Übergewicht, Body-Mass-Index und Diätregeln
Übergewicht, Body-Mass-Index und Diätregeln Alan Cleaver / Quelle: Flickr.com unter CC BY 2.0

Übergewicht, Body-Mass-Index und Diätregeln

Fettzellen speichern Energie, schützen uns vor Kälte und unsere Organe vor Stößen. Warum sind sie eigentlich so stigmatisiert? Wir haben mit dem Privatdozent Dr. med. Thomas Ellrott, der das Institut für Ernährungspsychologie der Uni Göttingen leitet und am liebsten Sauerbraten, Rouladen und Chili con Carne isst, gesprochen.

Welcher Body-Mass-Index das längste Leben beschert und warum das Übertreten von Diätregeln ganz wichtig ist, liest du hier.

Herr Ellrott, warum nehmen manche Menschen zu, wenn sie an einem Stückchen Schwarzwälder-Kirsch auch nur schnuppern? Ist das Einbildung oder Wirklichkeit? 
Physikalisch ist das immer noch ein Energiebilanzproblem – Menschen, die zunehmen, essen mehr Kalorien, als sie verbrauchen. Aber: Es gibt erhebliche Unterschiede von Mensch zu Mensch, was den Energiebedarf angeht. Manche brauchen nur 1.500 Kalorien am Tag, andere 3.000 und mehr. Die letzteren haben entweder viel Magermasse, sprich Muskel- und Organmasse, oder sie verbrauchen viel durch körperliche Aktivität. Wie viel Magermasse man hat, hängt auch von den Genen ab.

Bin ich denn aufgrund meiner Gene dazu verdammt, immer Probleme mit dem Gewicht zu haben? Oder gibt es mehrere Faktoren?
Die Frage ist, auf welchen Lebensstil meine Gene treffen. Wir haben heute einen „toxischen Lebensstil“, was das Gewicht angeht: ganz wenig körperliche Aktivität, aber energiedichtes wohlschmeckendes Essen immer und überall verfügbar. Übergewicht ist eine fast unausweichliche Konsequenz. Denn wir tragen immer noch die Steinzeitgene in uns, die sagen: Friss, was du kriegst, damit du die nächste Notzeit überstehst! Deckelung nach oben war in evolutionsbiologischen Zeiträumen betrachtet hingegen niemals notwendig. Wenn die Umweltbedingungen es aber gar nicht zulassen, dass ich übergewichtig werde, dann passiert das auch nicht. Wenn jemand mit einer entsprechenden Disposition nach Afrika in Mangelregionen ginge, wo die Nahrungsenergie jeden Tag knapp ist, es kaum Maschinen gibt, die körperliche Arbeit abnehmen, und man viel zu Fuß und mit den Händen tun muss, dann würden sie oder er gar nicht übergewichtig werden können. Hierzulande haben wir trotz der für das Gewicht toxischen Umweltbedingungen Spielräume, das Gewicht zu beeinflussen: Das Individuum kann seinen Lebensstil verändern.  Toxischer Lebensstil – das klingt ja sehr gefährlich.

Ab wann wird Übergewicht tatsächlich zur Gesundheitsgefahr?
Das ist nur im Einzelfall genau zu sagen. Nimmt man die Grundgesamtheit der Bevölkerung, ist das Risiko ab einem Body-Mass-Index (BMI) von 30 hoch, durch Adipositas sekundäre Erkrankungen zu bekommen, wie zum Beispiel Herz-Kreislauf- oder Tumorerkrankungen bzw. Diabetes Typ II. Im Einzelfall sagt jedoch der Bauchumfang mehr über die Gefährlichkeit aus als der BMI. Denn der Bauchumfang misst indirekt die Fettverteilung aus und korreliert somit besser mit dem Risiko für Sekundärerkrankungen. Für Frauen und Männer gibt es unterschiedliche Grenzwerte: bei Frauen 88 cm, bei Männern 102 cm als Grenzwert, ab dem es gesundheitlich problematisch wird. 

Warum nimmt man den Bauchumfang und nicht den der Hüften oder Oberschenkel?
Das Unterhautfettgewebe beziehungsweise subkutane Fett, wie es an den Oberschenkeln vorkommt, stört manche Menschen kosmetisch, verursacht aber quasi keine Krankheiten. Das Fett im Bauchraum, das abdominale oder viszerale, wirkt jedoch wie ein inneres Organ. Über den Mechanismus der Insulinresistenz führt es zu einer Vielzahl von Folgekrankheiten.

Dieses Fett gibt es also tatsächlich nur im Bauchraum und nicht etwa zwischen Oberschenkelknochen und Haut?
Vor allem das Fett, das zwischen und in den inneren Organen liegt, wie zum Beispiel in der Leber, ist metabolisch ungünstig, nicht aber das Fett, das sich unter der Haut befindet. Nehmen wir beispielsweise eine extrem überbetonte weibliche Fettverteilung: das sogenannte Reithosenphänomen. Betroffene haben eine schlanke Taille und somit wenig Fett im Bauchraum, aber relativ viel Fett als Unterhautfettgewebe auf den Oberschenkeln. Hier muss man ganz deutlich feststellen: Das ist zwar ein kosmetisches Problem, aber kein gesundheitliches.

Sind dann Männer eher durch Übergewicht gefährdet, weil sie häufiger einen Bierbauch ansetzen?
Ein Bierbauch ist natürlich eher ein Männerphänomen, aber es gibt durchaus auch Frauen, die eine derartige ungünstige Fettverteilung haben. Männer haben auch deshalb ein relativ hohes Risiko, weil sie erst viel später als Frauen zum Arzt gehen und sich behandeln lassen. Frauen wiederum erleben manche Erkrankungen einfach deshalb noch, weil sie älter werden.

Sind denn mehr Männer oder mehr Frauen übergewichtig?
Nach der nationalen Verzehrsstudie und Ernährungsberichten sind es mehr Männer, die übergewichtig sind. Sprechen wir aber von Adipositas, gibt es keine relevanten Unterschiede mehr zwischen Männern und Frauen. Ca. 20 Prozent aller Erwachsenen haben in Deutschland einen BMI über 30.

Ist das Thema Übergewicht für Frauen nicht trotzdem präsenter?
Ich habe den subjektiven Eindruck, dass Frauen eher darunter leiden. Ist das Ihrer Erfahrung nach auch so? Für Frauen gilt sicher ein engeres Schönheitsideal als für Männer. Das muss man ganz deutlich sagen. Darum sind Frauen in der Summe auch gewichtsbewusster als Männer. Und sie steuern frühzeitiger gegen, als viele Männer das tun. 

Das Schönheitsideal war ja im Laufe der Zeit gravierenden Wandeln unterworfen.  
Es ist immer so, dass nur wenige Menschen dem Ideal entsprechen: In Zeiten des Mangels war es eher üppig, in Zeiten des Überflusses ist es extrem mager. So liegt das Ideal heute bei einem BMI zwischen 17,5 und 18,5. Und das ist per Definition im Untergewicht. 18,5 bis 25 ist die BMI-Kategorie für Normalgewicht. Ein Schönheitsideal unterhalb der Untergrenze öffnet Essstörungen Tür und Tor, weil viele Frauen sich extrem stark beschränken, um diese Gewichtskategorie zu erreichen, obwohl sie zum Beispiel einen BMI von 20 – 25 haben und der wäre eigentlich ideal, um lange und gesund zu leben. Es gibt Untersuchungen, mit welchem BMI die Menschen am längsten leben, und der liegt bei knapp über 25. Das ist vom heutigen Schönheitsideal ein ganzes Stück weg.  

Sollte Adipositas Ihrer Meinung nach als Krankheit anerkannt werden? Oft bekommen Menschen erst dann Hilfe vom Arzt, wenn sie eine Folgeerkrankung haben. Die vorbeugenden Maßnahmen werden von den Krankenkassen noch nicht unterstützt.  
Man muss sehr deutlich differenzieren zwischen Übergewicht und Adipositas. In der Kategorie Übergewicht gibt es noch keinen generellen Krankheitswert. Darum ist sie auch nicht per Definition behandlungsbedürftig. Im Einzelfall ist es immer anders. Wenn jemand einen Diabetes Typ II und einen BMI von 28 hat, und der Diabetes würde sich bei einer Gewichtssenkung auf einen BMI von 25 bessern, wäre eine Behandlung sinnvoll. Aber in der Summe ist diese Gruppe durch adipositasabhängige Krankheiten noch nicht stark gefährdet. Selbst bei einem BMI von 30, ab dem Adipositas diagnostiziert ist, ist nicht jeder automatisch krank. Genau das ist das Problem für die Krankenversicherung: Wenn man die Behandlungsbedürftigkeit an solch einem Wert festmachen würde, gehörten gleich 20 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland therapiert. Der BMI von 30 allein würde die Krankenkassen bei genereller Leistungspflicht vor unlösbare finanzielle Probleme stellen. Die Übernahme etwaiger Therapiekosten sollte sich bei einem BMI zwischen 30 und 35 am individuellen Krankheitswert orientieren. Bei einem BMI über 35 kann man kategorische Leistungspflicht erwägen. 

Was ist Ihre Empfehlung für eine gesunde und nachhaltige Gewichtsbalance?  
Eigentlich ist es das, was wir längst wissen. Es ist extrem hilfreich, körperlich aktiv zu sein – egal, in welcher Form, Hauptsache, man ist es! Es geht nicht um das richtige Lauftempo mit der richtigen Pulsfrequenz. Das Entscheidende ist das, was Menschen lange Zeit in ihren Lebensalltag integrieren können. Energieverbrauch zählt – welcher Art auch immer. Außerdem ist Frühstücken hilfreich. Die Menschen, die frühstücken, essen über den Rest des Tages meist weniger Kalorien als die, die ganz ohne Frühstück anfangen. Sich einmal in der Woche auf die Waage zu stellen, ist auch unterstützend. Dann kann man frühzeitig sehen, wenn das Gewicht wieder nach oben geht, und früher einschreiten. Die Erfolgreichen essen vor allen Dingen weniger Fett. Sie halten aber keine Super-Low-Fat-Diät, sondern essen verglichen mit der Normalbevölkerung relativ weniger Fett und auch weniger Kalorien. Außerdem führen viele Erfolgreiche regelmäßig ein Protokoll darüber, was sie essen und trinken und wie aktiv sie sind. Weil sie ihr Verhalten systematisch beobachten, entgleitet ihnen so nichts. 

Welche Rolle spielt die zunehmende Zeit, die Menschen vor Bildschirmen sitzen?  
Erfolgreiche sehen deutlich weniger fern und verbringen weniger Zeit am Bildschirm. Der Bildschirm ist heute für viele die entscheidende Quelle körperlicher Inaktivität. Es ist wahrscheinlich gerade ein Promille der Bevölkerung, das vor einem Bildschirm eine Wii betreibt und aktiv rumhopst. Die meisten sind in diesen vielen Stunden pro Tag extrem inaktiv. Darum hilft es vielen Menschen, die Bildschirmzeit zu begrenzen. Daten aus den USA zeigen, dass der Durchschnittsamerikaner fast auf 30 Stunden pro Woche kommt. Die auf der Waage Erfolgreichen gucken nur 10,4 Stunden. Auch das ist eine wichtige Botschaft, dass die Medien, die uns inaktiv machen, ein Teil des Problems sind. Wir sollten unsere exzessive passive Mediennutzung in Frage stellen, wenn wir ein Gewichtsproblem haben, oder eben vor dem Bildschirm aktiv sein.  

Helfen eiserne Vorsätze?  
Die Menschen, die ihre Gewichtsbalance erreichen und halten, arbeiten gerade nicht mit rigiden Alles-oder-Nichts-Vorsätzen. Sie lassen sich gewisse Verhaltensspielräume. Diejenigen, die sehr rigide agieren und sich eiserne Vorsätze machen, erleiden immer wieder durch kleine Überschreitungen dieser Vorsätze Essanfälle. Das ist so eine Deichbruchreaktion: „Ich habe das schon wieder nicht geschafft. Ich schaffe das sowieso nicht, jetzt ist es auch egal.“ Im Extremfall führt das zu Essstörungen. Erfolgreiche kontrollieren zwar aktiv, was sie essen und trinken, aber innerhalb dieser Kontrolle gibt es Verhaltensspielräume, die es auch möglich machen, gelegentlich ein Stück Torte, ein Eisbein oder eine Currywurst zu essen. Eine rigide Kontrolle würde nur funktionieren, wenn man irgendwo zurückgezogen in einer hochkontrollierten und vollständig planbaren Umgebung lebte. Der Lebensalltag wird in der Realität durch das extreme Mobilitätscredo aber immer stärker entstrukturiert und somit sogar zunehmend schlechter planbar. Hier helfen nur Vorsätze mit Verhaltensspielräumen. 

Jeder Tag verlangt ja auch seinen eigenen Energiebedarf.  
Genau. Und wir Menschen können spannenderweise den Bedarf ganz gut regulieren. Manchmal schafft man es gar nicht, an einem körperlich sehr aktiven Tag alle nötigen Kalorien aufzunehmen, das holt man eben einen Tag später nach. Es darf größere Abweichungen zwischen den Tagen geben. Das ist völlig normal. 
 


Anzeige

Anzeige