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Bernward Jopen macht Gefängnisinsassen fit für die Wirtschaft

"Hinter Gittern - Ohne Einschränkung": Dr. Bernward Jopen berichtet über sein Projekt "Leohnhard | Unternehmertum für Gefangene" und wie er damit Gefängnisinsassen auf einen späteren Berufeinstieg vorbereitet.

Herr Dr. Bernward Jopen, was genau ist „Leonhard | Unternehmertum für Gefangene“? 

Leonhard ist ein gemeinnütziges Unternehmen zur unternehmerischen Qualifizierung von Strafgefangenen. Unsere Aufgabe ist die Integration der Gefangenen in die Gesellschaft nach ihrer Entlassung. Unser Ziel ist, durch unser Programm die Rückfallquote ehemaliger Gefangener erheblich zu senken und damit die Belastung für Gesellschaft und Staat zu verringern. Wie wir das machen? Indem wir Strafgefangene unternehmerisch qualifizieren. Zum einen befähigen wir unsere Teilnehmer, nach ihrer Entlassung kleine Dienstleistungsunternehmen aufzubauen. Damit werden sie unabhängig von der Gunst potentieller Arbeitgeber, die sich mit der Anstellung eines ehemaligen Straftäters möglicherweise schwer tun. Zum anderen fördern wir ihr unternehmerisches Denken und Handeln als Mitarbeiter in Unternehmen. Damit verhalten sie sich so, als ob sie selbst Unternehmer wären, bringen das Unternehmen ordentlich voran und sind somit für den Arbeitgeber wertvolle Mitarbeiter.  

Wie wird das Projekt Leonhard finanziert?

Die ersten eineinhalb Jahre haben wir durch eigenes Engagement, durch Spenden und durch Bußgeld-Zuweisungen „überlebt“. Dies ging natürlich nur durch eine äußerst sparsames Wirtschaften. Seit Februar diesen Jahres erhalten wir erfreulicherweise eine Finanzierung durch den Europäischen Sozialfonds. Diese gilt für die nächsten zweieinhalb Jahre und deckt einen Großteil der Kosten. Ca. 15 % müssen wir nach wie vor aus eigenen Mitteln, Spenden und Bußgeldern bestreiten.  

Wie sind Sie darauf gekommen, ein solches Projekt zu initiieren?

Noch während meiner Tätigkeit am Zentrum für Innovation und Gründung an der Technischen Universität München wurde ich im April 2009 auf das Prison Entrepreneurship Program (PEP) in Texas aufmerksam. Ein Artikel in der Financial Times Deutschland (FTD) beschrieb den aufsehenerregenden Erfolg von PEP im Gefängnis in Cleveland, 40 Meilen nördlich von Houston/Texas. Der FTD-Artikel machte deutlich, dass viele Häftlinge über eine Reihe wichtiger unternehmerischer  Fähigkeiten verfügen, die dem Durchschnittsbürger mitunter fehlen: Initiative, Kreativität, Risikobereitschaft und Durchsetzungsvermögen. Falsche Entscheidungen, die oft durch schwierige Umstände begünstigt werden, führen jedoch später zur persönlichen Katastrophe, einem oft langjährigen Aufenthalt hinter Gefängnismauern. Diese Erkenntnis, verbunden mit der Überlegung, „unternehmerisches Potential“ heben zu können und dies aus einer Randgruppe mit in Bayern immerhin ca. 12.300 Häftlingen, war für mich nicht ohne Wirkung. Ende 2009 entschied ich mich, meine Tätigkeit bei der UnternehmerTUM - Zentrum für Innovation und Gründung an der Technischen Universität München nach acht Jahren zu beenden, um ein mit dem Prison Entrepreneurship Program vergleichbares Programm in Deutschland zu starten. Nach Verhandlungen mit dem Bayerischen Staatsministerium der Justiz und für Verbraucherschutz und zwei insgesamt dreiwöchigen Reisen nach Cleveland / Texas konnte das Programm mit bedeutender inhaltlicher Unterstützung durch das Modellprojekt in Texas sowie einem ähnlichen Programm in Belgien entwickelt werden. Meine Tochter Maren begleitete mich auf der zweiten Reise nach Cleveland. Die zehntägige Teilnahme am PEP-Programm und die Gespräche mit den Häftlingen beeindruckten sie so sehr, dass sie nach ihrer Rückkehr beschloss, ihre festangestellte Tätigkeit zu kündigen, um das Programm in Deutschland zusammen mit mir umzusetzen.  

Wo genau liegt Ihre Motivation? 

Meine Motivation für das Programm liegt in der Überzeugung, dass Strafgefangene z.T. über ein bisher nicht genutztes Potential unternehmerischer Fähigkeiten verfügen. Wir gehen davon aus, dass die unternehmerische Kultur bei Strafgefangenen im Hinblick auf Initiative, Engagement, Risikobereitschaft und Problemlösungskreativität möglicherweise stärker ausgeprägt ist, als gemeinhin angenommen. Dies legt den Schluss nahe, diese „besonderen Eigenschaften“ für die soziale Wiedereingliederung von Gefangenen zu nutzen, um den Gefangenen nach ihrer Entlassung verbesserte Startchancen in der Arbeitswelt zu geben.  

Was macht Sie so sicher, dass Sie das Richtige tun?

Sehr bedeutend sind für uns die Feedbacks der Teilnehmer. Einer schrieb in das Kurstagebuch im ersten Kurs "Nach solchen Themenvorträgen denk ich mir jedes Mal "Alter, schau hin, das ist keine Zauberei!". Was ich auf jeden Fall aus diesem Programm mitnehmen werde, ist mehr Selbstvertrauen. Die ganzen Begriffe wie „Businessplan“, „Marketing“, „Return On Investment“ pipapo haben ihren Schrecken verloren. Ich weiß mittlerweile, dass man, um Erfolg zu haben, kein millionenschwerer Vorstadtjunge mit BWL-Studium sein muss.“ An diesem Beispiel merkt man, wie viel Ermutigung ausmacht und wie dadurch ein enormes Potential in den Leuten geweckt werden kann.  Aber auch die Zahlen stimmen uns zuversichtlich: Unser Modellprojekt in den USA hat mit der ähnlichen Methode die Rückfallquote von 50 bis 70 % auf unter 10 % reduziert. Das finden wir sehr beachtlich und möchten das in Deutschland auch erreichen. 

Wie kann man sich den Programmaufbau vorstellen? Was genau lernen die Teilnehmer?

Unsere unternehmerische Qualifizierung von Gefangenen erfolgt in drei Phasen innerhalb und außerhalb einer Justizvollzugsanstalt. Phase 1 den 20-wöchigen Unterricht im Gefängnis. Die Phasen 2 und 3 finden nach der Entlassung statt. Phase 1 besteht wiederum aus drei Bausteinen: Erstens die Vermittlung der Grundlagen von Unternehmertum und Wirtschaft, zweitens die Vermittlung von Schlüsselkompetenzen und Werten und drittens das Schreiben eines eigenen Geschäftsplans (Businessplan). Im ersten Bereich „Grundlagen Unternehmertum und Wirtschaft“ sprechen wir über Themen wie „Unternehmerische Chancen erkennen“, „Von Talenten & Hobbys zur Branchenwahl“, „Kraft des positiven Denkens“, „Gewinn- & Verlustrechnung“ und vieles mehr. Eben alles, was man zur Gründung eines kleinen Dienstleistungsunternehmens wissen muss. Neu ist, dass wir anhand von Zeitungsartikeln über aktuelle Wirtschaftsthemen mit den Teilnehmern diskutieren. Unser Ziel ist dabei, die größeren Zusammenhänge klar zu machen und weswegen es wichtig ist, sich für Wirtschaftsthemen zu interessieren. Dabei entstehen tolle Diskussionen, bei denen alle, auch wir als Trainer, viel lernen! Außerdem halten wir es für wichtig, sich nicht allein auf die Frage „Wie kann ich Geld verdienen?“ zu konzentrieren. Deswegen gibt es den zweiten Bereich Schlüsselkompetenzen und Werte. Unter Schlüsselkompetenzen verstehen wir Fähigkeiten, mit deren Hilfe es Menschen schaffen, anspruchsvolle Anforderungen zu bewältigen. Für diesen Bereich kommen zwei Mal je Woche externe Referenten aus der Wirtschaft in das Programm und führen Workshops zu unterschiedlichen, sehr praxisnahen Themen durch, wie z.B. ein Gedächtnistraining, ein Workshop zum Thema „Erfolgreich im Team arbeiten“, „Selbstbewusst präsentieren“ und vieles mehr. Die Anwendung des theoretisch Gelernten findet dann beim Schreiben des eigenen Businessplans statt. Ganz wichtig sind hier unsere Businessplan-Berater. Dies sind  Studenten, die sich bereit erklären, im Internet Marktrecherchen für die Geschäftsidee eines Leonhard-Teilnehmers zu übernehmen. Unsere Teilnehmer verfügen zwar über Notebooks für die Bearbeitung ihrer Businesspläne. Ein Internet-Zugang ist dagegen nicht möglich. Diesen Mangel soll durch die Tätigkeit der Businessplan-Berater ausgeglichen werden, die dem Teilnehmer dabei helfen, seinen Markt und den zu erwartenden Wettbewerb durch Ihre Recherchen besser kennenzulernen. Interessierte Studenten können mir gerne eine Mail an bernward.jopen@leonhard.eu schreiben.  

Und wie läuft Ihr Arbeitsalltag im Gefängnis ab?  

Wir unterrichten täglich vor- und nachmittags, d.h. wir verbringen oftmals fast den ganzen Tag dort. Präsentationen, Workshop, Diskussionen und Gruppenarbeiten wechseln einander ab. Erstaunlich ist die gute Atmosphäre im Kurs. Wir kommen meist sehr gut gelaunt aus dem Gefängnis, nicht weil wir gehen durften, sondern weil wir am nächsten Tag wieder hinein dürfen!    

Wer darf an Ihrem Programm teilnehmen?

Nach welchen Kriterien wird von wem ausgewählt?  Wir rekrutieren unsere Teilnehmer in allen bayerischen Gefängnissen, die für die Dauer des 20-wöchigen Programms in eine zentrale Anstalt, in der wir unterrichten, verlegt werden. Sexualstraftäter und notorische Serienbetrüger können an dem Programm nicht teilnehmen. Zudem darf die Resthaftdauer ab Programmbeginn nicht mehr als zwölf Monate betragen und der Teilnehmer muss die deutsche Sprache beherrschen. Sind diese Kriterien erfüllt kann er sich bei uns bewerben. Es folgt ein recht aufwändiges Verfahren, an dessen Ende wir die Teilnehmer auswählen.  

Inwiefern wird das Projekt akzeptiert?

Wie verhält sich zum Beispiel das Gefängnispersonal zu der Initiative?  Wir sind erstaunt, wie viel Akzeptanz das Projekt in der Öffentlichkeit findet! Wir freuen uns über viele Menschen, die unsere Teilnehmer als Mentoren oder als Referenten unterstützen und einige Mühe auf sich nehmen, um sie im Gefängnis zu besuchen oder Vorträge zu halten. Eine große Ermutigung auch für uns.  

Wie kommt das Projekt bei den Strafgefangenen an? Gibt es Leute, die aufgeben?

Anfangs sind einige Gefangene skeptisch. So ein Programm gibt es sonst nicht und man muss ihnen genau erklären, was und warum wir das machen. Aber schon nach kurzer Zeit weicht die Skepsis einem sehr vertrauensvollen und respektvollem Umgang.   

Und wie motivieren Sie Ihre Teilnehmer?

Die Motivation kommt zum größten Teil aus den Teilnehmern selber. Sie müssen während unseres Programms sehr viel lernen, arbeiten und sich mit vielen Themen, die nicht immer angenehm sind, auseinander setzen. Aber der Wille ist groß und sie erkennen klar die Chance, die ihnen hier einmalig geboten wird, packen sie beim Schopf und beißen sich durch. Wenn einer mal durchhängt, wird er meist durch die Kurskollegen wieder aufgebaut und zum Durchhalten animiert. Es herrscht eine sehr gute, kameradschaftliche Zusammenarbeit im Kurs.  

Werden Sie in der Rolle des „Lehrers“ akzeptiert?

Von den Erfahrungen, die ich sowohl als Unternehmer als auch als Dozent in meiner vorigen Tätigkeit bei der UnternehmerTUM gesammelt habe, profitieren natürlich auch unsere Teilnehmer. Somit gibt es keinerlei Akzeptanz-Probleme. 

Glauben die Teilnehmer an ihr eigenes Gründerpotenzial?

Unser Ziel ist nicht, dass sich jeder Teilnehmer selbstständig macht. Wie oben geschildert, geht es uns um die Vermittlung von unternehmerischem Wissen, welches unsere Teilnehmer sowohl als Arbeitgeber als auch als Arbeitnehmer nutzen können. Durch unser Programm sollen sie herausfinden, welcher für sie der richtige, berufliche Weg ist. Einige erkennen auf diesem Weg ihr Gründerpotential; andere sehen für sich, dass sie erst einmal in einer angestellten Tätigkeit besser aufgehoben sind.  

Welche Herausforderungen stellen sich den Insassen bereits während der Ideenfindung beziehungsweise nach Entlassung bei der Umsetzung?

Für die Teilnehmer ist es manchmal schwierig, hinter Gittern ohne Einschränkungen zu denken. Damit meine ich, dass manche bei der Umsetzung ihrer Geschäftsidee in einen Geschäftsplan daran hängen bleiben, dass sie noch für einige Zeit eingesperrt sein werden und ihre Ideen erst danach in die Tat umsetzen können werden. Das frustriert manche, weil sie am liebsten sofort loslegen würden.   

Was geben Sie den potenziellen Unternehmern mit auf den Weg, um solche Hindernisse zu bewältigen?

Wir ermuntern sie, in ihrer Zeit im Gefängnis möglichst viele Geschäftsideen zu prüfen und durchzudenken. Sie werden nie wieder so viel Zeit für ihre Überlegungen und Ausarbeitungen haben wie in Haft! Da steckt enormes Potential! 

Welche Art von Unternehmen gründen die Gefangenen?

Wir animieren unsere Teilnehmer, sich bei den Geschäftsideen auf kleine Dienstleistungsunternehmen zu konzentrieren. Diese sind zum einen weniger kapitalintensiv. Zum anderen muss ich mich zu einem sehr frühen Zeitpunkt mit dem Kunden auseinander setzen, was die Geschäftsidee wesentlich tragfähiger macht. Die ersten Fragen, die uns ein Teilnehmer bei der Vorstellung seiner Geschäftsidee beantworten muss, lauten „Wer ist der Kunde?“, „Was ist das Problem?“ und „“Wo liegt der Nutzen für den Kunden?“. Dabei entstehen Geschäftsideen wie beispielsweise ein Besorgungsservice für gehbehinderte und ältere Menschen, eine Ernährungsberatung mit Physiotherapie oder eine innovatives Konzept zur kurzfristigen Vermittlung von Spezialkräften.  

Die Nachhaltigkeit von Umdenkprozessen ist schwer einzuschätzen, können Sie trotzdem bereits ein Resümee aus Ihrer bisherigen Arbeit ziehen?  

Langfristig wird uns die Senkung der Rückfallquote recht geben. Da dies erst in einigen Jahren evaluiert werden kann, haben wir das Pilotprojekt im letzten Jahr wissenschaftlich begleiten lassen. Die Ergebnisse waren sehr positiv und auf dessen Basis hat das bayerische Justizministerium entschieden, dass wir das Programm fortführen dürfen. Und zwar nicht mehr nur in einem Gefängnis, sondern in ganz Bayern. Was wir darüber lösen, dass die Gefangenen aus den anderen bayerischen Anstalt in ein zentrales Gefängnis verlegt werden. Eine sehr erfreuliche Entwicklung, die uns zeigt, dass wir das Richtige tun.

Von welchen Erfolgserlebnissen können Sie berichten? Und was war bisher die erfolgreichste / kurioseste Idee für eine Unternehmensgründung? Welche Ideen scheiterten?

Es ist erst ein Absolvent unseres Programms entlassen worden. Er hat innerhalb kürzester Zeit einen Arbeitsplatz gefunden, wo er seine Fähigkeiten und Kenntnisse optimal einsetzen kann. Das macht uns sehr froh. Bei den anderen steht die Entlassung erst noch an. Wir denken, hierzu Ende des Jahres, wenn noch mehr Teilnehmer entlassen wurden, von mehr konkreten Fällen berichten zu können.  

Wie ist der aktuelle Stand des Pilotprojektes?  

Das Pilotprojekt wurde im Mai 2011 abgeschlossen. Seit Februar 2012 findet der zweite Kurs statt, Ende Juli 2012 starten wir den dritten Kurs.      


Wo sehen Sie sich und Ihr Projekt Leonhard in fünf Jahren?

Nach der Etablierung hier in Bayern können wir uns vorstellen, das Konzept auch in andere Bundesländer zu bringen. Anfragen gibt es schon jetzt von einigen Seiten, wir möchten aber behutsam Schritt für Schritt vorgehen.  


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