Bordcomputer eines Autos in rotem Armaturenbrett
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Lebensraum Auto: Karrierechancen für IT-ler

Die Automobilbranche boomt für IT-ler geradezu. Sie verwandeln die neuen Autos in wahre Zweitwohnungen 

Wenn Thomas das Büro verlässt, wartet sein Auto bereits vor der Tür auf ihn – wie praktisch, denn heute regnet es und Thomas hat seinen Schirm vergessen. Sein Arbeitstag war anstrengend – gut, dass sein Auto schon an der Spotify-Playlist seine Laune erkannt hat und nun entspannende Lounge-Musik spielt. Bei diesem Schmuddelwetter heute wäre außerdem ein heißer Tee beim Nachhause kommen toll. Ideal, dass Thomas dafür nur einen kurzen Befehl ans Cockpit seines Autos geben muss. Auch die Heizung lässt er gleich höher drehen, sodass ihn Daheim mollige Wärme empfangen wird. Währenddessen teilt sein Auto ihm den nächsten freien Parkplatz mit – direkt vor seiner Wohnung. Als Thomas aussteigt, ist der Alltagsstress schon beinahe vergessen.

Noch ist Thomas' Tagesablauf eine Utopie. Lange wird es aber voraussichtlich nicht mehr dauern, bis zumindest ein Teil davon Wirklichkeit geworden ist. Denn Automobilunternehmen investieren viel in die Forschung, um Autos immer mehr zu vernetzen – mit anderen Autos, unserem Zuhause oder ihrer Umwelt – und schaffen auf diese Weise viele neue Jobs für ITler.

Entwicklung, Implementierung und Test

»Im Bereich Connected Cars können IT-Absolventen auf verschiedenen Systemschichten in Entwicklung, Implementierung und Test arbeiten«, erläutert Prof. Dr. Dominik Schoop, dessen Fachgebiet Netzwerk- und Datensicherheit an der Hochschule Esslingen ist. »Auf der Netzwerk- und Kommunikationsschicht ist geeignete Hardware notwendig, die die spezifischen Netzwerkprotokolle verarbeiten kann. Auf der Applikationsschicht müssen Anwendungen entwickelt werden, die entweder Fahrzeugen mit einem Backend-System verbinden oder direkt Daten zwischen Fahrzeugen austauschen«, so Schoop weiter.

Auch Michael Crusius, bei Audi verantwortlich für den Bereich Technologien und Innovation, bestätigt, dass die Thematik des vernetzten Autos neben der emissionsfreien Mobilität eines der zwei großen Ziele des Ingolstädter Automobilherstellers ist. »Die Vernetzung des Automobils zu einem digitalen Device ist ein bestimmendes Thema, denn der Kunde will immer und überall mit seiner Außenwelt verbunden sein. Wir sehen den Audi von morgen als Arbeitsplatz, als Ort der Entspannung und als Erlebniswelt.«

Überdurchschnittliches Einstiegsgehalt

Rund 24.500 offene Stellen gibt es für IT-ler laut dem Hightech-Verband Bitkom in den Anwenderbranchen, zu denen auch die Automobilindustrie gehört. Und BMW oder Audi zählen schon jetzt zu den Top Five der Wunscharbeitgeber von IT-Absolventen. Das verwundert nicht, denn ein IT-ler in der anwendenden Industrie darf sich auf eine sehr abwechslungsreiche Tätigkeit und ein überdurchschnittlich gutes Einstiegsgehalt freuen. Laut dem Vergleichsportal gehalt.de liegt das durchschnittliche Einkommen bei 48.700 Euro netto im Jahr.

Georg Roll, Manager Electronics Software und Advanced Engineering bei Continental, weiß, dass Einsteiger ein solides IT-Know-how benötigen: »Mit zunehmender Automatisierung, aufgrund derer sehr komplexe Programmsysteme zu entwickeln sind, setzt sich in der Automotivewelt die objektorientierte Programmiersprache C++ immer mehr durch, die dem Entwickler ein komfortableres und strukturierteres Programmieren erlaubt.« Neben den Kenntnissen der gängigen Programmiersprachen sollten Absolventen idealerweise schon während des Studiums erste Praxiserfahrung sammeln.

Herausforderungen in der Automobilbranche

Crusius ergänzt: »Einsteiger sollten möglichst erste Kenntnisse im Bereich Automotive, Embedded Security, Software Engineering, Robotik, Fahrzeugtechnik, Funktionsentwicklung oder neue Fahrzeugarchitektur mitbringen.« Entwickler in der Automobilbranche stehen ganz anderen Herausforderungen gegenüber, als etwa Entwickler in einem rein IT-basierten Großkonzern. »Alle Programme in einem bewegten Fahrzeug laufen in Echtzeit«, erklärt Roll. »Das heißt, die Programmsysteme müssen auf alle eintretenden Situationen ohne nennenswerte Verzögerung reagieren.« Während Kunden es durchaus in Kauf nähmen, dass eine Suchanfrage per Internet erst nach einigen Sekunden beantwortet werden würde, seien merkliche Zeitverzüge in Fahrzeugen an vielen Stellen absolut inakzeptabel. Man bedenke nur einen Systemausfall beim Bremsmanöver auf der Autobahn.

Doch nicht nur die Anforderungen an die Echtzeitfähigkeit der Systeme stellt IT-ler in der Automobilbranche vor eine besondere Herausforderung. »Es ist die Physik, die beim Auto eine ganz große Rolle spielt«, so Roll weiter. »Eine Kamera, die das Umfeld des Fahrzeugs erfassen soll, arbeitet bei normaler Sicht ohne Probleme, während sie bei Dunkelheit oder Starkregen nahezu blind sein kann.« Ein Entwickler muss hier bis ins kleinste Detail arbeiten, um mit seinem Algorithmus alle Eventualitäten und unterschiedlichen Fahrsituationen abzudecken, die sich für ein Auto im Alltag ergeben. Sei es der Bremsweg bei Schnee oder das Ausweichmanöver.

Befehlscodes und Algorithmen

Auch aus diesem Grund bewegen ITler sich viel auf der Brücke zwischen IT und Technik, arbeiten mit Ingenieuren eng zusammen und schaffen ein hochkomplexes System, mit dem die neuen Autos ausgestattet werden. Auch bei Audi nimmt die IT-Kompetenz laut Crusius immer mehr Raum in der Produktplanung, -entwicklung und -produktion ein. Denn damit die neuen Autos sich mit ihrem urbanen Umfeld vernetzen können, werden bis zu 100 Millionen Zeilen an Befehlscodes ›verbaut‹. Das sind mehr als in einem modernen Kampfjet.

Wie genau das funktioniert? »Mit Hilfe von intelligenten Algorithmen kann sich ein Automobil in seiner komplexen Umwelt vollständig orientieren. Dafür brauchen wir insbesondere Spezialisten, die sich mit der sinnvollen Auswertung von Sensordaten beschäftigen«, so Crusius. Auch bei Continental wird an der umfassenden Vernetzung des Fahrzeugs mit seiner Umwelt gearbeitet. Dem Auto per DVD oder SSD-Karte umfassendes Kartenmaterial zur Verfügung zu stellen und es mit einem GPS-Sender auszustatten, ist dabei die leichteste Übung.

Soll ein Auto dann auch über aktuellere Informationen verfügen, wie das Wissen über die Preise an der nächsten Tankstelle, freie Parkplätze oder die Belegungssituation von Hotels, sind Backends erforderlich, die dem Fahrzeug per Funk das ›Wissen‹ übermitteln. »Dazu wird der in allen Fahrzeugen implementierte Radioempfang durch eine Mobilfunkverbindung erweitert, die auch den Internetzugang ermöglicht«, erläutert Roll die Vorgehensweise. »Für IT-ler ergibt sich hier wesentlich die Aufgabe, Funktionen zu entwickeln, die per Funk empfangene Mitteilungen geordnet ablegen, verwalten und entscheiden, welche Informationen aufgrund der Fahrzeugposition und Fahrtroute für den Fahrer relevant sind.«

IT-Sicherheit

Bei aller Begeisterung für die moderne Technik und ihre zahlreichen Vorteile sollte jedoch eines nicht vergessen werden, warnt Dr. Reinhard Kolke, Leiter des ADAC Technik Zentrums Landsberg: »Aus unserer Sicht sind zwei Bereiche am wichtigsten: die IT-Sicherheit – also der Schutz gegen Manipulationen jeder Art – und der Datenschutz, der es in die Hand des Fahrers legt, wer was mit den Daten anstellt, die sein Vehikel erzeugt.« Auch Schoop von der Hochschule Esslingen ist überzeugt, dass Connected Cars erst das Vertrauen der Privatnutzer gewinnen können, wenn gewährleistet ist, dass für ihren sicheren Betrieb eine technische und organisatorische Infrastruktur gegeben ist, die keinem Betreiber des Netzwerks einen Missbrauch ermöglicht. Auch in diesem Bereich werden sich in Zukunft noch neue Tätigkeitsfelder für IT-ler ergeben.

Ob es nun um autonomes Fahren, die Vernetzung des Autos im urbanen Raum oder schlussendlich die Datensicherheit geht, eines steht laut Crusius fest: »Die stark zunehmende Bedeutung der Fahrzeugelektronik bietet auch für IT-ler ganz neue Aufgabenfelder.« Absolventen, die gerne über den Tellerrand der IT hinausblicken und sich auf ein technisches Gebiet spezialisieren möchten, können im Bereich Connected Cars dabei sein, wenn eine Vision zur Realität wird.


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