Was ist Liebe?
misterQM/Quelle:PHOTOCASE

Was ist Liebe eigentlich? Was löst sie in uns aus?

Liebe ist anstrengend und irrational. Aber was spielt sich eigentlich im Körper ab? Was ist Liebe eigentlich?

Friedrich Nietzsche war ein weiser Mann – das weiß jeder, der sich schon einmal mit seinen Werken beschäftigt hat. Doch auch er war vor einem Gefühl nicht gefeit, das Gegenstand von zahlreichen Songtexten und banalen Hollywoodfilmen ist: der Liebe. Wie verrückt diese Emotion sein kann, macht er in ›Also sprach Zarathustra‹ deutlich.

»Es ist wahr: Wir lieben das Leben, nicht, weil wir ans Leben, sondern ans Lieben gewöhnt sind. Es ist immer etwas Wahnsinn in der Liebe. Es ist aber auch immer etwas Vernunft im Wahnsinn.«

Hast du auch schon mal die Achterbahn der Gefühle mitgemacht? Warst du himmelhochjauchzend und betrübt zugleich? Hast du dich gefragt, was eigentlich los ist und was da in dir vorgeht? Wenn Liebe im Spiel ist, kann es ganz schön kompliziert werden. Das liegt auch daran, dass es viele Arten von Liebe gibt und mindestens genauso viele unterschiedliche Ansichten darüber, was Liebe genau ist. Was wir unter dem Gefühl aller Gefühle verstehen, ist sehr individuell und hängt von der Persönlichkeit sowie unseren bisherigen Erfahrungen ab.
 

Was ist Liebe? Medizinische Annäherung

Aber betrachten wir die Liebe doch mal aus verschiedenen Blickwinkeln und fangen am besten ganz unromantisch damit an, das Gefühlschaos zu erklären. Obwohl eine Beziehung eine Herzensangelegenheit ist, beginnt die Liebe im Gehirn. »Wenn wir jemanden begehren, ihn lieben, werden eine Fülle unterschiedlicher Hormone ausgeschüttet«, erklärt Martin Dornberg, der als Arzt und Philosoph das Zentrum für Psychosomatik und Psychotherapie am St. Josefskrankenhaus in Freiburg leitet.
 

  • Der Stoffwechsel im Körper und im Gehirn verändert sich.
  • Da ist das Dopamin, das Wollen, Erregung und Lernen beeinflusst. Dieses ist außerdem wichtig für das Belohnungssystem und verstärkt positive Gefühle.
  • Dazu gesellt sich der Botenstoff Serotonin, der den Informationszufluss im Gehirn kontrolliert. Im Zustand des Verliebtseins sinkt der Serotoninspiegel, was paradox ist, da Serotonin auch als ›Glückshormon‹ bekannt ist. Diesen Umstand kann man damit erklären, dass Verliebte auf ihr Objekt der Begierde regelrecht fixiert sind. Neurotiker haben ebenfalls einen niedrigen Serotoninspiegel.Der Zustand des Verliebtseins ähnelt folglich einer Zwangsneurose.Zusammen mit dem Dopamin und den Endorphinen löst Serotonin jedoch das berauschende Glücksgefühl aus – wodurch außerdem die Hemmschwelle niedriger wird.
  • Mitentscheidend für die Liebe ist noch das Oxytocin, denn ohne dieses wäre die Verliebtheit nicht von langer Dauer. Es sorgt für den Aufbau einer emotionalen Bindung, verringert Stress und stärkt das Vertrauen. Es hat auch den Spitznamen ›Kuschelhormon‹, weil es bei körperlicher Nähe, insbesondere beim Sex, ausgeschüttet wird. Interessanterweise ebenso beim Stillen, da sorgt es für eine enge Mutter-Kind-Beziehung.
  • Eine weitere Rolle spielen die Geschlechtshormone, vor allem das männliche Testosteron beeinflusst das Gefühlsleben. Wenn ein Mann verliebt ist, sinkt sein Testosteronspiegel und er ist weniger aggressiv. Bei Frauen hingegen steigt er und ihre Lust auf Sex nimmt zu.

»Alle diese Stoffe wirken in einem komplexen Wechselspiel zusammen. Sie sind aber weniger Ursache als vielmehr Ausdruck oder Folge unserer Emotionen, unseres Verhaltens und unseres Erlebens«, so der Mediziner.

Wenn unsere Hormone verrückt spielen, ist das nicht gerade stressfrei für den Körper. Die berühmten Schmetterlinge im Bauch sind dafür ein Beispiel. Sie äußern sich in einem mulmigen Gefühl in der Magengegend und in Herzklopfen. Eigentlich wie vor einer Prüfung. Dass wir aber nicht in Panik verfallen, liegt daran, dass die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin zwar Blutdruck und Puls steigen lassen, aber zusammen mit den Glückshormonen wirken, was bei uns als ›positiver Stress‹ wahrgenommen wird.

Somit ist die Liebe also das schönste Gefühl der Welt, gleichzeitig aber auch schrecklich, weil wir uns in einer Situation befinden, die unsere Psyche und unseren Körper fordert und manchmal auch überfordert. Alles erinnert uns an den Partner und ist er auch nur ein Weilchen weg, verzehren wir uns vor Sehnsucht. Wir sind ›süchtig‹ nach unserer ›besseren Hälfte‹. Außerdem benehmen wir uns unvernünftig, da wir unser Innerstes preisgeben und uns verletzbar machen. »Aus diesem Grund wird Verliebtheit oft auch als geheimnisvoll erlebt: Wir wissen nicht, wie es uns geschieht, sind auf rätselhafte Weise aktiv und passiv zugleich und haben das Geschehen oft nicht mehr in der Hand. Was passiert, entzieht sich unserer Macht und wird deshalb auch zum Teil als schmerzlich und nicht nur lustvoll erlebt«, erklärtDornberg.

Unterschied zwischen Verliebtheit und Liebe

Auf Dauer wäre diese Stresssituation viel zu anstrengend für den Körper. Daher darf man Verliebtheit nicht mit Liebe gleichsetzen. Verliebtheit lässt sich schon eher als ›Hormoncocktail‹ bezeichnen, ein Ausnahmezustand, in dem man vorwiegend die positiven Seiten des Partners wahrnimmt. Die Liebe hingegen ist ein tiefes Verbundenheitsgefühl, das sich in der Phase des Verliebtseins entwickelt.

Das Gefühl der Zusammengehörigkeit, das durch die Hormone ausgelöst und verstärkt wird, lässt sich langfristig im Gehirn abspeichern und bindet uns an den Partner – im Idealfall ein Leben lang. Diplom-Psychologin Friederike von Tiedemann ist Paartherapeutin und bringt noch einen weiteren Aspekt, abseits der Chemie, ein.

»Verliebtsein bedeutet ›Ich liebe dich, weil ich dich brauche‹. Ohne den Partner fühlt man sich nicht vollständig, man ist Teil einer Symbiose. Liebe bedeutet ›Ich brauche dich, weil ich dich liebe‹. Eigentlich kommt man auch gut allein zu recht, aber mit dem Partner ist es schöner.«

In dieser Veranschaulichung wird der höhere Grad an Autonomie und Selbststeuerung deutlich. Nicht Abhängigkeit ist der Faktor, an den die Gefühle gekoppelt sind, sondern eine tiefe Seelenverbindung. Insbesondere die gemeinsame Bewältigung von Krisen intensiviert dieses Verbindung. »Liebe ist nicht nur Lust und Begehren, sondern auch Haltung und Handlung, die mir ermöglicht, Unterschiede anzuerkennen.«

In ihrem letzten Buch hat sich von Tiedemann eingehend damit beschäftigt, was eine Liebe dauerhaft macht. Als wichtigen Aspekt sieht sie Phasen der Distanzierung und der Wiederannäherung. Im Verliebtsein wird dies nicht toleriert, da versucht man, sich möglichst ähnlich zu sein, weil Unterschiede die Liebesgefühle bedrohen. So ist es zu erklären, dass zum Beispiel ein Couchpotatoe für seine fitte Liebste zum Sportler wird, wenn er auf Wolke Sieben schwebt. »In der Verliebtheit gibt es nur ein Entweder-oder. In der Liebe dagegen gibt es immer ein Ringen um den Erhalt des Gemeinsamen, ein Sowohl-als-auch«, führt die Psychotherapeutin aus.

Was ist Liebe? Und, wen oder was kann man lieben?

Jetzt haben wir schon so oft das Wort Liebe gehört und auch im Alltag begegnet es uns immer und überall. Gehen wir heute nicht fast schon inflationär mit dem Wort Liebe um? Wir lieben unsere Heimat oder unser Haustier, aber ist das wirklich Liebe?

»Ein entscheidender Unterschied ist die potenzielle Fähigkeit zu einem Dialog. Wenn ich meinen Hund oder die bayerische Luft liebe, ist das vielleicht auch ein Austausch auf sinnlicher Ebene, aber er verlangt mir nichts ab. Nur bei der zwischenmenschlichen Liebe muss ich einen Selbsterkenntnisprozess durchlaufen.

Ich muss emotionales Engagement aufbieten und Zugeständnisse machen. Das ist anstrengend, aber dennoch suchen wir Menschen genau das immer wieder auf. Vermutlich, weil wir unser Leben durch die Liebe zu einem Menschen als tiefer und reicher empfinden.«


Liebe fordert uns, aber ist auch ungemein wichtig für unsere Persönlichkeitsentwicklung. Dornberg pflichtet bei: »Wir Menschen sind umweltbezogene Wesen. Wir sind und werden nur durch Beziehungen zu uns selbst.«

Bestimmte Gefühle können wir lediglich durch den Austausch mit anderen erleben. So wird auch deutlich, was sich hinter dem Sprichwort ›Gegensätze ziehen sich an‹ versteckt. »Gegensätze wirken in der Tat anziehend, weil der andere etwas lebt, was mir selbst fehlt und mich mit ihm zusammen vollkommener fühlen lässt«, so von Tiedemann. Ist der Mann eher ruhig und die Frau lebendig, bringt sie ihm diese »inspirierende Qualität« in sein Leben und er liefert dafür »die Ruhe und den Halt«. Später, wenn der Reiz des Neuen verflogen ist, können aber diese Eigenschaften nerven. »Die Entwicklungsherausforderung für das Paar besteht dann darin, ein wenig von dem zu entwickeln, was der andere so gut kann.« Laut Dornberg braucht die Liebe »sowohl ein Bedürfnis nach Sicherheit und Wiederholung als auch nach Neuem und Abwechslung«. Beides muss erfüllt sein, damit eine Beziehung auf lange Sicht erfüllend ist.

Als Arzt für psychosomatische Medizin weiß Dornberg außerdem, was an der Redewendung ›an einem gebrochenen Herzen leiden‹ dran ist. Da wir Menschen uns von Geburt an Bezugspersonen suchen, können wir tatsächlich krank werden, wenn wir diese verlieren oder auch nur Angst haben, sie zu verlieren. »Nach dem 11. September 2001 war die Rate gefährlicher Herzrhythmusstörungen und Herzinfarkte in den USA deutlich erhöht. Bei wenigen Erkrankungen ist der Einfluss psychischer Faktoren, wie eben Verlustgefühle, auf Entstehung, Verlauf und Mortalität empirisch so gut belegt wie im Fall der ›Koronaren Herzerkrankung‹ und des Herzinfarkts.«
 

Was ist Liebe? Viele Fragen sind offen

So weit die Wissenschaft auch fortgeschritten ist, gibt es immer noch Fragen, auf die selbst Experten keine Antwort finden. So zum Beispiel, warum ein bestimmter Mitmensch in uns ein Feuer entfacht und ein anderer uns kalt lässt. Dornberg vermutet, dass eine Mischung verschiedener ›Zutaten‹ verantwortlich ist. Diese können biologisch, psychisch, sozial oder auch situativ sein. Wir Menschen sind von unserer genetischen und psychobiologischen Ausstattung her unterschiedlich angelegt, daher erleben wir Sinneseindrücke ganz individuell. Diese Unterschiede erklären möglicherweise auch, warum sich manche Menschen schneller verlieben oder promiskuitiver sind als andere, also häufig wechselnde Sexualpartner haben.

Aber nicht nur das ›Bäumchen-wechsel-dich‹-Spiel wird in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert, sondern auch ein Phänomen, das manche als Wert und andere als überholt empfinden: die Monogamie. Friederike von Tiedemann hält den Anspruch an Monogamie für hoch, da wir heutzutage sehr alt werden und auch nach der Familienphase noch viel Zeit mit ein und demselben Partner verbringen. »Hinzu kommt, dass wir uns immer wieder verändern und sich auch unsere Bedürfnisse wandeln. Die heutige Beziehungsbasis ist eine rein emotionale und keine zweckgebundene oder wirtschaftliche mehr.«

Darüber hinaus erwarten wir, dass eine einzige Person alle unsere Bedürfnisse abdeckt. An diesem ›neo-romantischen Beziehungsideal‹ scheitern die meisten der heutigen Ehen, weiß die Paartherapeutin. Sie hält somit die Monogamie für ein Ideal, dem wir uns versuchen zu nähern. Nun wäre es doch noch interessant, zu erfahren, ob die Expertin noch an die große Liebe glaubt? »Ich glaube schon, nur ist es selten der Fall, dass in einer Beziehung alles passt – außer natürlich im Kino.« Mit dem Idealbild der einen großen Liebe quälen wir uns häufig und übersehen vielleicht auch, dass es gut ist, wie es ist. »Ich rate vielen Paaren, dass sie das teilen sollen, was sie gut teilen können. Das ist eine Menge Wert«, rät die Beziehungsfachfrau.

Egal, ob man die Liebe nun romantisch oder nüchtern betrachtet – sie ist und bleibt ein Wunder. Sogar wissenschaftlich gesehen ist sie ein beeindruckender, biochemischer Prozess, der noch immer viele Rätsel aufgibt. Wichtig ist jedoch, dass dieses ›Naturphänomen‹ unser Leben spannend macht und es seinen Zauber für uns nie verlieren wird.

 

♥ ♥


Anzeige

Anzeige