Posende Frau mit Fellmütze- und Schal
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Was ist Mode eigentlich? Was sagt meine Kleidung über mich aus?

Was ist Mode eigentlich? Warum laufen wir Trends hinterher? Was sagt meine Kleidung über mich aus? Mode ist längst nicht nur ein Mädchenthema, sondern eine Kernfrage der Soziologie

Oberflächlich betrachtet, ist sie eine »in einer bestimmten Zeit, über einen bestimmten Zeitraum bevorzugte, als zeitgemäß geltende Art, sich zu kleiden, zu frisieren, sich auszustatten«. Das sagt der Duden zur Mode. Während für manche die Begriffe ›Mode‹ und ›oberflächlich‹ sehr gut miteinander harmonisieren, steckt in der Bekleidung, soziologisch betrachtet, viel mehr als ein Mensch, der sich vor Wettereinflüssen schützen möchte. Denn selbst wenn sich vielleicht viele nicht bewusst über ihren Kleidungsstil definieren – die Gesellschaft erledigt dies für sie. Frei nach Paul Watzlawicks bekanntestem Ausspruch ›Man kann nicht nicht kommunizieren‹ zeigt auch der individuelle Kleidungsstil – sei es Massenware von der Stange, Designer-Stücke, Secondhand-Klamotten oder Eigenkreationen – immer eine gewisse Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. Dabei spielt die Zeit eine sehr wichtige Rolle – ›zeitlos-chic‹ trifft hier wohl nur auf wenige, ausgewählte Stücke zu, denn Mode per se unterliegt einem permanenten Wandel. »Der Prozess, Altes durch Neues abzulösen, erweist sich als wichtiges Spezifikum der Mode. Es wandelt sich jedoch nicht nur die Mode selbst, sondern darüber hinaus auch der Umgang mit ihr«, erklärt Diplom-Soziologin Jean-Emilie Wuttke, Mitarbeiterin in der Abteilung Soziologie der Sozialstruktur und sozialen Ungleichheit am Institut für Soziologie der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.
Dank der zunehmenden Internet-Kommunikation in Form von Fashionblogs wird der seit den 1960ern Jahren vorherrschende Stilpluralismus zusätzlich dynamisiert. Dies bedeutet: Immer mehr ist möglich, Grenzen lösen sich auf und die Möglichkeiten, sich modisch zu präsentieren, sind äußerst vielfältig. Dabei sind wir, als moderne Gesellschaft, an Neuem und Veränderung orientiert, wie Dr. Udo Thiedeke, außerplanmäßiger Professor für Soziologie am Institut für Soziologie der Johannes-Gutenberg-Uni Mainz, betont. »Periodische Stilwechsel zeigen das Neue und das noch nie Dagewesene oder suggerieren es zumindest«, führt der 52-Jährige weiter aus.

Wer also zu dieser modernen Gesellschaft dazugehören möchte, tut gut daran, eine Position zu dem zu finden, was als gesellschaftlich neu und damit zeitgemäß gilt, wie Thiedeke beschreibt. Oder kurz gesagt: Wer keine Meinung zur Mode hat, ist aus der Mode. Dies allerdings ist keine Erkenntnis der letzten Jahrzehnte. Hier verweist Thiedeke auf Kant, der in seiner Anthropologie darauf eingeht, dass »es aber doch immer besser ist, ein Narr in der Mode als ein Narr außer der Mode zu sein«.
Wer sich aber dennoch gerne in der Rolle des Sonderlings sehen möchte, muss mittlerweile sehr tief in der Klamotten- und Accessoireskiste wühlen. Waren noch vor ein paar Jahrzehnten zu kurze Röcke, lange Haare bei Männern oder körperteile-übergreifende Tätowierungen ein Mittel zur Provokation, so lockt dies heute kaum jemanden hinter dem Ofen hervor. Aber warum provozieren auch Studenten, die an sich noch sämtliche modische Freiheiten hätten, oftmals nicht? »Prinzipiell wird modische Provokation nicht nur auf dem Campus, sondern auch gesamtgesellschaftlich zunehmend schwieriger, da die stilistische Differenzierung der Gesellschaft kontinuierlich zunimmt und sich in dem sogenannten Stilpluralismus, der gesellschaftlich akzeptierten Gleichzeitigkeit verschiedener Moden konkretisiert«, erklärt Wuttke von der Uni Mainz und fügt an, dass es heute kaum mehr etwas gibt, was das Auge noch zu provozieren vermag. Hinzu kommt, dass, obwohl die Uni von modischen Einschränkungen losgelöst ist, kaum mehr stilistische Ausnahmeerscheinungen zu finden sind. Wuttke vermutet, dass die Studenten diesen verlängerten modischen Schonbereich, in dem sie modisch noch nicht eingeschränkt sind, nicht mehr auskosten, sondern sich wohl zunehmend stärker an gesamtgesellschaftlichen und ›erwachseneren‹ Moden orientieren.

Wenn auch die Möglichkeiten der Provokationen mittlerweile rar gesät sind beziehungsweise die Studenten sich verstärkt von subkulturellen Zugehörigkeiten abwenden – trotzdem möchte kaum jemand das Ebenbild tausend anderer sein. So extrem, aber auch regelkonform Mode sein kann – sie ist mehr als Uniformiertheit und Extravaganz: Sie ermöglicht Differenzierung und soziale Integration zugleich: »Mode verspricht, dass man genau dann dazugehört, wenn man sich individuell unterscheidet«, sagt Thiedeke, der Mode als »kollektiv nachahmenden, periodischen Stilwechsel individueller Distinktion«, also einer mehr oder weniger bewussten Abgrenzung von einer bestimmten sozialen Gruppe, charakterisiert. »In einer modernen Gesellschaft gehört nicht nur die Orientierung am Neuen, sondern auch am möglichst originell Abweichenden zu den normalen Erwartungen. Darin drückt sich die Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit des Individuums aus und darin sind wir alle gleich«, beschreibt der Soziologe. Unverwechselbar und doch gleich zu sein klingt nach trockenem Wasser – nicht möglich. Und doch reicht ein Blick in die Menge. Selbst wenn hunderte Menschen auf der Straße das gleiche Kleidungsstück einer Modekette tragen – aufgrund individueller Zusammenstellung mit anderen Kleidungsstücken und Accessoires kann die Zuordnung zu einer bestimmten Gruppe geschafft werden. Dies bietet eine schnelle Lesbarkeit der Individualität auf einen Blick und ohne viel Worte, was uns individuell anschlussfähig an andere macht, wie Thiedeke ausführt. Prof. Dr. Lars-Eric Petersen, Professor für Sozialpsychologie am Institut für Psychologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg fügt an, dass Menschen grundsätzlich eine positive soziale Identität anstreben: »Diese kann unter anderem dadurch erreicht werden, dass man durch Kleidung die Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen verdeutlicht. Bevorzugt werden dann natürlich Gruppen, die von den Individuen selbst positiv bewertet werden.«
Wie einfach diese Zuordnung sein kann, zeigt ein Blick auf die Hochschulen beziehungsweise auf ihre unterschiedlichen Fakultäten. Denn in Bezug auf die Stilmerkmale einzelner Studiengruppen lässt sich die individuelle Unterscheidung nach ähnlicher Stilwahl einordnen. Im Klartext heißt das: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Wirtschaftswissenschaftler optisch von einem Sozialwissenschaftler unterscheidet, ist relativ hoch. Aber wo liegen die Gründe hierfür? »Es scheint Attraktoren zu geben, bestimmte Stilmerkmale zum Signalisieren von studentischer Individualität zu wählen, die mit einer Ähnlichkeit in Lebenserfahrung, sozialem Kontext, Themen des Studiums oder Haltungen zur Gesellschaft korrespondieren«, sagt der Soziologe Thiedeke. Er erklärt weiter, dass Studenten, in deren Studium Wertorientierungen wie Seriosität und Leistungsbereitschaft im Zentrum stehen, modische Stilmerkmale wählen, die diese beiden Eigenschaften zeigen. Dies gilt ebenso, wenn Progressivität oder Praktikabilität im Zentrum des Studiums stehen – mit dem Unterschied, dass das die jeweiligen Studenten anders zum Ausdruck bringen.
Folglich hat fast jede Fakultät einen gewissen Anteil an Klischee-Studenten. Kaum einer wird müde, sich den gängigen Stereotypen vom ›Samenstau-Maschinenbau-Studenten‹ oder dem Namen-tanzenden-Sozialpädagogen hinzugeben. Dass es zu diesen stereotypen Bildern kommt, dafür können weniger die Studierenden etwas als die Medien: »Vorurteile dieser Art werden durch Erzählungen und soziales Lernen erworben, indem die Studenten bestimmter Studienrichtungen entsprechend präsentiert werden. Zum anderen sind auch persönliche Erfahrungen mit einzelnen Mitgliedern bestimmter Gruppen Grundlage von Vorurteilen«, erläutert Petersen von der Uni Halle-Wittenberg und spricht dabei das Phänomen der ›Übergeneralisierung‹ an: Nur weil einige Vertreter tatsächlich in stereotypischer Weise auftreten, wird im Umkehrschluss davon ausgegangen, dass alle so sind – was zu einfach wäre. Denn während beispielsweise Studenten der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften mittels College-Jacken, Segelschuhen und Perlenohrringen Erfolg und Reife symbolisieren wollen, wie Wuttke von der Uni Mainz erklärt, kann es im Gegenzug ebenso passieren, dass sich ein Student mit gut-situiertem Hintergrund ganz bewusst einen alternativen Stil aneignet. Ebenso gibt es Fälle, in denen sich eine Studentin aus einer Arbeiterfamilie, sich mit zwei Nebenjobs Designerkleidung finanziert, wobei auch die teuren Stücke nicht über ihren  Habitus, die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht, hinwegtäuschen können. 

Unabhängig davon, ob Mode als Mittel zur Unterstreichung der Persönlichkeit, der Vertuschung ursprünglicher Abstammung, als Ausdrucksmittel politischer Anschauungen oder eben ausschließlich als Schutz vor Wetterkapriolen zum Einsatz kommt – sie zeigt doch mehr von uns als uns manchmal vielleicht lieb ist – oder immer noch zu wenig? Andererseits möchten wir nicht aufgrund unserer Kleidung auf Oberflächlichkeiten reduziert werden – vielleicht nur manchmal ein bisschen? Sind es letztendlich nicht die viel zitierten inneren Werte, die wirklich zählen? Wären wir in einer Talkshow, würde sich ein frenetischer Applaus durchaus anbieten – Standing Ovations inklusive.


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