»Ausbildung ohne Grenzen«: Ein Interview mit dem Präsidenten der HS Koblenz
»Ausbildung ohne Grenzen«: Ein Interview mit dem Präsidenten der HS Koblenz Marcus Kästner/audimax

Hochschulporträt: HS Koblenz

Wie an der Hochschule Koblenz Horizonterweiterung im Großen und im Kleinen betrieben wird, erklärt Präsident Prof. Kristian Bosselmann-Cyran im Interview mit audimax

Herr Prof. Bosselmann-Cyran, Sie haben in Marburg, Frankfurt (Oder), Kairo und Amman gelehrt und gearbeitet – wie hat es Sie nach Koblenz verschlagen?

Schon als DAAD-Lektor in Kairo habe ich durch Stipendienvergabe oder Universitätspartnerschaften viel über Wissenschaftsmanagement gelernt. Eine wichtige Station war Frankfurt (Oder), wo ich elf Jahre lang Wissenschaftsmanagement betrieben habe. Die Gründung der Deutsch-Jordanischen Hochschule (GJU) in Amman ist unter den DAAD-geförderten Projeken im Ausland insofern als besonders anzusehen, als sie auf expliziten Wunsch hin mit den deutschen Fachhochschulen kooperiert. Die jordanische Wirtschaft wollte anwendungsorientiert ausgebildete Ingenieure. Das ist ein Universitätsmodell, das funktioniert. So habe ich über die Jahre stark mit dem Modell der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW) sympathisiert und bin 2011 schließlich nach Koblenz gekommen.

Als Germanist sind Sie keine typische Besetzung für die Hochschulleitung. Wie wichtig sind Managerqualitäten?

Sehr wichtig. Das moderne Hochschulmanagement ist sicherlich ein anderes als noch vor 20 Jahren. Heute absolviert ein sehr hoher Prozentsatz von Mitgliedern einer Generation tatsächlich ein Studium. Das heißt, dass die Einrichtungen größer werden und andere Anforderungen an sie gestellt werden. Es ist ein ständiges Vermitteln zwischen verschiedenen Interessen. Das ist in unserem Hochschultypus noch einmal verstärkt, weil hier zusätzlich ein starker Regionalbezug besteht.

Veränderte Anforderungen erfordern veränderte Strukturen – was konnten Sie umsetzen?

Je heterogener sich eine Studierendengruppe zusammensetzt, desto mehr muss sich auch die Methodik und Didaktik der akademischen Lehre anpassen. Wir hatten in unseren Seminaren Leute im Altersschnitt von 20 bis 40, einige mit Berufserfahrung, andere ohne, aber auch Leute, die duale Studien – sicherlich ein Zukunftsmodell – aufnehmen. Gute Lehre erfordert zugleich einen gewissen Anteil an anwendungsorientierter Forschung. Das bedingt sich gegenseitig. Schließlich muss man sich administrativ anpassen und den Hochschultypus angemessen vertreten. Da haben wir in den letzten Jahren viel versucht und umgesetzt, zum Beispiel durch den Zusammenschluss in der Hochschulallianz für den Mittelstand.

Inwiefern ist dieser Zusammenschluss hilfreich?

Erklärtes Ziel ist unter anderem die gemeinsame politische Lobbyarbeit für den Hochschultypus HAW. Innerhalb eines solchen Netzwerks kann man auch Neuerungen anbieten: Was den Mastersektor angeht etwa die Entwicklung sehr spezialisierter Masterstudien, für die es am Absatzmarkt dennoch eine Nachfrage gibt. Oder in Bezug auf Internationalisierung. Die ›Hidden Champions‹ arbeiten hier zwar alle regional, verkaufen aber weltweit. Wenn sie nicht fit sind auf dem globalen Markt, können sie nicht bestehen. Daher ist Internationalisierung im Studium so wichtig. Das ist kein Selbstzweck. Der Wettbewerb wird sehr intensiv.

Berufsfelder verändern sich ja auch – daher muss auch die Ausbildung angepasst werden. Wie wird die Möglichkeit zur Promotion aufgefasst?

Wir wollen mit den Hochschulen für Angewandte Wissenschaften nicht kleine Universitäten werden. Wir wollen klarmachen, auch mit diesem Verbund, dass wir eine Hochschule neuen und anderen Typs sind. Die akademische Ausbildung, die wir leisten, ist nicht schlechter: sie ist anders. Sie führt zweifellos schneller zu einer Berufstätigkeit, führt aber möglicherweise auch irgendwann im Berufsleben wieder an die Hochschule zurück, etwa für ein berufsbegleitendes Masterstudium.

Die Hochschule Koblenz schneidet regelmäßig in Rankings gut ab, ist bei MeinProf in den letzten Jahren immer unter den Top Ten. Gibt es spezielle Faktoren, die das beeinflussen?

Wir haben eine gute Atmosphäre und eine gute Betreuungssituation sowie ein Professorenkollegium, das regelmäßig Lehrpreise bekommt. Wir haben eine gute bis sehr gute Verschränkung mit der Wirtschaft, das heißt die Leute werden in der Tat gut in den Beruf vermittelt, was durchaus ein Vorteil ist. Wir nähern uns mittlerweile auch der Vollbeschäftigung, gerade in den Ingenieurberufen. Da wird es immer schwieriger, überhaupt die Nachfrage bedienen zu können – und nicht nur bei der Werkstofftechnik Glas und Keramik, sondern auch in allen Ingenieurfachrichtungen.

Der Leitspruch der Hochschule lautet ›Vielfalt statt Einfalt‹: Wie kam es dazu?

Eine akademische Ausbildung kann nicht in Grenzen erfolgen, braucht die Offenheit. Dafür haben wir beim Stifterverband das Diversity Audit mitgemacht. Wir haben mit dazu beigetragen, die Studierenden zu animieren, sich gegen Rechtsradikalismus oder Salafismus zu positionieren. Das ist einer der Gründe für diesen Leitspruch: Die Einfalt bekämpfen ist genau das, was wir wollen.

Gibt es im Fächerangebot ein Aushängeschild der Hochschule Koblenz?

Aushängeschilder haben wir in der Tat viele, weil wir versuchen, all das, was wir anbieten, auf höchstem Niveau anzubieten. Die Leute sollen, wenn sie hier rauskommen, richtig fit sein für ihren Job. Für die außerordentlich hohe Nachfrage in den Sozialwissenschaften können wir kaum genügend Angebote schaffen. Als Lösungsmöglichkeit haben wir einige als berufsbegleitende Fernstudienangebote konzipiert, speziell auch für Halbtagsbeschäftigte. Das kommt vielen entgegen.

Welche Strategie verfolgt die Hochschule Koblenz im IT-Bereich?

Mit der Kampagne MINTeressiert informieren wir über unser Studienangebot in den MINT-Fächern sowie über begleitende Angebote, Mathematik-Vorkurse, Tutorien oder Kick-off-Camps. Das ist ein umfassendes Programm zur Motivation und Information. Wir versuchen, gezielt Frauen in traditionelle Männerberufe zu bekommen, teils über eigens konzipierte Studiengänge wie Wasser- und Infrastrukturmanagement, teils auch über Kolleginnen auf Professuren, die für junge Frauen wichtige Identifikationsfiguren darstellen. Auch Mentorenprogramme wie das Ada-Lovelace-Projekt oder unsere Kinder-Uni für Schüler ab acht Jahren – eine Art Jugend forscht im Kleinen – sollen zur Aufklärung beitragen.

Infos rund um die HS Koblenz

  • An drei Standorten in Koblenz, Remagen und Höhr-Grenzhausen bietet die Hochschule Koblenz ein vielfältiges, zum Teil einzigartiges Studienangebot, das viele akkreditierte Fernstudiengänge einschließt.
  • Die Hochschule Koblenz ist Mitglied der Hochschulallianz für den Mittelstand, dem bundesweit acht weitere anwendungsorientierte Hochschulen angehören. Der Verbund verfolgt das Ziel einer einheitlichen, verstärkten Öffentlichkeitsarbeit und einer strategischen Kooperation hinsichtlich Wissenstransfer, aber auch in Bezug auf Studium, Lehre und Forschung.
  • Am Standort Höhr-Grenzhausen werden die Studiengänge Werkstofftechnik Glas und Keramik sowie künstlerische Keramik angeboten. Vor allem Absolventen der Werkstofftechnik haben beste Berufsaussichten

Anzeige

Anzeige