So wichtig ist Schlaf

Vielschläfer haben ein schlechtes Image. Dabei fördert Schlaf nicht nur das Wohlbefinden, sondern auch die Karriere. Schlafexperte Dr. Hans-Günter Weeß erzählt im Interview, warum das so ist

Herr Dr. Weeß, bekanntlich feiern Studis die Nächte gerne mal durch. Wie viel Schlaf brauchen Studenten wirklich?

Studenten können als durchschnittliche Erwachsene angesehen werden. Über 75 Prozent der deutschen Bevölkerung, so eine Studie des Robert-Koch-Instituts, schlafen zwischen sechs bis acht Stunden pro Tag. Das individuelle Schlafbedürfnis kann jedoch sehr stark variieren. Thomas Edison benötigte etwa drei bis vier, Albert Einstein hingegen zehn Stunden. Die Schlafmenge in der Nacht ist aber gar nicht das entscheidende Kriterium. Es geht vielmehr darum: Wie fühlen wir uns am Tage? Sind wir ausgeschlafen, leistungsfähig, wach, aufnahmebereit?

Können wir eigentlich noch richtig einschätzen, ob wir genügend Schlaf hatten, oder haben wir unseren Draht zur Bettruhe verloren?

Wir sind tatsächlich eine schlaflose Gesellschaft, denn: Deutschland steht zu früh auf – für unsere innere Uhr. Das hängt mit dem gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zusammen. Besonders junge Erwachsene sind hier betroffen: Ab dem 15. Lebensjahr, der Pubertät, bis zum 25. Lebensjahr, sind wir von unserem Schlaf-Wach-Rhythmus stark nach hinten verschoben. Das heißt, wir können erst relativ spät ins Bett gehen und kommen morgens nicht gut raus. Und dann beginnen Uni, Arbeit oder Schule einfach zu früh, ein Schlafmangel kommt hier schnell auf.

Wie finden wir zurück zu einem gesunden Schlafverhältnis?

Immer dann, wenn Ferien sind und der einzelne mal ohne Wecker lebt und je nach Bedürfnis ins Bett geht, und dann aufsteht, wenn man sich ausgeschlafen fühlt, dann dürfte etwa nach einer Woche das gesellschaftlich bedingte Schlafdefizit abgebaut sein. In der zwei­ten Woche stellt sich dann ein Schlaf-Wach-Rhythmus ein, der dem eigenen Naturell entspricht. So lässt sich die eigene tatsächlich benötigte Schlafmenge feststellen.  

Studenten sind noch recht jung. Können sie daher den Schlafmangel nicht locker wegstecken?

Sicher, ein paar Mal geht das schon, aber trotzdem ist es immer ein Mangel. Fehlt er uns, kann Schlaf seine biologische Funktion nicht in der Form ausüben, wie er das tun müsste. Und Schlaf ist eine elementare biologische Funktion. Wenn wir nicht schlafen, nicht essen, nicht trinken, dann sterben wir.

Klingt fast etwas brachial …

Schlaf ist eben sehr wichtig. Und gerade im Kontext Studium hat er nicht nur eine gesundheitsfördernde und emotional stabilisierende Wirkung, sondern ist auch essenziell für Lernen und Gedächtnisprozesse. Wenn wir das, was wir am Tage neu gelernt haben, so abspeichern möchten, dass wir es nicht vergessen, dann ist der Schlaf dafür unabdingbar.

Wer mit wenig Schlaf auskommt, gilt etwas. Warum hat Schlafen so ein schlechtes Image?

Das ist tatsächlich ein Problem in unserer Gesellschaft: Langschläfer gelten als faul und wenig dynamisch, Kurzschläfer hingegen als dynamisch, erfolgreich und sportlich. Die Führungskräfte in Politik und Wirtschaft brüsten sich damit, mit wenig Schlaf auszukommen. Leider wird vernachlässigt, welche Bedeutung Schlaf für die Gesundheit, für unser emotionales Befinden und für unsere Leistungsfähigkeit hat. Eigentlich ist Schlaf nämlich ein höchst karrierefördernder, kreativer Prozess. Schlaf macht wach und daher sollten wir ihn auf keinen Fall zu kurz kommen lassen.

Zur Person: Dr. Hans-Günter Weeß

Schlaf ist sein Geschäft: Seit über 20 Jahren erforscht Dr. Weeß Schlaf und seine Störungen. Er ist Leiter des Interdisziplinären Schlafzentrums im Pfalzklinikum Klingenmünster. Sein Buch ›Die schlaflose Gesellschaft‹ gibt es für 19,99 Euro im Schattauer Verlag.

Faktenwissen rund ums Schlafen

  • Lernen im Schlaf: Die Gedächtnisbildung ist ein komplexes System: neu erworbenes Wissen erzeugt Schaltverbindungen in unserem zentralen Nervensystem. Während des Schlafens werden diese Regelkreise dann gefestigt oder wieder aufgelöst. Kommt unser Gehirn zu dem Schluss, dass eine Information irrelevant war, wird sie verworfen. Somit hat Schlaf nicht nur eine gedächtnisfördernde Wirkung, sondern auch eine Art Mülleimerfunktion. Bis kurz vor dem Einschlafen zu Lernen, kann daher Vor- und Nachteile haben: Dinge, die wir noch vor dem Zubettgehen gelernt haben, haben keine Interdifferenzen mit anderen Inhalten, werden also wenig verwässert. Bin ich andererseits angespannt – Kann ich mir das alles merken? Habe ich das richtig gemacht? –, verhindert das den Schlaf. Kein oder zu wenig Schlaf beeinträchtigt wiederum die Gedächtnisleistung.
  • Der Schlafprozess: Schlaf lässt sich in fünf Phasen gliedern: der Wachzustand, das Dösen, der stabile und der Tiefschlaf sowie das Stadium REM (Rapid Eye Movement). In letzterem träumen wir emotional sehr aktiv, sind aber körperlich nahezu gelähmt. Ein Schlafzyklus dauert etwa 90 Minuten, vier bis sieben dieser Zyklen durchlaufen wir pro Nacht.
  • Wie besoffen: 17 Stunden am Stück ohne Schlaf – das entspricht einem Blutalkoholspiegel von 0,5 Promille. Wer 22 Stunden wacht, zeigt ein Reaktionsvermögen wie mit 1,0 Promille.
  • Powernap: Studien haben gezeigt, dass Studenten, die in der Phase der Prüfungsvorbereitung regelmäßig ein Nickerchen machen, eine bessere Erinnerungssleistung haben als diejenigen, die zwar auch eine Pause, aber kein Nickerchen gemacht haben. Grundsätzlich gilt: Wer einen regelmäßigen, kurzen Mittagsschlaf – etwa 15 Minuten – hält, lebt länger und hat weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Aber Vorsicht: Nie zu lange schlafen. Denn sobald wir ein bestimmtes Schlafstadium erreichen, kann sich die Wirkung umkehren. Dann werden wir lust- und antriebslos, sind gerädert und sehnen uns wieder nach Schlafen.
  • Faktor Licht: Augen zu heißt: dunkel. Ob der Rollladen nun geschlossen oder offen ist, spielt dabei – objektiv betrachtet – keine große Rolle. Die Ausnahme: ein Bett direkt vor dem Fenster. Strahlt das Sonnenlicht am frühen Morgen ins Gesicht, dringt Licht durch die Augenlider und beeinträchtigt die Produktion des Schlafbotenstoffs Melatonin. Diese kann auch vor dem Einschlafen gestört werden, etwa durch das blaue Licht von LED-Bildschirmen.

 


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