Glasfenster-Gebäude
manun/Quelle:PHOTOCASE

Als ITler im Multichannel arbeiten

Diese Branche hat Zukunft: ITler erwarten im Multichannel tolle Jobchancen

Mit 52,3 Milliarden Euro lassen sich viele spannende Dinge tun. Elf Mal den umstrittenen Berliner Flughafen bauen. Oder 43.600 MacBooks kaufen. Was das mit IT zu tun hat? Eben diesen Umsatz erzielte der interaktive Handel im Jahr 2015 in Deutschland – Tendenz steigend. Und die Branche benötigt fähige IT-Pioniere, die bereit sind, die Balance zwischen traditionellen und neuen technologischen Systemen zu finden und neue Strukturen zu schaffen. Die Herausforderung dabei? Die bisher im stationären Geschäft verwendeten IT-Systeme sind oft nicht darauf ausgerichtet, die zahlreichen neuen technischen Anforderungen zu erfüllen. Der Multichannel – also das Angebot der Produkte über mehrere, voneinander unabhängig agierende Kanäle – benötigt eine funktionierende Infrastruktur.

Schnittstellenkoordinator zwischen online und offline

»Die Zusammenarbeit zwischen klassischen Systems of Record und der Innovationsdrang moderner digitaler Services im E-Commerce-Bereich bietet ein Spannungsfeld, das es intelligent zu integrieren gilt«, so beschreibt es Daniela Richter, IT-Architektin beim Fashion- und Lifestyleunternehmen E. Breuninger. Ihr Aufgabenfeld ist dabei enorm vielfältig. »Als IT-Architekt habe ich die Verantwortung, die Integration der Bezahl- und Warenwirtschaftssysteme online und offline zu ermöglichen«, erläutert die 36-Jährige. Die Bezahlfunktionen und Warenbewegungen würden über verschiedene Micro-Schnittstellen integriert. Denn was Kunden sich vermehrt wünschen, ist eine Verflechtung der beiden Handelskanäle online und offline, fand die Studie ›Trends im Handel 2020‹ des Kölner EHI Retail Institute heraus. Das beinhaltet beispielsweise Konzepte wie ›Click & Collect‹, bei dem der Kunde online bestellt und die Ware im Geschäft abholt oder die Möglichkeit, nach Hause bestellte Produkte in der Filiale vor Ort umzutauschen oder zurückzugeben.

Im IT-Handel warte mehr als nur Strippen ziehen auf Absolventen, so Martin Groß-Albenhausen vom Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland (bevh).

»Absolventen übernehmen Verantwortung für komplexe System-Integration, die Einbindung und Optimierung von extern und intern programmierten Lösungen und die Entwicklung neuartiger Anwendungen für diverse Endgeräte.«

Ein weiteres Aufgabengebiet: die Verknüpfung aller online und offline vorhandenen Vertriebskanäle und die Entwicklung von Middleware-Lösungen.

Usability ist King im Multichannel

Wichtig dabei: Zuerst die Wünsche aller Beteiligten zu sammeln und in Einklang zu bringen. Sobald das in Workshops und Meetings geschehen ist, macht Daniela Richter sich ans Werk: »Ich erfasse den Systemkontext, modelliere die End-to-End-Prozesse, beschreibe Use Cases oder Stories und lege ein besonderes Augenmerk auf nicht-funktionale Anforderungen. Für das Lösungsdesign entwerfe ich Datenmodelle und überlege, wie die User Stories über die bestehenden Systeme hinweg abgebildet werden können.« Zudem betreut die IT-Architektin die aus ihrer Arbeit entstehenden Anpassungs- und Entwicklungsaufträge und pflegt für eventuelle Nachfolger auch eine genaue Dokumentation ihrer Schritte und wichtigen Entscheidungen.

Einen herausfordernden Arbeitstag hat auch Myriam Seidt, Entwicklungsleiterin E-Commerce bei Globetrotter. Sie ist als Product Owner verantwortlich für die Webshop-Entwicklung:

»Ich sorge dafür, dass sich der Shop nahtlos und stimmig in die E-Commerce und Omnichannel-Prozesse integriert. Die Usabilty für unsere Kunden steht dabei immer im Vordergrund.«

Die 42-Jährige ermittelt die dafür notwendigen Anforderungen gemeinsam mit dem Fachabteilung, plant die Umsetzung dann mit ihrem Team und begleitet Neu- und Weiterentwicklungen bis zur Produktionsreife im Shop sowie darüber hinaus.

Jeder Tag eine neue Herausforderung

»Multichannel lebt davon, sich jeden Tag etwas weiter zu entwickeln, um näher am Kunden zu sein«, erklärt Martin Groß-Albenhausen. Dies ist bei der rasanten Entwicklung unserer Shoppingbedürfnisse auch von großer Notwendigkeit. Die EHI-Studie spricht hier auch von einem ›Anywhere Commerce‹, denn die Nutzung mobiler Anwendungen hat in den vergangenen Jahren ebenfalls rasant zugenommen. »Das Thema Mobile wird weiter an Stellenwert gewinnen«, bekräftigt Myriam Seidt, »denn zum einen bilden mobile Shops selbst einen wichtigen Kanal im Omnichannel, zum anderen kann über mobile Angebote die Brücke vom E-Commerce zum stationären Handel geschlagen werden und umgekehrt.«

Was es braucht, um selbst live bei der Entwicklung einer funktionale Multichannel-Struktur mitzuwirken?

»Wichtig an der täglichen Arbeit sind Spaß an Veränderung, Lernbereitschaft für neue Themen und Technologien sowie gute Kommunikations-Skills«, erläutert Daniela Richter.

Die IT-Experten bei Breuninger arbeiten eng mit anderen Fachbereichen und Projektteams zusammen, beispielsweise aus dem stationären Verkauf oder dem Marketing. Diese enge Zusammenarbeit sei der Erfolgsfaktor für den Multichannel, so die Fachfrau. Denn schließlich benötigten die Kollegen auf der Verkaufsfläche jederzeit unkomplizierten Zugang zu Marketing, Service und Kundeninformationen, um die Konsumenten ideal bedienen zu können. »Auch wichtig ist die Fähigkeit, interdisziplinär zu arbeiten und über den Tellerrand blicken zu können, da die Aufgaben und Herausforderungen sich recht schnell ändern. Da muss man flexibel und wandelbar sein. Und eine Portion Kreativität gehört auch dazu«, weiß Myriam Seidt zu ergänzen.

Spezialisierungen sind sinnvoll

Big-Data-Lösungen werden ebenfalls immer wichtiger werden, um Kundeninformationen zu sammeln und auszuwerten. Datenmanagement ist deshalb im Studium einen genaueren Blick wert. »Die Fähigkeit, mit der Masse an erhobenen Daten effektiv und effizient umzugehen, wird eine immer größere Rolle spielen«, so Martin Groß-Albenhausen, »Daten erheben kann jeder, aber daraus auch die richtigen Schlüsse zu ziehen und Maßnahmen abzuleiten, wird künftig eine zentrale Kompetenz in Unternehmen sein.« Auch deshalb entwickelt sich die IT immer mehr zu einem Geschäftsführungsthema. IT-Leiter hätten gute Chancen, rasch in Führungspositionen aufzusteigen, erläutert die Expertin des bevh.

Doch nicht nur Begeisterungsfähigkeit für neue Themen und Innovationen hilft Absolventen, im Multichannel ihren Weg zu machen. Ganz spezifisch auf einen Job in der Branche vorbereiten können Studierende sich durch Spezialisierungen, die methodische Themen wie agile Entwicklung, Integrationspatterns, Micro Services, Enterprise- oder IT-Architektur behandeln und vertiefen. Zudem empfiehlt Daniela Richter Absolventen, sich mit Technologien für moderne Anwendungsentwicklung auseinanderzusetzen. Myriam Seidt profitiert noch heute von den Inhalten ihres Studiums:

»Am hilfreichsten war für mich, was ich neben der agilen Softwareentwicklung zu den Themen Prozessorganisation, Medieninformatik sowie UX und Mensch-Maschine-Kommunikation gelernt habe.«

Martin Groß-Albenhausen weiß, dass auch Kenntnisse in Extensions für Shop-Systeme und App-Programmierung von Vorteil sind. Und natürlich ein Gespür für Usability des eigenen Produkts und die Fähigkeit, Marketing-, Vertriebs- und Servicewünsche zu verstehen und in Codes zu übersetzen.

Ausgerüstet mit diesem Handwerkszeug stehen IT-Absolventen im Handel – und insbesondere im Multichannel – verantwortungsvolle Berufe zur Verfügung, die teilweise erst jetzt ganz neu entstehen. Ein Job voller Kreativität und Veränderung – direkt an der Entstehung des Shopping-Erlebnisses von morgen.


Anzeige

Anzeige