IT und Autismus: Sind Autisten die perfekten Informatiker?

Unternehmen setzen für ihre IT immer öfter auf die Fähigkeiten von Autisten. 

Autisten haben es schwer im Studium und bei der Jobsuche. Dabei verfügen sie über besondere Fähigkeiten, die Unternehmen dringend benötigen. Sie haben zum Beispiel ihre Stärken im analytischen Denken. Nicht zuletzt ihre Spezialinteressen und ihr Perfektionismus machen sie zu wertvollen Mitarbeitern. Während sich viele Branchen mit diesen Menschen schwertun, zeigt sich die IT-Branche ihnen gegenüber zunehmend interessiert. So hat der Softwarekonzern SAP vor knapp zwei Jahren ein Programm ins Leben gerufen, das die Einstellung von Menschen mit Autismus unterstützt. Im Rahmen dieses Programms hat SAP inzwischen 44 Mitarbeiter an acht Standorten und in fünf Ländern eingestellt.

»Zuerst wollten wir diese Menschen vor allem als Softwaretester einsetzen. Inzwischen haben wir aber festgestellt, dass sie auch in anderen Firmenbereichen wertvolle Arbeit leisten«, berichtet Florian Michaelsen, der bei SAP das Projekt ›Autism at Work‹ leitet.

»Heute arbeiten diese Kollegen zum Beispiel auch als Programmierer, im Supportbereich oder in der Videoproduktion.«

Autisten als Informatiker: SAP gilt als Vorreiter

Bei der Umsetzung des Programms wird SAP von der dänischen Firma Specialisterne unterstützt. Ihr Ziel ist es, Arbeitsplätze für Menschen mit Autismus zu schaffen. »Specialisterne hat sich damit inzwischen weltweit einen Namen gemacht«, so Michaelsen. SAP hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt:

»Bis zum Jahr 2020 wollen wir etwa ein Prozent der Unternehmensarbeitsplätze mit Menschen besetzen, die von Autismus betroffen sind. Das ist der Anteil von Menschen mit Autismus an der Gesamtbevölkerung.«

Bei dieser Zielsetzung geht es dem Konzern weder um die Erfüllung einer Quote noch um einen Marketing-Gag:

»Wir wollen einen positiven Beitrag für unser Unternehmen leisten, indem wir unter Menschen mit Autismus nach Talenten suchen. Denn die meisten von ihnen sind entweder nicht oder nicht adäquat beschäftigt.«

Und genau dieses Reservoir an potenziellen Mitarbeitern will das Unternehmen heben. SAP geht es aber auch noch um einen anderen Gesichtspunkt:

»Wir vollziehen im Recruiting gerade einen Paradigmenwechsel. Stand bisher im Mittelpunkt, die Schwächen des Bewerbers herauszufinden, geht es jetzt darum, seine Stärken zu erkennen«, so Michaelsen. »Mein persönliches Ziel ist es, das Projekt ›Autism at Work‹ überflüssig zu machen, weil Menschen mit Autismus dann im ganz normalen Bewerbungsverfahren eine ebenso gute Chance erhalten wie andere Kandidaten.«

Autisten haben es schwer dem Arbeitsmarkt

Doch noch haben es Autisten schwer auf dem Arbeitsmarkt. Prof. Dr. Matthias Dalferth von der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg forscht seit Jahren zum Thema Autismus und weiß um die Probleme. »Menschen mit einem sogenannten hochfunktionalen Autismus – dazu gehören Menschen mit Asperger-Syndrom – haben eine durchschnittliche bis überdurchschnittliche Intelligenz. Dennoch sind 70 bis 80 Prozent von ihnen ohne Beschäftigung«, berichtet der Professor für Sozialarbeit und Sozialpädagogik. In der Regel haben diese Menschen einen Realschulabschluss oder sogar das Abitur. »Probleme entstehen meist erst im Studium, weil es ihnen große Schwierigkeiten bereitet, sich in dem komplexen System Hochschule zurechtzufinden. Die Ansammlung von Menschen an den Massenunis empfinden sie zum Beispiel als Bedrohung.«

Oft brechen sie ihr Studium ab. Auch in der Bewerbungsphase und im Berufsleben haben Menschen im Autismusspektrum große Probleme. »Häufig scheitern Autisten im Vorstellungsgespräch, weil sie ihrem Gegenüber nicht in die Augen schauen und Scheu haben, Anderen die Hände zu schütteln«, so Dalferth. Oft sind auch die Fragen der Personaler für autistische Bewerber eine Herausforderung. »Gerade mit sehr allgemeinen Fragen wie etwa ›Erzählen Sie mal etwas über sich‹ können Autisten nichts anfangen.« So machen sie einen schlechten Eindruck.

Autist als Infromatiker: IT-Consultant bei Auticon

Dass ein Autist trotz seines Handicaps berufstätig sein kann, stellt der 36-jährige Marko Riegel unter Beweis. Er arbeitet inzwischen als IT-Consultant bei der Berliner Firma Auticon. Das Unternehmen beschäftigt Menschen im Autismus-Spektrum als Berater im IT-Bereich. Riegel hat einen typischen Werdegang, der durch ABM-Maßnahmen und Hartz-IV-Bezug gekennzeichnet ist. Auch zwei Studiengänge brach er ab: das Fach Elektrotechnik und die Fächerkombination Kulturwissenschaften, Soziologie, Kommunikations- und Medienwissenschaften.»Nebenher arbeitete ich semiprofessionell als DJ, Musikproduzent, Webseitengestalter und Partyveranstalter«, berichtet Riegel. Doch immer wieder stand ihm sein Handicap im Weg:

»Ich versinke oft in Details und verzettele mich dann schnell. Außerdem habe ich Probleme mit dem Selbstmanagement und der Organisation.«

Die soziale Interaktion ist für ihn ebenfalls schwierig: »Von Intrigen und Ränkespielen unter Kollegen bin ich einfach überfordert.« Bei Auticon wird Riegel von einem Jobcoach unterstützt, der zwischen den autistischen Consultants und den Kunden vermittelt. »Unsere Jobcoachs klären die Firmen auch über Autismus auf«, berichtet Tilman Höffken von Auticon. Innerhalb von drei Jahren konnte das Unternehmen 61 Mitarbeiter einstellen. Es ist mittlerweile an sechs Standorten in Deutschland vertreten, darunter Berlin, Hamburg, München und Frankfurt am Main. Für sein soziales Engagement ist Auticon in den letzten Monaten mehrfach ausgezeichnet worden. So erhielt die Firma unter anderem vom Hightech-Branchenverband Bitkom den ›Innovators Pitch‹ als beste Digital Life Innovation.

Lückenloser Lebenslauf? Nicht so wichtig!

»Wir berücksichtigen die Bedürfnisse unserer autistischen Mitarbeiter nach einer ruhigen Umgebung«, erklärt Höffken. »So gibt es in unserem Büro keine Telefone, aber einen Ruheraum.« Auch auf die außergewöhnlichen Lebensläufe ihrer Bewerber nimmt Auticon Rücksicht: »Für uns ist es in Ordnung, dass Autisten in der Regel keinen lückenlosen Lebenslauf haben. Was bei uns zählt, sind allerdings Programmierkenntnisse.«

Arbeitssuchende Autisten unterstützt auch die eingetragene Genossenschaft autWorker aus Hamburg. Sie hat sich ebenfalls das Ziel gesetzt, Menschen im Autismusspektrum in die Arbeitswelt zu integrieren.

»Wir beraten sowohl potenzielle Arbeitgeber als auch Betroffene und versuchen, diese in eine geeignete Beschäftigung zu vermitteln«, erklärt Marco Antons von autWorker. »Viele Autisten sind sich ihrer Stärken gar nicht bewusst. Sie halten ihre speziellen Fähigkeiten wie etwa das Finden kreativer Lösungswege für selbstverständlich. Deshalb bieten wir regelmäßig Workshops an, die ihnen helfen, ihre individuellen Stärken zu entdecken.«

Eine Besonderheit von ihnen sind ihre Spezialinteressen. Nur etwa 15 Prozent aller Betroffenen haben das Spezialinteresse IT. Ein relativ gängiges Spezialinteresse männlicher Autisten ist auch die Beschäftigung mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie kennen sich bestens mit Fahrplänen und Fahrstrecken aus. »Wir konnten deshalb vor einigen Monaten zwei Autisten an die Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein vermitteln«, so Antons.

Eva Ixmeier

Dieser Text stammt aus der Feder von:

Eva Ixmeier

ixmeier(at)audimax.de
Telefon: 0911-23779 24

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