Mythos Studentenverbindungen: Fechten

Studentenverbindungen sind für viele ein Mysterium. Dennoch haben sie sofort typische Bilder im Kopf – etwa von blutigen Fecht­duellen. Was steckt dahinter?

Der Körper des Paukanten ist mit einem Kettenhemd geschützt. Er steht seinem Gegner direkt gegenüber, die Klinge erhoben. Über den Augen trägt er eine Stahlbrille mit Nasenschutz, über den Ohren liegen Lederriemen. Der Rest der Kopfes: freie Angriffsfläche. Bereits ein kleiner Fehler kann zu einer Narbe mitten im Gesicht führen. Ein sogenannter Schmiss fürs Leben.

Was machen die denn?

Der streng reglementierte Fechtkampf zwischen zwei Mitgliedern unterschiedlicher Studentenverbindungen wird als ›Mensur‹ bezeichnet. Einen tatsächlichen Sieger oder Verlierer gibt es dabei nicht. Die Mensur ist schon lange nicht mehr zur Beilegung von Auseinandersetzungen gedacht. Dennoch fechten in Europa mehr als 400 Studentenverbindungen, ganze 376 davon in Deutschland. Dabei kommen scharfe Waffen zum Einsatz, die zu Verletzungen und Narben führen können.

Die Vielfalt macht's

Verbindung ist allerdings nicht gleich Verbindung: Es gibt schlagende, nichtschlagende und fakultativ schlagende Vereinigungen. Es gibt Landsmannschaften, Burschenschaften und Turnerschaften. Es gibt Corps, katholische Verbindungen und Sängerschaften. Sie alle unterscheiden sich durch ihre politische oder religiöse Ausrichtung beziehungsweise ihre Aktivitäten. Die Frage nach dem Fechten hat einen Großteil der Verbände von Zeit zu Zeit bewegt. So auch im Zuge der 68er-Bewegung, als es zu großen Diskussionen über das studentische Fechten mit scharfen Waffen kam. Die traditionellen Verbindungen hatten es damals schwer, Nachwuchs zu finden. Daher versuchten sie, Reformen gegen das Fechten durchzusetzen. Im Jahr 1971 schaffte der größte Verband der Burschenschaften schließlich die Pflichtmensur als Verbandsprinzip ab.

Warum machen die das?

Und warum fechten die, die fechten? Die große Tugend heißt Tapferkeit. Oberstes Ziel ist es, die eigene Angst vor einer Verletzung zu überwinden. Daher darf der Paukant im Duell auf keinen Fall zurückweichen. Tut er es doch, wird dies als persönliche Niederlage empfunden. Eine Verletzung davonzutragen ist dagegen keine. Besonders bei pflichtschlagenden Verbindungen gilt die Mensur als wichtiges Mittel zur Persönlichkeitsbildung, da der Teilnehmer bei der Vorbereitung sehr sorgfältig und diszipliniert vorgehen muss, um eine saubere Kampftechnik zu entwickeln. Daneben soll das Pauken den Zusammenhalt der eigenen Verbindung stärken: Der Paukant hält für den Bund den Kopf hin, die anderen Mitglieder sind zur mentalen Unterstützung beim Duell vor Ort. Manche Verbindungen geben außerdem an, die Mensur zu nutzen, um ›Mitläufer und Feiglinge auszusortieren‹.  

Aus alt mach neu!

Viele Studentenverbindungen halten also am Fechten fest, um die eigene Persönlichkeit und die Gemeinschaft zu stärken. Dieses Ziel lässt sich nachvollziehen. Dennoch drängt sich vor allem für Außenstehende die Vermutung auf, dass dieses alte Ritual überholt ist. Es wäre für die Mitglieder an der Zeit, neue Wege zu gehen. Es gibt unzählige Möglichkeiten, die Persönlichkeit zu entwickeln und den Gemeinschaftsgeist zu beleben, etwa durch Mannschaftssportarten wie Rudern oder das gemeinsame Arbeiten an einem sozialen Projekt. Vielleicht haben ja die vermeintlichen Mitläufer und Feiglinge noch ein paar gute Ideen, wie sich diese Ziele in der heutigen Zeit umsetzen lassen. Ein lebenslanger Schmiss im Gesicht bleibt dabei wohl nicht. Aber vielleicht ein noch viel stärkerer Bund fürs Leben.

Lukas, Tim und Manuel über ihre Erfahrungen:

»Konflikte ohne Gewalt lösen«

»Unsere Verbindung steht in engem Zusammenhang mit der Zugehörigkeit zur Katholischen Kirche und dem aktiven Glaubensleben. Wir lehnen die Mensur ab, weil wir es nicht für notwendig erachten, uns als Person im Zweikampf zu beweisen. Denn der Christ lässt sich als Ideal eher schlagen als selbst zu schlagen – auch wenn wir natürlich den Wert der Mensur als Mutbeweis verstehen können. Dennoch muss ich jemanden nicht nur deshalb als gleichgestellt beachten, weil er sich mit einem scharfen Schwert auf den Kopf hauen hat lassen.

Es stimmt sicherlich, dass eine Mensur das Gemeinschaftsgefühl stärkt. Doch das funktioniert auch anders. Bei uns ist das gemeinschaftsstiftendste Erlebnis überhaupt die Heilige Messe, die wir mindestens zweimal im Semester gemeinsam besuchen. Und ansonsten das, was Freundschaft eben ausmacht: gemeinsam Freud und Leid teilen, gemeinsam feiern, gemeinsam arbeiten, gemeinsam etwas aufbauen, was über die eigene Person hinausreicht.

Das Fechten als Sport würde ich jedoch gerne üben. Und ich fände es auch gut, wenn wir das in der Verbindung wieder praktizieren würden, weil es Disziplin und Koordination fördert und einfach ein interessanter Sport ist.« Lukas, Mitglied einer katholischen deutschen Studentenverbindung

»Ich wollte mir das Gesicht nicht aufritzen lassen.«

»Ich war nie wirklich Mitglied einer Burschenschaft, sondern wohnte für ein Semester in der WG einer Verbindung. Natürlich hätten es meine Mitbewohner gern gesehen, wenn ich der Verbindung beigetreten wäre. Deshalb nahmen sie mich zu Burschenschaftsabenden mit und überredeten mich auch, die Mensur auszuprobieren.

Das Fechttraining fand etwa vier bis fünfmal die Woche statt. Obwohl ich sehr sportlich bin, fand ich zu diesem ›Sport‹ von Anfang an keinen wirklichen Zugang. Die Bewegungsabläufe sind ganz anders, als in jeder anderen Sportart, die ich bisher ausprobiert habe. Es machte mir ehrlich gesagt nicht wirklich Spaß.

Spätestens nachdem ich gemeinsam mit meinen damaligen WG-Kollegen ein Fechtduell mit einer anderen Verbindung erlebte, war mir klar: Das ist überhaupt nicht mein Ding. Die Fechtenden – je einer anderen Verbindung angehörend – standen sich gegenüber und waren jeweils nur vom Hals abwärts vor den Säbelschlägen geschützt. Das Gesicht jedoch lag völlig frei – bewusst, wohlgemerkt. Insgesamt fand ich, dass es sehr brutal zuging, beide Kontrahenten bluteten nach dem Kampf. Eine Fechtnarbe erkenne ein Burschenschaftler sofort, erklärten mir die anderen. Sie wirkten begeistert und mir kam es so vor, als ob die Narbe wie eine Auszeichnung gehandelt wird – für den Mut, den Kopf für die Verbindung hinzuhalten.

Abgesehen davon, dass ich den Sport eigentümlich finde, hatte ich meinerseits damals einfach zu geringe Lust auf Narben im Gesicht. Weder mit der Mensur, noch mit Verbindungen an sich bin ich warm geworden – und werde es wohl auch nicht mehr.« Tim (Name v. d. Redaktion geändert), lebte ein Semester lang in der WG einer Burschenschaft

»Eine Extremsituation, die zusammenschweißt«

»Unsere Burschenschaft ist fakultativ schlagend. Das heißt, wir lernen zwar das Fechten, aber es bleibt jedem überlassen, zu sagen ›Ich mach's‹ oder ›Ich mach's nicht‹. Ich persönlich habe jetzt vor, in diesem oder im kommenden Semester meine erste Partie zu schlagen. In der Verbindung haben wir den aktiven Paukbetrieb erst vor kurzem wieder aufgenommen. Ein Pauklehrer kommt nun regelmäßig zu uns, um den Interessierten das Fechten beizubringen.

Für mich ist es vor allem die Anspannung davor, die den besonderen Reiz ausmacht. Der Umgang mit dem Schläger ist spannend und macht vor allem mit zunehmendem Können viel Spaß. Gleichzeitig habe ich natürlich auch ein bisschen Bedenken: Das Ganze ist einfach keine alltägliche Situation – und es kann etwas passieren, wenn auch nicht oft. Für mich spricht trotzdem nichts großartig gegen das Fechten. Ich empfinde es eher als netten Ausgleich vom Studentenalltag und als eine Möglichkeit, den Kopf freizubekommen. Außerdem bin ich mit meinen Bundesbrüdern unterwegs, wir unternehmen etwas zusammen, unterstützen uns gegenseitig und stärken so die Gemeinschaft.

Das schätze ich übrigens auch ganz generell an meiner Mitgliedschaft in der Burschenschaft. Es ist ein gewisser Zusammenhalt da und ich kann in vielen Lebenslagen auf die Hilfe meiner Bundesbrüder zählen. Einmal die Woche treffen wir uns auf dem Haus, tauschen uns aus, organisieren Events und helfen uns gegenseitig im Studium.« Manuel, Senior in einer Burschenschaft


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