaften, sondern viele Freundschaften, Studienabschlüsse, Festivals und so weiter. Die Weltreise oder Länderentdeckertouren entstammen diesem Konzept: Der dreiwöchige Urlaub im Strandhotel weicht der Lust, möglichst viel erleben zu wollen. Nicht mehr ein schöner Ausblick ist gefragt, sondern dreißig – mehr Urlaubstage gibt es dafür selbstverständlich nicht.

Wie wichtig es ist, auch im Alltag keine Zeit ungenutzt zu lassen, merkt man spätestens, wenn man in der Londoner Oxford Street versucht, mit der Menge Schritt zu halten. Einer hat es eiliger als der andere. Das Telefongespräch darf dann noch gerne im Einkaufsladen weitergeführt werden und wird im Zweifelsfall auch an der Kasse nicht abgewürgt, denn man kann sich ja mit dem Personal vor Ort auch ohne Worte verständigen. Multitasking wird von der Option zur Lebenseinstellung. Die Serie auf dem Fernsehbildschirm laufen haben, Instant-Messages beantworten und die Seite des Online-Versandhändlers auf dem Laptop aufrufen: Ganz normales, ›entspanntes‹ Abendprogramm.

Professor an der Universität der Künste Byung-Chul Han philosophiert über die Müdigkeitsgesellschaft, die gerade deshalb erschöpft ist, weil sie so viel wollen muss. Auch Soziologe Alain Ehrenberg zieht eine Verbindung zwischen Depression und dem Druck, aus sich heraus stets initiativ zu sein anstatt einfach nur gehorsam. Deshalb spricht er auch von einer ›Krankheit der Verantwortlichkeit‹. Das spiegelt sich natürlich in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen wider. Nicht zuletzt im Sport, wo Doping dafür sorgen soll, dass immer mehr in immer kürzerer Zeit erreicht werden kann. »Du hast es jeden Augenblick in der Hand!« sagt uns, es reicht nicht, jeden Tag zu nutzen, sondern am besten jede Sekunde.

Natürlich ist es zum großen Teil auch einfach möglich geworden, mehr zu schaffen und weniger Zeit dafür zu brauchen. Hätte ich diesen Artikel mit der Hand schreiben müssen, wäre sicher viel mehr Zeit nötig gewesen. Musste man früher noch mehrere Tage mit dem Schiff das große Meer überqueren, um den anderen Kontinent zu erreichen, kann man heute ins Flugzeug steigen und dort auch noch möglichst sinnvolle Dinge tun. All das könnte uns entlasten. All das könnte uns kürzere Arbeitszeiten bescheren. All das könnte uns Grund zur Freude sein. Wir rennen im Hamsterrad, weil wir nicht mehr verstehen, dass wir selbst die Schnelligkeit bestimmen, mit der wir leben wollen.

Weil wir teilweise parallel Termine wahrnehmen können, wird es immer schwieriger, einen weiteren Termin zu vereinbaren. Es braucht immer Ausweichtermine. Weil ja jeder irgendwann mal keine Zeit hat oder sagen wir besser: Jeder hat meistens keine Zeit. Dann muss man immer sehen, wo man doch gemeinsam Zeit hat. Deswegen wirken Wahlen unter anderem auch so unglaublich anachronistisch: Wer sagt denn, dass ich genau an diesem Sonntag Zeit habe, in ein Wahllokal zu gehen? Also bietet man die Briefwahl an. Einige Parteien denken über die Verlängerung der Öffnungszeiten der Wahllokale nach. Zeit wird zu einem raren Gut, obwohl wir länger leben. Warum? Weil wir mehr leben wollen. Ob dieses ›mehr‹ an Leben für uns am Ende nur wie ein Ramschladen vernachlässigbar und unbedeutsam bleibt oder ein echter Vollsortimenter wird, bleibt fraglich. 


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