Gewalt in der Beziehung
Gewalt in der Beziehung steffne / Quelle:PHOTOCASE

Partnerschaftsgewalt: Worte wie Schläge

Gewalt in Partnerschaften ist kein Phänomen der ›Unterschicht‹. Auch viele Studenten und Akademiker sind betroffen. Dabei geht es längst nicht nur um körperliche Übergriffe

 

Bereits in der ersten Nacht der Beziehung hat Heide* dieses komische Gefühl, das irgendetwas in ihr Leben gekommen ist. Irgendetwas, das ihr einen Teil ihrer Persönlichkeit raubt. Bereits nach der zweiten Nacht fragt sie ihren neuen Partner: »Hast du jemals eine Frau geschlagen?« Bis heute weiß sie nicht, warum sie diese Frage gestellt hat. Diese Frage, die bejaht wird. Bejaht von ihrem Freund, mit dem Heide zusammen Psychologie studierte und der ihr ein »unglaubliches High vermittelte, das durch nichts zu toppen war«. Dieses High, das sie »süchtig« nach und »abhängig« von ihm macht. Dieses High, das sie die Antwort auf ihre Frage verdrängen lässt. Dieses High, das die Tür zur Gewalt sein wird. (siehe auch - Eine medizinische Annäherung an das Gefühl Liebe / Verliebtheit)

So richtig kapiert Heide das nach zwei Monaten beim ersten Urlaub. Ein Gespräch eskaliert, er wird beleidigend und aggressiv. Später, als das Paar mit dem Motorroller unterwegs ist, bittet sie ihn, etwas langsamer zu fahren, weil sie keine Schutzkleidung trägt. Seine Antwort: »Wenn du jetzt nicht die Fresse hältst, lasse ich dich hier stehen.« Immer wieder, so Heide, reagiert er mit Hass auf ihre Äußerungen, brüllt herum. Heide merkt: »Wenn ich mit ihm zusammenbleibe, gehe ich zu Grunde. Aber gleichzeitig konnte ich nicht mehr ohne ihn leben.« Er schmeißt ihr an der Supermarktkasse vor den Augen der anderen Menschen in der Schlange eine zusammengeknüllte Einkaufstüte ins Gesicht. Er rückt ihre Tasche nicht raus, wenn sie zu einem Termin muss. Er wirft sie aus der Wohnung, obwohl sie nur mit Unterwäsche bekleidet ist. Dinge, die dem Körper nicht weh tun, die kein blaues Auge verursachen, und dennoch immensen Schaden in einem Menschen anrichten.

 

Partnerschaftsgewalt: Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Er, sagt Heide heute, war Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Sie liebte Dr. Jekyll, war abhängig von ihrem Traummann, der ihr zu Beginn der Beziehung sagte, sie seien zwei wunderschöne Alphatiere, die zusammen unbesiegbar seien. Doch Dr. Jekyll war meist nur noch in ihrer Phantasie vorhanden, in der Realität kam immer mehr Mr. Hyde durch, der Heide gegen einen Türstopp schleudert. Gehirnerschütterung. Die Bitte von Freunden und Ärzten, Anzeige zu erstatten. Sie kann nicht, weil sie süchtig und abhängig von ihm ist. Das ändert sich erst, als ihr eine Bekannte sagt: »Heide, du hast deine Lebendigkeit verloren.« »Diese Aussage hat mich tief getroffen und zum Nachdenken gebracht. Einen Monat später, an meinem Geburtstag, habe ich ihn früh aus der Wohnung geschmissen. Es waren noch Freunde von der Party da, die mich dann eingekesselt haben. Es fielen Sätze wie ›Mir gefällt nicht, wie er aussieht und mir gefällt nicht, wie du aussiehst‹. Und Sätze wie ›Ich kenne dich so nicht mehr, du kannst so nicht weitermachen‹«, blickt Heide zurück. Sie trennt sich von ihm. Nach 15 Monaten Beziehung.

Heide steht fest im Leben zum Zeitpunkt des Beziehungsbeginns. Sie ist Studentin, selbstbewusst, leistungsorientiert. Und damit alles andere als das typische Klischee-Opfer von Partnerschaftsgewalt, die, so denken viele, nur bei Partnern mit einem geringen Bildungsgrad oder Migrationshintergrund vorkommt und gleichzusetzen ist mit einem blauen Auge. Beides ist Unfug. Das belegen Studien (siehe Infos in Randspalte), das belegt Heide. Körperliche Gewalt war – abgesehen von der Gehirnerschütterung – nie das ganz große Thema in der Partnerschaft. Vielmehr isoliert er Heide von ihren Freunden. Zudem fühlt er sich gekränkt, wenn sie in einer Klausur eine bessere Note erhält. Ihre Reaktion: Heide, die einst selbstbewusste Studentin, streicht ihren Vorlesungsplan zusammen, verliert ihr Leistungsstreben. Den Abschluss hat sie bis heute nicht.
 

Tabu: Psychische Partnerschaftsgewalt 

Damit ist Heide ein typisches Beispiel für eines der großen Tabus an deutschen Hochschulen: Sie ist Opfer von Partnerschaftsgewalt im sogenannten ›Bildungsbürgertum‹. Oftmals stehen dabei nicht die körperlichen und sexuellen Gewaltakte im Vordergrund, sondern psychische. »Verbalattacken, Demütigungen, Drohungen, aber auch ökonomische Gewalt und Isolation« seien typische Verhaltensmuster von Tätern, erklärt Jennifer Rotter. Die 31-Jährige arbeitet beim Verein ›Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen‹ (BIG), mehr als 9.000 Anrufe erhält der Verein jährlich – von Betroffenen, im Durchschnitt 31 Jahre, aber auch von Freunden, die spüren, dass es einer Person in ihrem Umfeld nicht gut geht und die nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen, die aber helfen wollen und helfen müssen. Die Langzeitfolgen für die Betroffenen sind schließlich verheerend. »Viele erkranken an Depressionen oder haben suizidale Gedanken, der Suchtmittelgebrauch kann steigen«, erklärt Rotter – und das ist nur ein kleiner Auszug aus einer langen Liste. Isolation, verminderte Leistungsfähigkeit im Studium bis hin zum Studiumabbruch stehen auch auf ihr.

Warum nur kehren Frauen immer wieder zu ihren gewalttätigen Partnern zurück, fragt man sich. Heide beschreibt die Sucht nach dem Partner, so als sei sie auf Heroin. Man weiß, wie schädigend das ist, aber man kommt nicht davon los. Aus Scham. Weil man ihn nicht verraten und sich selbst nicht eingestehen möchte, in welche Situation man hineingeraten ist. Weil es doch der eigene Partner ist. Rotter hat eine weitere Erklärung: »Immer wieder gibt es Momente, in denen der Partner Reue zeigt, Besserung gelobt, es kommen wieder romantische Phasen – und dann immer wieder die Rückkehr zur Gewalt.« Erschwerend für Akademikerinnen kommt das Tabu hinzu. »Häusliche Gewalt passt nicht ins Selbstverständnis der Bildungselite, zudem ist die Fallhöhe für Frauen aus bildungsnahen Schichten eine ganz andere«, so Rotter.
 

Wie soll man als Beobachter reagieren?

Doch wie sollte ein Student reagieren, wenn er den Verdacht hegt, dass eine Kommilitonin Opfer von Gewalt ihres Partners sein könnte? »Auf keinen Fall sollte man das mutmaßliche Opfer in einer größeren Gruppe ansprechen oder dann, wenn ihr Partner in der Nähe ist«, sagt Kerstin Zander. Zander ist Gründerin der Selbsthilfeplattform re-empowerment, entstanden nach einer eigenen Gewalterfahrung und mittlerweile mit täglich 100 Diskussionsbeiträgen im Online-Forum eine Art Vollzeitjob. Zander gibt weitere Tipps für Kommilitonen, die helfen wollen und allein dafür »ein komplettes Masterstudium bezahlt bekommen sollten«, wie die Hamburgerin meint: »Man kann in einem ruhigen Moment ganz einfach fragen, wie es der Betreffenden geht und ob alles in Ordnung ist. Darauf folgt wahrscheinlich eine Abwiegelungsreaktion, dann muss man sanft und ohne penetrant zu sein nachhaken und vor allem: Optionen aufzeigen.« Heißt: Zeigen, dass man jederzeit da und gesprächsbereit ist. Ein Sicherheitsnetz spannen und signalisieren, dass, egal was passiert, eine weiche Landung garantiert ist. Auf keinen Fall sollte man das Wort ›Trennung‹ in den Mund nehmen, dieser Schritt muss vom Opfer kommen, wie überhaupt der letzte Schritt vom Opfer kommen muss. Freunde können das Sicherheitsnetz spannen, springen aber muss die Betroffene allein. Oftmals zermürbt das Freunde und Freundschaften.

Dann sollte man sich erst mal zurückziehen und zu verstehen geben, dass die helfende Hand immer da ist. Ansprechen sollte man die eigene Wahrnehmung in jedem Fall so schnell wie möglich, denn über psychische Gewalt reden Opfer noch, über physische Gewalt nicht mehr – dann ist die Tür raus aus der Gewaltspirale zu und schwer wieder zu öffnen. Auch im studentischen Kontext, so Zander, beginnt diese Gewaltspirale oft scheinbar banal, indem die Leistung des Partners gehemmt wird: Dieser wird gedrängt, auf das Auslandssemester zu verzichten, Vorlesungen zu schwänzen und weniger zu lernen, angeblich, um mehr Zeit miteinander zu haben. Oft spielt aber Kontrollwahn eine Rolle. Es folgen Demütigungen, Isolation von bisherigen Freunden und irgendwann meist auch körperliche Übergriffe, die bis hin zu Vergewaltigungen führen können.

 

Im Wechsel: Beleidigungen und romantische Abende

Erlebt hat das Susann* in ihrer 4,5-jährigen Beziehung. Die ersten 2,5 Jahre davon lebte sie mehr als 500 Kilometer von ihrem Partner entfernt. Schon damals kommt es zu psychischen Übergriffen. »Die Gewalt begann mit kleineren Beleidigungen, die oft als Witze getarnt waren, mit dummen Sprüchen über mein Aussehen«, erzählt Susann, die nach einem ersten abgebrochenen Studium mittlerweile Business Administration studiert. Wenn sie ihn darauf anspricht, wirft er ihr vor, humorlos und zu empfindlich zu sein. Susann schluckt das und macht sich selbst Vorwürfe. Fortan wechseln sich Beleidigungen und romantische Abende ab. Er sagt ihr, sie sei ja gar nicht sein Typ. Wenig später schenkt er ihr Blumen und Champagner. Er nörgelt über ihre Frisur und Körbchengröße. Um sie dann in die Oper einzuladen, romantische Abende zu verbringen. Als sie nach 2,5 Jahren zusammenziehen, ist er depressiv und macht sie dafür verantwortlich. Sie vernachlässige ihn, arbeite zu lang. Sie macht sich Sorgen um ihn, verliert dadurch Konzentration, Leistungsvermögen und vor allem: Selbstbewusstsein.

Dafür steigen die Schuldgefühle. Irgendwann, so Susann, kommt die erste Ohrfeige, der viele weitere folgen. Er würgt, bespuckt und vergewaltigt sie, hindert sie daran, aus der Beziehung zu flüchten, macht sie abhängig von ihm. Anvertrauen kann sich Susann aus Scham niemanden und niemand merkt, wie es ihr ergeht. Zumindest traut sich niemand, sie anzusprechen, oft sind die Wunden seiner Attacken auch nicht sichtbar, sondern tief in Susanns Seele. Erst nach 4,5 Jahren gelingt ihr die Flucht, sie geht zur Polizei, zeigt ihn an. Seine Strafe: 90 Tagessätze für zig Ohrfeigen, Demütigungen, Vergewaltigungen und seelische Verletzungen, die bis heute nicht verheilt sind. Albträume, Psychopharmaka und Therapien sind auch 1,5 Jahre nach Ende der Beziehung Alltag für Susann. Das Selbstbewusstsein der Frau, die einst für das Studium allein vom Norden in den Süden Deutschlands zog, jobbte, studierte, eine eigene Firma gründete, ist weg, vom Vertrauen in andere Menschen ganz zu schweigen. Ebenso davon, dass Freundschaften zu Bruch gingen, sie Hobbys vernachlässigt, ihre eigenen Bedürfnisse und Ziele komplett zurückgestellt, ihre Persönlichkeit ein Stück weit aufgegeben hat – und das schon lange vor der ersten Ohrfeige.

Bedenklich: Auch in jeder Reihe deines Hörsaals sitzt statistisch mindestens eine Heide und eine Susann. 

* Alle gekennzeichneten Namen in diesem Artikel wurden von der Redaktion geändert.

 


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