Prof. Dr.-Ing. Dr. h. c. Wolfram Ressel, Rektor der Universität Stuttgart, im Interview. Foto: audimax

Hochschulporträt: Universität Stuttgart

»Es bewegt sich was.« Vernetzt, international, interdisziplinär – drei Punkte, die für den Erfolg der Universität Stuttgart stehen, verrät Rektor Prof. Dr.-Ing. Dr. h. c. Wolfram Ressel im Interview.

Herr Prof. Ressel, Sie sind seit zehn Jahren Rektor der Universität Stuttgart. Wie hat sich die Uni seitdem verändert?

Wir bewegen uns von einer klassischen Ordinarienuniversität zu einer Community- Universität. Wir schauen nicht mehr nur den Einzelnen an, sondern denken in Verbünden. In diesen interdisziplinären Verbünden versuchen wir, die Komplexität der Welt zu erforschen, Erkenntnisse daraus zu ziehen und in die Anwendung zu bringen, um damit der Gesellschaft etwas zu liefern und uns für die Zukunft gut aufzustellen. Über Verbunddenken in mehreren Ansätzen aus unterschiedlichen Richtungen versuchen wir Probleme ganzheitlich zu sehen und zu lösen. Selbstverständlich bleiben wir auch bei den Fachdisziplinen, um die Tiefe zu gewährleisten, aber wir müssen uns in Zukunft noch stärker verbinden, um unsere gesellschaftlichen Probleme in den Griff zu bekommen.

Welche Ziele verfolgen Sie außerdem?

Wir versuchen, uns so zu spezialisieren, dass wir zukunftsorientiert sind. Wir als Universität müssen immer zehn bis 20 Jahre vorausschauen, das ist unsere Aufgabe. Daher müssen wir Bewegungen aufgreifen. Wir haben auch den Job, in der Grundlagenforschung große Schritte zu machen. Die Quantenphysik ist bei uns zum Beispiel ein großes Thema. Allerdings ist es schwierig für uns, dass die Zeit immer schneller galoppiert. Mit dem Tempo können wir oft nicht mithalten, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Entwicklungen sind an Universitäten immer etwas behäbiger, denn unsere Entscheidungen durchlaufen verschiedene Gremien, was vieles verlangsamt.

»Wir definieren uns als Forschungsuniversität: die Forschung muss in die Lehre einfließen.« Prof. Dr.-Ing. Dr. h. c. Wolfram Ressel, Rektor der Universität Stuttgart

Die Uni Stuttgart ist stark auf Forschung fokussiert, bleibt da nicht die Lehre auf der Strecke?

Im Gesetz steht, unsere Aufgaben sind Forschung, Lehre und Weiterbildung. Lehre ist ein ganz wesentlicher Punkt, den wir sehr ernst nehmen. Wir definieren uns zwar als Forschungsuniversität, aber die Forschung muss in die Lehre einfließen. Wir waren eine der ersten Unis in Deutschland, die eine Systemakkreditierung durchgeführt hat. Über diese Systemakkreditierung haben wir ein Qualitätsmanagementsystem aufgebaut, um die Lehre in einem Zyklus von drei bis sechs Jahren immer wieder in Frage zu stellen. Das ist aufwendig, aber es funktioniert.

Die Uni Stuttgart hat sich besonders im MINT-Bereich profiliert – was tun Sie, um mehr Frauen für MINT-Studiengänge zu begeistern?

Wir haben sehr viele Programme – zum Beispiel das Femtec-Programm, Mentoring-Programme, ›Technik braucht Vielfalt‹, den Girls' Day und viele mehr. Wir können aber leider keinen Trend erkennen, dass diese greifen. Es gibt bestimmte Felder, zum Beispiel bei den Ingenieuren, da haben wir nicht mehr als zehn Prozent weibliche Studierende. Dafür gibt es in anderen Disziplinen, wie den Naturwissenschaften, deutlich mehr Frauen, etwa in der Chemie oder der Biologie. Da haben wir auch mehr Frauen in der Professorenschaft. Wir engagieren uns auch in der Forschung stark für die Frauenförderung und versuchen, mehr Frauen in die Professorenberufe zu holen. Angefangen haben wir mit sechs Professorinnen auf 300 Professoren insgesamt, jetzt gehen wir auf die 50 zu.

Wie stark ist der Bezug der Universität zu den Unternehmen der Region?

Wir liegen im Times Higher Ranking weltweit auf Platz eins, was die Industriedrittmittel angeht. Wir haben in der Umgebung extrem starke Industrie und vor allem World Champions, etwa Daimler, Porsche und Bosch, aber auch sehr viele KMU. In Freudenstadt eröffnet nun ein neuer Campus, um den Unternehmen dort die Nachwuchssuche zu erleichtern. Das ist eine Initiative der Industrie, bei der wir mitwirken und zum Beispiel Lehrveranstaltungen anbieten. Das Ziel ist es, den jungen Leuten zu zeigen, dass auf der Alb Global World Player zu Hause sind, die interessante Sachen machen und tolle Forschungsabteilungen haben. So kommen wir der Industrie entgegen. Denn wer die Studenten in diesen strukturschwachen Gebieten halten möchte, muss sie weiterbilden und ihnen etwas bieten – dann gehen sie auch gerne hin.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit anderen Hochschulen aus?

Wir gehören zum Beispiel zu den TU9. Ein großer Vorteil dieses Zusammenschlusses ist die Marke, die wahrgenommen wird – auch im Ausland. Eine einzelne Uni bekommt das so nicht hin. Wir diskutieren, wo es hingeht, was die nächsten Schritte sind und wo unsere Gesellschaft neuen Schub, neue Initiativen braucht – so bekommen wir politischen Bezug. Wir haben außerdem gemeinsame Sonderforschungsbereiche, denn zusammen sind wir noch stärker. Bei gemeinsamen Themen gehen wir auch zusammen auf Beutefang, dennoch sind wir in der Regel Konkurrenten.

Wie setzt sich die Uni Stuttgart gegen andere Hochschulen durch?

Wir wollen den interdisziplinären Ansatz weiter verfolgen und auf die großen Verbundprojekte zugehen. Wir haben bei 300 Professoren acht Sonderforschungsbereiche und einen Forschungscampus mit der Industrie zusammen. Das ist unser Thema und das macht uns stark. Wer High Potentials ausbilden möchte, muss forschungsorientierte Lehre anbieten, sonst gerät die Wirtschaft in Schwierigkeiten, denn diese braucht gut ausgebildete Leute. Außerdem muss die Ausbildung interdisziplinär sein, denn wir können keines unserer gesellschaftlichen Probleme rein disziplinär alleine lösen. Daher bieten wir interdisziplinäre Studiengänge wie ›Erneuerbare Energien‹ an. Dieser vereint unter anderem Maschinenbau, Elektrotechnik, Umweltplanung und Umweltrecht. Diese werden gut angenommen und sind in der Wirtschaft angesehen. Wer bei uns Natur- oder Ingenieurwissenschaften studiert, braucht nur zu warten, bis er die Abschlussarbeit abgegeben hat, dann hat er einen Job – das ist ein großer Vorteil.

Womit will die Uni Stuttgart in Zukunft punkten?

Wir versuchen, uns noch mehr international aufzustellen, denn die Firmen, die Absolventen suchen, arbeiten international. Daher bauen wir unsere Double Degree Programme aus. Dabei verbringt der Masterstudent ein Jahr in Stuttgart und ein Jahr an einer Partneruniversität im Ausland, zum Beispiel in Göteburg, Japan oder den USA. Im Hintergrund steht ein Microplan, der klar definiert, welche Lehrveranstaltung welcher Partner anbietet. Diese werden dann gegenseitig akzeptiert und angerechnet. So kann der Studierende seinen Studienplan erfüllen. Seine Masterarbeit wird von beiden Universitäten betreut, so bekommt er zwei Zeugnisse. Dieses Angebot gibt es in vielen Fächern und an verschiedenen Standorten. Absolventen dieser Programme sind auf dem Arbeitsmarkt sehr gefragt.

Infos rund um die Uni Stuttgart:

  • Die Uni Stuttgart umfasst 150 Institute in zehn Fakultäten, unter anderem: Bau- und Umweltingenieurwissenschaften, Chemie, Informatik, Elektrotechnik und Informationstechnik, Luft-, Raumfahrttechnik und Geodäsie, Mathematik und Physik, Architektur sowie Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.
  • Der Stuttgarter Weg steht für interdisziplinäre Integration von Ingenieur-, Natur-, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften auf der Grundlage disziplinärer Spitzenforschung.
  • Fast 28.000 Studierende sind an der Universität Stuttgart eingeschrieben. Über 20 Prozent sind Studierende aus dem Ausland.
  • Die Uni Stuttgart vereint ein Exzellenzcluster ›Simulation Technology‹, die Graduiertenschulen ›Advanced Manufacturing Engineering‹ sowie zahlreiche Sonderforschungsbereiche und Graduiertenkollegs.
  • Die größte Studentengruppe: Luft- und Raumfahrttechnik mit 1.380 Studierenden (Stand WS 15/16)
  • Männer-/Frauenanteil: ca. 18.800 Männer und 8.900 Frauen
  • Internationale Studenten: 5.946
  • Das schönste Plätzchen: auf einem der zehn Aussichtspunkte der Stadt
  • Beliebtester Prof laut MeinProf: Dr. Alexander Schloske der Ingenieurwissenschaften
  • Wohin mit Papi: ins Porsche-Museum
  • Wohnungskosten: durchschnittlich 14,74 €/m² (Quelle: Mietspiegel)

 


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