Interview mit Prof. Dr. Joybrato Mukherjee, Präsident der JGU Gießen. Foto: audimax

Hochschulporträt: Justus-Liebig-Universität Gießen

Was die hessische Studentenstadt Gießen so besonders macht und wo die Steckenpferde der JLU liegen, erklärt Uni-Präsident Prof. Dr. Joybrato Mukherjee im Gespräch mit audimax

Herr Prof. Mukherjee, Sie sind 2009 mit 35 Jahren zum Präsidenten der JLU Gießen gewählt worden und waren der jüngste Uni-Präsident in Deutschland. Wie schafft man das?

Ich hatte viel Glück und gute Mentoren, die mich gefördert haben. Es ist schon so, dass ich relativ zügig studiert, promoviert und mich habilitiert habe. Allerdings ist das alles eher durch Zufall entstanden.

Zufällig zurück an die Uni gekommen?

Mein Traumjob war es, Lehrer am Gymnasium zu werden, mit Englisch und Biologie. Deshalb habe ich auf Lehramt studiert und das Referendariat gemacht. Dann hat mir mein akademischer Ziehvater in der Englischen Sprachwissenschaft die Möglichkeit einer Promotion angeboten. So habe ich während des Referendariats an der Promotion gearbeitet und danach eine Assistentenstelle bei ihm übernommen. Hätte es sein Angebot nicht gegeben, wäre ich heute wahrscheinlich Studienrat irgendwo an einem Gymnasium im Rheinland. Insofern ein Zufall.

Wie kommen Ihnen Ihre pädagogischen Fähigkeiten in Ihrer Funktion als Präsident zugute?

Wissenschaft wird immer nationaler, ich habe mit Englisch ein international ausgerichtetes Fach studiert und mit der Biologie auch Einblick in die Wissenschaftstradition der Naturund Lebenswissenschaften bekommen. Die Pädagogik darf man nicht unterschätzen: Ein Querschnittsfach hilft immer. Es heißt ja: Wiederholung ist die Mutter der Pädagogik. Und Wiederholung – Wiederholung der Argumente – brauchen Sie auch im Wissenschaftsbetrieb.

Wie sieht Ihr eigener Führungsstil aus? Sie sehen sich ja nicht als Unternehmer.

Natürlich braucht man Managementqualitäten: Mit einem Gesamtbudget von 400 Millionen Euro ist diese Universität im Grunde genommen ein Riesenunternehmen. Wir haben inzwischen einen sehr hohen Freiheitsgrad, was die Bewirtschaftung dieser Mittel angeht. Aber die Universität als Ganzes ist kein Unternehmen: Das zeigt sich allein schon daran, dass Sie Professoren nicht einfach entlassen können. Das sind Landesbeamte mit grundgesetzlich geschützten Freiheitsrechten in Forschung und Lehre. Das heißt, es gibt doch starke Grenzen für die Steuerungsmöglichkeit einer solchen Universität.

Und Ihr Führungsstil?

Wir haben an dieser Uni das große Glück, dass es immer schon ein Grundverständnis gegeben hat, dass man als Professor an der Universität – metaphorisch gesehen – schon bei einem Unternehmen ist. Man sollte versuchen, in eine strategische Gesamtrichtung zu gehen. Ich gehe stark nach gesundem Menschenverstand und versuche, aus meiner Erfahrung als Wissenschaftler zu schöpfen und die Universität entsprechend zu lenken. Das ist sehr stark learning-on-thejob.

Seit 2012 sind Sie auch Vizepräsident des DAAD. Welche zusätzlichen Aufgaben bringt so ein Amt mit sich und wie sieht Internationalisierung an der JLU aus?

Die Ämter muss man trotz aller Synergien, die sich ergeben, wenn man in Personalunion Präsident einer mittelgroßen und international ausgerichteten Universität und Vizepräsident des DAAD ist, ganz klar voneinander trennen. Der DAAD hat ein Jahresbudget von einer halben Milliarde Euro, das im kompetitiven Verfahren für Stipendien und Förderinstrumente für Wissenschaftler ausgegeben wird. Wobei natürlich auch die Universität Gießen in ganz vielen Verfahren Antragsteller ist. Daher die strikte Trennung. Persönlich eröffnet mir die Erfahrung beim DAAD immer wieder neue Horizonte, was die Internationalisierung des gesamtdeutschen Hochschulsystems angeht.

Im Studierendenportal MeinProf.de landet die JLU in den vergangenen Jahren unter den Top 10, im Ranking für die MINT-Fächer sogar dreimal in Folge. Die Studierenden in Gießen sind demnach mit den Studienbedingungen sehr zufrieden.

Wir wissen aus eigenen Erhebungen, dass die Studierendenzufriedenheit kontinuierlich zugenommen hat. Wir sind jetzt bei über 70 Prozent der Studierenden, die mit den Bedingungen sehr zufrieden, zufrieden oder vor allem zufrieden sind. Das ist ein bemerkenswerter Wert, wenn man sich zwei Dinge vor Augen führt: Erstens die Umstellung auf die Bologna- Strukturen. Das heißt, viele Studierende schätzen offenbar die strukturellen Leitplanken, die dadurch vorgegeben sind. Zweitens sind in dieser Zeit die Studierendenzahlen von gut 20 000 auf 30 000 gestiegen - und trotzdem hat die Studierendenzufriedenheit kontinuierlich zugenommen. Auch das zeigt, dass wir uns durch organisatorische Maßnahmen, die Verbesserung der strukturellen Rahmenbedingungen in der Lehre und natürlich auch durch zusätzliche Finanzmittel von Bund und Ländern sehr gut auf die steigenden Studentenzahlen vorbereiten konnten.

Welches Alleinstellungsmerkmal hat die JLU Gießen?

Unsere Fächerkonstellation in den Lebenswissenschaften ist einmalig. Wir haben diese Kombination aus Biologie- Chemie, wir haben eine der wenigen großen Lebensmitteltechnologien, Lebensmittelchemie, wir haben die Agrarwissenschaft, Umweltwissenschaft, Ernährungswissenschaft. Das ist nicht an vielen Universitäten gegeben. Wir haben die Humanmedizin, aber eben auch die Veterinärmedizin, und es gibt insgesamt nur fünf Fakultäten für Tiermedizin in Deutschland. Diese Konstellation, die ich eben skizziert habe, ist ein lebenswissenschaftliches Profil, das keine andere Universität besitzt. Das macht uns schon ziemlich einzigartig. Natürlich haben wir noch andere Fächer, die einzigartig sind, die Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen ist sicherlich auch ein absolutes Alleinstellungsmerkmal.

Die Stärken der Uni liegen demnach im fachlichen Profil?

Das zeichnet uns aus. Natürlich gibt es viele andere Dinge: Wir sind eine kleine Stadt, haben kurze Wege und eine große Universität mit ganz vielen Möglichkeiten. Das ist eigentlich eine ideale Situation: Auf der einen Seite diese doch relativ kleine überschaubare Stadt in einer schönen Landschaft, auf der anderen Seite ist man in einer guten halben Stunde – für Studenten ohne Kosten – in Frankfurt City.

Infos rund um die Universität Gießen

  • Mit knapp 30.000 Studierenden gehört die Justus-Liebig-Universität (JLU) zu den zwanzig größten Universitäten Deutschlands – in einer Stadt mit rund 80.000 Einwohnern. Die Universität und das Universitätsklinikum beschäftigen insgesamt etwa 10.000 Menschen.
  • Die JLU hat in den Natur- und Lebenswissenschaften das Exzellenzcluster Cardio-Pulmonary System (ECCPS) etabliert. Der Forschungsschwerpunkt Lunge erfolgt mit der Schwester-Universität Marburg; der Sitz des Deutschen Zentrums für Lungenforschung ist Gießen.
  • Neben dem kulturwissenschaftlichen Graduate Centre for the Study of Culture und dem Gießener Graduiertenzentrum Kulturwissenschaften gibt es zwei weitere Graduiertenschulen: das GGL (Gießener Graduiertenzentrum Lebenswissenschaften) in den Natur- und Lebenswissenschaften und das GGS für das Fächerspektrum Sozial-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften.
  • Das trinken Studenten hier: Bier
  • Das kostet das Bier: 1,50 Euro
  • Die angesagteste Bar: das Sowieso
  • Das schönste Plätzchen: die Dachterrasse des IFZ bei den Naturwissenschaften
  • Beliebtester Prof laut MeinProf.de: Prof. Dr. Volker Wissemann (Naturwissenschaften)
  • Wohin mit Mutti: auf den Wochenmarkt oder in den Botanischen Garten
  • Die Freizeitgestaltung: mit dem Studentenausweis kostenlos ins Stadttheater

 


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