Supermarkt vs. virtueller Raum

Handel im Wandel: Wir haben Eindrücke von Experten des stationären Handels und E-Commerce für dich gesammelt.

Von wegen ›überholt‹

»Wenn ich unsere Ware bestens inszeniert in unseren Märkten sehe und wir die Kunden durch unsere Vertriebsleistung begeistern können, weiß ich, dass ich mich für die richtige Branche entschieden habe«, freut sich Simon-Martin Ponzer, Trainee bei Rewe. Seine Arbeit im stationären Handel empfindet er trotz des Auflebens von Online-Shops im Food-Sektor und Konkurrenzkampf mit anderen Supermärkten als erfüllend: »Der Supermarkt als Marktplatz der Frische und sozialer Treffpunkt ist nicht nur zukunftsfähig, sondern vor allem auch ein toller Arbeitsplatz.« Die vielen neuen Produkte im Nahrungsmittelbereich, die eine Antwort auf Trends wie eine bewusstere Ernährung sind, zeigen laut Ponzer, wie innovativ diese angeblich tradierte Branche sein kann. Hierfür sollten Einsteiger vor allem eine ausgeprägte Sortimentskompetenz haben: »Sie sollten die Produkte, mit denen die Umsätze generiert werden, bestens kennen und die Kunden davon überzeugen.« Als Vertriebler sei es entscheidend, den eigenen Betrieb ganzheitlich zu managen und dementsprechend sicher mit betriebswirtschaftlichen Kennzahlen umzugehen. 

Direkt Ergebnisse sehen 

Stationärer Handel bedeutet vor allem: Mit Menschen, Ware und Zahlen in Kontakt sein. Neben dem Verbessern von Arbeitsprozessen sind es gerade diese Aspekte, die Timo Lotz, Geschäftsführer des Real-Markts in Wiesbaden, begeistern. Durch einen Studentenjob in einem Getränkemarkt stieg er in die Branche ein – seine heutigen Aufgaben zeichnen sich durch Personalführung, Meetings und Teambesprechungen mit Führungskräften aus. Was ihm besonders viel Spaß macht? »Ich sehe am Ende eines Tages oder sogar dauerhaft ein optisches oder kalkulatorisches Ergebnis, das empfinde ich als ungemein befriedigend«, erzählt Lotz. Das Emotionalisieren von Produkten, ein Grundgespür für Menschen und Zahlen sowie vor allem ein inneres Feuer hält er dabei für unverzichtbare Eigenschaften. Der Bereich E-Commerce muss dabei gar nicht klar getrennt betrachtet werden: »Ich glaube, dass wir zukünftig eine immer stärkere Verzahnung von Online und lokalem Geschäft erleben werden – insofern ist stationär für mich keine Einbahnstraße.« 

Mit Organisationsgeschick, Feingefühl und Teamfähigkeit ausgestattet haben Einsteiger gute Chancen, meint Tobias Gehrmann, Auszubildender bei Woolworth. Auch er sieht seine Branche als zukunftsträchtig: »Ich bin der Meinung, dass der Onlinehandel nie den stationären Handel ersetzen wird.« 

Im E-Commerce Richtung Zukunft

Ebenso im Bereich Mode beschäftigt ist Anjulie ­Kanbach – jedoch in der digitalen Welt. Für sie als Digital Content Marketing Managerin und Berufseinsteigerin bei bonprix ist der Bereich E-Commerce besonders attraktiv: »Käufe werden zunehmend online abgewickelt, daher sind Jobs im Online-Verkauf zukunftsweisend.« Dabei sind das Interesse an kontinuierlicher Weiterentwicklung und ein Verständnis für technische Abläufe essenziell für einen erfolgreichen Einstieg im E-Commerce, meint Kanbach. »Es begeistert mich, dass der Kunde trotz physischer Distanz immer im Fokus der Entscheidungen steht«, erzählt sie. »Eine meiner Aufgaben ist es, mögliche Vermarktungsstrategien für den Kindermodebereich bei bonprix im Onlineshop zu erarbeiten und diese dann nach Absprache mit der zuständigen Abteilung im Einkauf umzusetzen.« Auch die E-Commerce-Expertin betont, dass sich Online-Handel und stationärer Einkauf nicht immer ausschließen. Allerdings grenzt sie ein: »Da sich der stationäre Handel in den letzten Jahrzehnten technologisch kaum verändert hat und der E-Commerce aufgrund der Digitalisierung einen regelrechten Entwicklungsschub erlebt hat, ist dieser Bereich für mich der interessantere.«

Nutzerfreundliche Apps

Für die Online-Variante des Handels brennt auch Jonas Beetz, App-Entwickler bei der Baur-Tochter empiriecom. Er rät allen Anwärtern im Bereich E-Commerce, vor allen Dingen Lust auf Neues mitzubringen: »Ganz überspitzt gesagt: Was heute State of the Art ist, kann morgen schon Schnee von gestern sein.« Um das Stichwort ›Lebenslanges Lernen‹ kommen Absolventen in dieser Branche nicht herum. So beschäftigt sich Beetz beispielsweise mit der rasanten Entwicklung von Desktop hin zu Mobile – einem Trend, der schon lange anhält. Immer mehr Desktop-Tätigkeiten werden inzwischen am Smartphone erledigt, etwa das Einkaufen per App. Hier kommt die Arbeit von Jonas Beetz ins Spiel: »Auch wenn es stressig wird und die Gefahr herrscht, in die Entwickler-Welt abzutauchen, muss ich die Denk- und Herangehensweise unserer Kunden immer auf dem Schirm haben. Sie dürfen nicht das Gefühl haben, dass die App nur mit jahrelangem IT-Studium bedienbar ist.«

Den Kunden digital verstehen 

Face to face ist im E-Commerce nicht möglich – daher müssen Experten Alternativen finden, wie sie ihre Produkte schmackhaft machen und ihre Kunden kennenlernen können. Dieser interessanten Herausforderung widmet sich Mara Declair, Junior User Experience Managerin bei Otto: »Im Bereich User Experience (UX) Research finde ich heraus, welche Bedürfnisse die User haben und wie sie sich beim Nutzen der Website oder App verhalten.« Wie das funktioniert? Mit sogenannten UX-Tests: »Ich entwickle Leitfäden, führe Interviews mit unseren Kunden und beobachte, wie sie mit einem Prototypen des Onlineshops zurechtkommen, den unsere UX-Designer gebaut haben.« Aus den Ergebnissen werden daraufhin Empfehlungen für die Gestaltung des Onlineshops abgeleitet. 

Gemeinsame Zukunft?

Dem naheliegenden Vorurteil, Online-Vertriebler stünden ihren Kunden eher distanziert gegenüber, widerspricht Declair: »Wir laden regelmäßig Kunden ein und sprechen mit ihnen, um die Webseite und App weiterzuentwickeln.« Sie sieht allerdings sowohl den stationären als auch den Online-Handel als wertvoll an und sieht zudem Chancen darin, beide Bereiche zu verknüpfen: »Vielleicht könnte zukünftig noch mehr Hand in Hand gearbeitet werden – für den Kunden wäre das sicher ein Gewinn.«


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