Andreas Lenz

Interview mit Andreas Lenz: »Gründen war noch nie so leicht«

Trotz Technikbackground: Andreas Lenz, Gründer und Head of Marketing des Magazins t3n, erzählt von der Kultur des Scheiterns und der Start-ups

Start-ups sind ein Redaktionsschwerpunkt bei t3n. Warum?

Das hängt unter anderem mit unserer eigenen Gründungsgeschichte zusammen: Wir waren ursprünglich auch ein Start-up – drei Typen von der Uni mit ihren Laptops und Open-Source-Software. Ich finde die ganze Start-up-Welt vor allem deswegen so spannend, weil es heute nicht mehr so kompliziert ist, eine Firma zu gründen. Früher musste sehr viel Geld für Maschinerie, eine Fabrikhalle oder einen Fuhrpark geliehen werden.

Was hat sich daran grundlegend geändert?

In der heutigen Informationsgesellschaft können Menschen mit Open-Source-Software und Programmierfähigkeit Reichweiten und Produkte kreieren, die komplette Märkte verändern. Airbnb oder Uber brauchen keine Hotels oder Taxis – nur eine digitale Infrastruktur. Dieses Wissen gab es wahrscheinlich schon vorher, aber nun können auch Menschen ihre Ideen realisieren, die über weniger Kapital verfügen. Dank der digitalen Welt braucht es keine riesigen Investoren oder absurde Kredite. So können alte Geschäftsmodelle ganz schnell in Frage gestellt werden.

Apropos Geschäftsmodell: digitale Inhalte in einem Printmagazin – wie geht das bei Ihnen zusammen?

Als Digital Natives hatten wir zum Start 2005 schon eine vollwertige Onlineredaktion. Da unser Heft alle drei Monate erscheint, haben wir genug Zeit für beides und hängen nicht ständig in Produktionsschleifen fest. Die Themen, die öfter mal aufkommen und vielleicht kurzfristiger sind, gibt es online. Alles was größer und eventuell auch etwas nachhaltiger ist, machen wir im t3n-Heft. Mittlerweile funktioniert das Magazin schon fast als Gegenentwurf zu Mitbewerbern, da sie ihre digitalen Themen fast ausschließlich online publizieren. Wir sehen uns als zusammenfassende Instanz, in die sich der Leser richtig vertiefen kann.Darunter fallen digitale Themen, die im nächsten Quartal und vermutlich auch darüber hinaus wichtig werden. Wir müssen die Artikel daher sehr gut auswählen.

Was können junge Unternehmer von Ihnen lernen?

Man sollte eine Marke immer mit positiven Emotionen aufladen. Das funktioniert einfach besser. Für das Brand-Building von t3n versuchen wir likeable zu sein. Wir duzen unsere Leser oder machen ein Cover komplett aus Graffiti. Wir haben einen sehr jungen und konstruktiven Ansatz. ›Bad News are Good News‹ ist nicht unser Ding. Bei den meisten Computermagazinen steht oft ›Achtung Virus!‹ auf dem Cover. Sowas wäre für uns undenkbar. Unsere Mitarbeiter kommunizieren viel mit unseren Lesern über Social-Media-Kanäle und sind gleichzeitig Markenbotschafter für t3n.

Was genau meinen Sie mit ›konstruktiver Ansatz‹?

Wir versuchen unvoreingenommen an digitale Themen ranzugehen und nicht zu schreiben »das böse Google« oder »das böse Dropbox«. Wir sind nicht unkritisch, aber sicherlich nicht von Grund auf skeptisch wie andere deutschsprachige Publikationen. Bei uns lautet das Motto eher: ›So geht’s eben doch‹.

Wie sehen Sie Ihre Zielgruppe?

Unsere Leser sind technik-affin und kennen sich sehr gut im Internet aus. Unsere Themen haben außerdem einen B2B-Ansatz. Businessmenschen aus der Digitalwelt, Agenturbesitzer und Online-Marketer können sich im Flugzeug oder Zug hinsetzen und über relevante digitale Themen informieren. Andere Magazine müssen sich dagegen oft entscheiden, ob sie eine fachbezogene oder allgemeine Zielgruppe ansprechen wollen.

Lesen Sie selbst lieber Print oder Online?

Beides. Online lese ich mehr, dafür kleinere Umfänge. Längere Texte lese ich mittlerweile nur noch Print, obwohl ich es auch auf dem Tablet versucht habe. Diese ›Print ist tot‹-Geschichte gilt, meiner Meinung nach, nur für bestimmte Produkte wie Tageszeitungen. Sie haben erstens ein bescheuertes Format. Zweitens würden sie mit den News auch komplett online funktionieren. Es gibt auch andere Formate, bei denen über Verlinkungen eine inhaltliche Tiefe entsteht. Aber Special-Interest- oder Fachmagazine funktionieren beispielsweise gedruckt bestimmt noch sehr lange, solange die Qualität stimmt.

Welche Rolle nehmen Studierende in Zukunft in der Gründerszene ein?

Ich glaube, dass ihnen eine erhebliche Rolle bei der eigentlichen Gründung aber auch beim Realisieren von Start-ups zukommen wird. Es gibt ja jetzt bereits eine Reihe von Studierenden, die aus dem Studium heraus schon Start-ups gründen und merken: Ich brauche meinen Bachelorabschluss vielleicht jetzt gerade gar nicht. Es reicht eigentlich mein Kontaktnetzwerk für die Geschäftsidee. Die Universität dient als Infrastruktur für die Technik.

Wie hilft Studierenden das Studium dabei?

Die Dozenten geben einem in der Lehre möglicherweise gar nicht die konkrete Idee mit auf den Weg, sondern eher das strukturelle Denken. Wie komme ich von meiner Idee zu einem eigenen Unternehmen? Uns ist es auch ein Anliegen, den Gründergeist in Universitäten zu fördern, damit sich die Studierenden auch trauen. Sie sollen sehen: Das kann wirklich funktionieren, wenn wir uns voll reinhängen.

Wie sehen die Fördermöglichkeiten für Studierende aus?

Wir haben damals die Förderung über einen Wettbewerb namens ›StartUp-Impuls‹ gewonnen, der von der Stadt Hannover ausging. Es gibt außerdem die Förderdatenbank des deutschen Bundes, in der Studierende Förderprogramme finden können. Entrepreneurships aus Universitäten heraus werden zunehmend auch mehr. Die helfen Start-ups nicht nur finanziell. Gründen ist gerade so leicht wie noch nie.

Ist Selbstständigkeit für Studierende also eine gute Option?

Auf jeden Fall. Es muss aber unbedingt berücksichtigt werden, wie Selbstständigkeit und Unternehmertum in Deutschland verstanden werden. Es ist schade, dass wir damit lange nicht so entspannt umgehen wie in den USA. Dort ist es völlig in Ordnung, mal was gegen die Wand zu setzen und dann das nächste Projekt zu machen. Die Kultur des Scheiterns ist hier von einer zu großen Angst beherrscht. Alleine das Wort ›Insolvenz‹ zu sagen oder auf einem Formular ›Selbstständig‹ anzukreuzen, verursacht schon Schweißausbrüche. Diese Risikoscheu verhindert leider sehr viele Gründungen. Diese Mauern müssten erstmal eingerissen werden.

Ihr eigenes Spezialgebiet sind unter anderem ›Software as a Service‹-Lösungen. Würden Sie sich damit jetzt selbstständig machen?

Vermutlich schon. Diese Cloud-Service-Welt lässt einen hohen Grad an Automatisierung zu und alles deutet darauf hin, dass sich die Wirtschaft dahingehend entwickelt. Unternehmen mieten Lizenzen für Programme einfach so lange sie diese brauchen. Es fließt unglaublich viel Kapital rein und damit entsteht gerade ein sehr großer Markt mit Bankingsystemen, Grafikprogrammen oder anderen Anwendungen. Dazu kommen dann Sicherheit und Datenschutz, der bei Cloud-Services eine ganz wichtige Rolle spielt. Das sollten Absolventen auf jeden Fall im Auge behalten. 


t3n wurde 2005 in Hannover von Andreas Lenz, Jan Christe und Martin Brüggemann gegründet. Das Magazin für neue Technologien und digitale Wirtschaft erscheint alle drei Monate. Weitere Themen sind unter anderem Social Media, Online-Marketing und Start-ups. Der Name stammt vom freien Content-Managment-System TYPO3 .


Andreas Lenz hat 2005 gemeinsam mit seinen zwei Kollegen das Magazin t3n gegründet. Das Fachmagazin für Digitalwirtschaft erfreut sich auch online großer Beliebtheit. Start-ups, der Aufbau von Marken und ›Software as a Service‹-Lösungen sind seine Steckenpferde.


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