Eine Fernbeziehung ist nicht leicht - mit ein paar Regeln kriegt ihr das hin Foto: @heftiba/unsplash

So klappt die Fernbeziehung

Szenario Fernbeziehung: Sie Studiert in Hamburg, Er in München – kann das Klappen? Es kann. Wenn ihr als Paar einige Spielregeln beachtet

Hey there Delilah, don't you worry about the distance

Zu traurigen Gitarrenklängen haucht der Plain White T’s Sänger Tom Higgenson seine Hymne für Fernbeziehungen ins Mikro – in jeder Line und jeder Note schwingt die Sehnsucht mit. Sie ist der Fixstern einer jeden Fernbeziehung. Egal, ob durch das Auslandssemester, den Studienwechsel nach dem Bachelor oder dem Jobangebot in einer anderen Stadt – Fernbeziehung heißt: zwei Herzen, zwei Betten, zwei Leben, getrennt durch manchmal vierstellige Kilometerbeträge – für viele Studierende Teil ihres Alltags. Ständig wird vermisst, gewartet und auch abgewogen – ist es die ganze Misere Wert? Und wie, bitte, soll das nur funktionieren?

Die Antwort scheint so banal wie einleuchtend: Wenn es beide wirklich wollen, kann alles funktionieren. Meint der Paar- und Familientherapeut Dr. Peter Wendl, der seit über 15 Jahren an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt zum Thema Fernbeziehungen forscht. »Fernbeziehungen haben keine höheren Trennungsquoten als Nahbeziehungen«, erklärt der Wissenschaftler. Manche Paare leben diese Beziehungsform ein Leben lang und es klappt. 

What's it like in New York City? 

Nun, der Wille ist da, wie aber sieht der Weg nun aus? Extrem wichtig sei es, so Wendl, den Partner am eigenen Alltag teilhaben zu lassen. Ständige Kommunikation ist dabei das A und O – nur so schafft es ein Paar, die räumliche Distanz zu überwinden. Stressfaktoren wie Prüfungen, freudige Momente wie der Sieg des eigenen Basketballteams: beide sollten mit dem Partner geteilt werden, sonst ist die Gefahr groß, sich – sprichwörtlich – außeinanderzuleben. Dass wir heute nicht mehr auf die Brieftaube angewiesen sind, macht zwar vieles leichter, aber die Nachricht muss eben immer noch getippt, der Videoanruf getätigt werden: »Die technischen Voraussetzungen, miteinander in Kontakt zu treten, haben sich enorm verbessert – die Intensität und Tiefe der Kommunikation zweier Menschen wird aber immer noch alleine durch die Partner selbst bestimmt«, erläutert Markus Ernst, Diplompsychologe und Paarberater. Auch er sieht den fehlenden gemeinsamen Alltag als größte Herausforderung für Fernbeziehungen. Dabei sollte es dem Paar nicht passieren, es lediglich beim Geschichten erzählen zu belassen: »Nichts macht so sehr Angst, wie Studienkollegen, die ich nicht kenne«, erklärt Paartherapeut Wendl. Deshalb gilt es, den Partner in das soziale Umfeld zu integrieren und ihm zu zeigen, dass man auch in einer neuen  Umgebung voll zu ihm steht. Dafür braucht es Signale. Ein Bild neben dem Bett. Händchen halten auf der Uniparty statt sich aufzuführen wie ein Single. Das schafft Vertrauen. Übrigens: Aufs alleine Feiern gehen sollte trotzdem nicht verzichtet werden. Sich einen erfüllenden Alltag zu kultivieren, ohne den anderen zu ersetzen, ist hier die Herausforderung. 

Two more years and you'll be done with school

Genauso essenziell: Ein Schlachtplan. »Wie oft werden wir uns sehen?«, »Wann sehen wir uns voraussichtlich das nächste Mal wieder?« – auf diese Fragen sollten Paare wie Delilah und Tom Antworten haben. Ausschlaggebend ist es dabei nicht, wie lange die Fernbeziehung wohl dauern wird. »Das rückt in den Hintergrund, solange die Motivation, das Warum der räumlichen Trennung klar ist«, so Wendl. Der Master in Seeverkehr wird eben nur im Norden angeboten, voher habt ihr gemeinsam in München studiert? »Der Mensch ist bereit, alles zu ertragen, wenn er weiß warum, hat Friedrich Nietzsche gesagt. Das gilt für eine Fernbeziehung ganz besonders«, weiß Wendl.

I'll pay the bills with this guitar

Auch der finanzielle Aspekt spielt – so unromantisch das auch sein mag – eine gewisse Rolle. Kann sich der Partner die Zugfahrten nicht leisten, wird es schwierig, die Bindung aufrechtzuerhalten. Vor allem sei das in langfristig angelegeten Fernbeziehungen relevant. Für die Erasmuszeit in Spanien funktioniert auch mal ein halbes Jahr lang ›Augen zu und durch‹, so der Experte Wendl. 

You be good and don't you miss me

Neben all der Steine auf dem Weg bieten Fernbeziehungen auch Vorteile: Sie sind eine Art Trainingscamp für die Liebe. Denn all die Kompetenzen, die entscheidend für eine Beziehung sind – im Gespräch zu bleiben, gemeinsam Probleme zu lösen, Sexualität und Erotik nicht als selbstverständlich hinnehmen – werden den Protagonisten ja zwangsläufig abgerungen. Das hält die Partnerschaft lebendig: »Die Honeymoon-Zeit des Verliebtseins hält tendenziell länger, wenn sich Partner nicht rund um die Uhr verfügbar haben«, so Wendl. »Und man kann sich unter der Woche besser auf Karriere und Hobbys konzentrieren, während am Wochenende Quality Time in die Partnerschaft investiert wird.« Kingt doch eigentlich gar nicht so schlecht. Auf jeden Fall aber  nicht gänzlich unmachbar. 

Fernbeziehung: Mit diesen Expertentipps kriegt ihr das hin

  1. Ja, ich will.  Es steht fest: Beide wollen die (Fern-) Beziehung. Das ist Basis, ohne die es einfach nicht geht. 
  2. Für dich tu ich das. Der Grund für die räumliche Trennung ist für beide erkenn- und tragbar. Ok: »Deinen Traumstudiengang gibt’s nur in Hamburg – aus Liebe zu dir ist das ok, auch wenn dann tausende Kilometer zwischen uns liegen.« Nicht ok: »Den Studiengang gibt’s auch näher und du wählst trotzdem die ferne Alternative.«
  3. Leben leben. Ihr schafft es beide, einen erfüllenden Alltag zu kultivieren – auch ohne den Partner glücklich zu sein, ohne ihn dabei zu ersetzen. 
  4. Schreib mir. Sich sehen – so oft es geht. Und wenn nicht: den Kontakt nicht abreißen lassen. Höhen und Tiefen wollen geteilt werden. Und: auch schwierige Themen ansprechen. Sonst stauen sich zu viele Missverständnisse an.
  5. Komm, ich zeig‘s dir. »Das ist Malte, hier geh ich zur Uni, dort gehn wir tanzen.« Einander teilhaben lassen ist essenzieller Kit für die Liebe auf Distanz.
  6. So machen wir das: Macht euch einen Plan, wie es laufen soll. Wie oft seht ihr euch? Wie lange soll es dauern? Jeder klärt dabei für sich, ob für ihn die Vorteile noch überwiegen, sonst fehlt die Motivation. 

Buchtipp für Fernbeziehungsgeplagte: ›Gelingende Fern-Beziehung. entfernt – zusammen – wachsen‹, Dr. Peter Wendl, Herder, 11,99 Euro

 


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