Digital Humanities: Geisteswissenschaft trifft IT

Digital Humanities verbindet die Geisteswissenschaften mit Wissen aus der Informatik. Sehr zum Vorteil für alle Geistis, deren Arbeitsmarktchancen steigen.

Wenn Lena Roder von ihrer Immatrikulation erzählt, muss sie heute noch lachen

»Ich hatte mich damals für das Fach ›Medienphilologie‹ eingeschrieben. Und erst kurz vor der ersten Vorlesung erfuhr ich davon, dass ich dieses Fach an der Uni Würzburg nun doch nicht studieren werde, sondern ab jetzt automatisch für ›Digital Humanities‹ eingeschrieben bin. Das kann dir bei so etablierten Fächern wie Germanistik, Archäologie oder von mir aus auch Informatik natürlich nicht passieren«, sagt sie.

Aber bei einem Angebot, bei dem damals vor vier Jahren noch niemand exakt sagen konnte, was nun eigentlich alles gelehrt werden sollte, war das wohl möglich.

 

Digital Humanities: Zehn Hochschulen führen Studiengang ein

Die Universität Würzburg steht mit dieser – sagen wir mal – ›Flexibilität‹ bei der Bezeichnung einer neuartigen Studienrichtung nicht alleine. Denn an rund zehn Hochschulen in Deutschland entwickelt sich derzeit eine Art neues Fach beziehungsweise eine neue Denkrichtung. Ihr Ziel: eine – noch relativ unbestimmte – Synthese von geisteswissenschaftlichen und informationstechnischen Ansätzen.

Und für eben diese Liaison zwischen Geist und Technik scheint sich der Begriff ›Digital Humanities‹ mehr und mehr durchzusetzen.

»Unabhängig davon, ob man das Fach mit Medienphilologie oder mit Digital Humanities bezeichnet: Wir studieren an der Schnittstelle zwischen Informatik und den Kultur- und Geisteswissenschaften, also der Verbindung von Altbekanntem und Neuem«, erklärt Roder.

Zentrale Fragestellung sei unter anderem, wie mit Hilfe von Internet, Datenbanken, Skriptsprachen und Neuen Medien altes und neues Wissen aus der Philologie, den Musikwissenschaften, der Kunstgeschichte oder der Archäologie für möglichst viele Leute nutzbar gemacht werden kann. »Für die Archäologie beispielsweise haben wir anhand von Zeitzeugenberichten, historischen Fakten und der ländlichen Umgebung den Karthager-Krieg von Dionysos mit dem Computer simuliert. Beispielsweise, um festzustellen, wie die Wasserversorgung funktioniert hat und wie groß die Probleme waren, die auf verunreinigtes Wasser oder Ähnliches zurückzuführen sind«, erzählt Roder.  

»Durch die Digitalisierung beispielsweise von Texten sind in den Geisteswissenschaften völlig neue Fragestellungen möglich. Oder es können alte Problemstellungen mit neuen Methoden untersucht werden«, bestätigt Professor Gerhard Lauer von der Universität Göttingen.

Gemeinsam mit der Hochschule und anderen Instituten in der Region arbeitet er derzeit daran, das Göttingen Centre for Digital Humanities (GCDigital Humanities) aufzubauen und voranzubringen. »Ziel hier in Göttingen ist es weniger, ein eigenes Fach zu etablieren als vielmehr, die bestehenden geisteswissenschaftlichen Studieninhalte durch Kenntnisse über die Methodik und Möglichkeiten von Digital Humanities zu ergänzen«, sagt er. Es sei schlicht faszinierend, wie sich durch die Technik beispielsweise der Literaturwissenschaft neue Erkenntniswelten erschließen.

Für die Literaturgeschichte etwa können Epochen auch elektronisch aus dem Text herausgelesen werden oder es lassen sich die unterschiedlichen Stile von Männern und Frauen in Romanen des 19. Jahrhunderts erkennen. Noch tue sich der ein oder andere Geisteswissenschaftler zwar schwer, das »Schöne, Wahre und Gute« durch einen Computer analysieren und letztlich ›erkennen‹ zu lassen. Spätestens mit der NSA-Affäre aber sei klar, dass sprachliche Inhalte auch durch Computer verstanden und interpretiert werden könnten.

»Oft sind beispielsweise kleine, eher unauffällige Worte hochsignifikant und aussagekräftig – und das unabhängig davon, ob ich den internationalen Mailverkehr oder das Werk von Heinrich von Kleist analysiere«, meint Lauer. Die Programmierung müsse nur entsprechend angepasst werden. 

Rund ein Dutzend Hochschulen gibt es mittlerweile in Deutschland, an denen ein Studiengang rund um ›Digital Humanities‹ bereits eingeführt oder zumindest entsprechende Studienfachergänzungen möglich sind. Dazu gehören unter anderem Bamberg, Bielefeld, Darmstadt, Erlangen, Gießen, Göttingen, Hamburg, Köln, Lüneburg, Passau, Saarbrücken und Würzburg. Generell aber ist – so Lauer – nicht davon auszugehen, dass die Zahl der Studiengänge noch deutlich zunehmen wird. »Digital Humanities als einzelnes Studienfach, in dem sich Spezialisten ausbilden lassen, wird wohl keinen Hype erleben. Was wir aber sehen werden, ist, dass die Methoden der Beantwortung geisteswissenschaftlicher Fragen auch mit Hilfe von Computerprogrammen zu den Selbstverständlichkeiten auch in den Geisteswissenschaften gehören werden.«Das sieht auch Professor Fotis Jannidis vom Lehrstuhl für Computerphilologie und Neuere Deutsche Literaturgeschichte an der Universität Würzburg so: »Wer Digital Humanities studiert, beherrscht dann beispielsweise HTML, XML und PHP, wird aber kein Informatiker. Er ist und bleibt Geisteswissenschaftler und sollte seine Ausbildung idealerweise auch durch ein zusätzliches geisteswissenschaftliches Fach ergänzen. Durch die erweiterten Zusatzkenntnisse von Digital Humanities werden die Geisteswissenschaften aber enorm profitieren.« Das allerdings gilt nicht nur für die Geisteswissenschaften an sich, sondern auch für die ›neuen‹ Absolventen. »Heute schon werden Geisteswissenschaftler mit Kenntnissen in Digital Humanities per Stellenausschreibung gesucht«, erklärt Jannidis. Rund 60 Studierende schreiben sich derzeit jedes Jahr für ein BA-Studium ein, die ersten Zwölf wollen nun ihren MA machen. »Wer seinen BA- oder MA-Abschluss hat, arbeitet dann oftmals dort, wo Geisteswissenschaftler schon seit jeher einen Arbeitsschwerpunkt hatten: in Archiven, Verlagen oder auch im Bereich der Kommunikation. »Da aber die Arbeitsabläufe in diesen Bereichen inzwischen technisch durchdrungen sind, werden technische Qualifikationen immer wichtiger. Zudem werden bei Digital Humanities in der Regel deutlich projektbezogener Kenntnisse vermittelt, als das bei den Geisteswissenschaften üblicherweise der Fall ist«, sagt Jannidis. Dazu gehören unter anderem das Erstellen digitaler Editionen von literarischen Werken, Konzepte zur digitalen Visualisierung von Kunstgegenständen, Online-Portale und Datenbanken von Museen oder die Visualisierung geografischer Karten. Wer hier Erfahrungen hat, kann beispielsweise mit Hilfe von Data-Mining-Verfahren, also der inhaltsbezogenen Suche in Texten, neue Trends in oder für ein Unternehmen aufspüren und diese passend kommunizieren. Ähnliches gilt für den klassisch wissenschaftlichen Bereich, etwa wenn es darum geht, unser kulturelles Erbe digital zu bearbeiten.  

Auch Lena Roder sieht sich trotz ihrer Kenntnisse in der Informationstechnologie »eindeutig« als Geisteswissenschaftlerin.

»Informatiker würden mich wohl kaum ernst nehmen«, meint sie.

Nach ihrem sechssemestrigen Studium zum BA wird sie nun noch ihren MA in Digital Humanities machen. Weil sie auch Germanistik und Jura studiert, dürften ihr dann wohl alle Türen offen stehen.

»Ich weiß, dass unter anderem auch Unternehmensberatungen interessiert sind, und eine große Bank will mich eventuell für den Bereich Risikomanagement einstellen«, sagt sie. Regelrecht »spürbar« sei es, wie die Nachfrage steigt.

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