Frau hält Vortrag

Computerspiel für geistig und körperlich behinderte Kinder

Das Projekt genesis der Georg-Simon-Ohm-Hochschule in Nürnberg entwickelt Computerspiele für geistig und körperlich behinderte Kinder. Wir sprachen mit Professor Herold und mit Christof und Florian, zwei seiner Studenten.

Herr Professor Herold, wie ist dieses Projekt entstanden? 

Prof. Dr. Herold: Als ich 2002 an die Simon-Georg-Ohm-Hochschule gekommen bin, gab es schon Vorprojekte wie ‚Vier gewinnt’, die von Zivildienstleistenden gebaut wurden. Diese Spiele kamen sehr gut an – das Problem dabei war aber, dass diese Einzelanfertigungen sehr teuer und nicht sehr strapazierfähig waren. Zusammen mit dem Laboringenieur Wolfgang Bergmann, der früher als Zivi im Centrum für interdisziplinäre Gesundheit (CIG) gearbeitet hat, hatten wir die Idee, das Konzept der Spiele auf den Computer zu portieren. Wir fingen an, Kästen mit klappbaren Bildschirmen zu bauen, was letztendlich aber viel zu schwer und zu teuer war. Aus einem dreijährigen Entwicklungsprozess entstand dann genesis 1.0, das wir wieder verworfen haben. Schließlich ist daraus, in Zusammenarbeit mit Sozialpädagogen, das Grundkonzept entstanden, das Spiele mit maximal fünf Tasten bedienbar gemacht hat. Alle Spiele sind so aufgebaut, dass sie, zum Beispiel für geistig Behinderte, mit der Maus oder mit maximal fünf Tasten zu steuern sind. Dabei darf das Wort‚Taste’ nicht wortwörtlich genommen werden – alles läuft über Signale. In extremen Fällen können die Spiele auch mittels Blasrohr oder einer Taste bedient werden.   

Inwieweit arbeiten Sie mit anderen Disziplinen zusammen?  

Prof. Dr. Herold: Das Projekt ist von sehr großer Interdisziplinarität geprägt. Wir arbeiten mit Designern und Sozialwissenschaftlern zusammen. Defizite bestehen noch auf der betriebswirtschaftlichen Seite. Wir bräuchten einen BWLer, der uns zum Beispiel eine Marktanalyse erstellen würde. Bislang haben wir sehr großzügige Unterstützung von der Auerbach-Stiftung erhalten, aber diese ist auf zwei Jahre begrenzt. Wir würden gerne ohne Händler auskommen, denn das würde eine Verdopplung des Preises bedeuten. Demzufolge versuchen wir, weitere Fördergelder zu erhalten. Zusätzlich habe ich Kontakt zu einem Professor aufgenommen, der eine Arbeit ausschreiben will, die die Erstellung eines Businessplanes zum Inhalt hat.  

Wie gehen Sie bei der Entwicklung eines neuen Spiels vor?  

Prof. Dr. Herold: Wenn wir Standardspiele wie Mühle, Mensch ärgere dich nicht oder Sudoku entwickeln, geben wir das an den Designer weiter, damit er uns die nötigen Medien dazu liefern kann. Andererseits versorgen uns die Designer oftmals mit so vielen Medien, dass wir das Pensum nicht bewältigen können. Hinzu kommt, dass manche Ideen nur schwer realisierbar sind.  

Welche Erfolge konnten Sie bisher mit genesis feiern?  

Prof. Dr. Herold: Wir setzen das barrierefreie Spiel seit circa vier Jahren in einer Schule für Körperbehinderte ein. Eines Tages kam die Mutter eines Schülers auf uns zu und bedankte sich dafür, dass ihr Sohn, der als austherapiert galt, dank genesis eine Einordnung in ‚oben’ und ‚unten’ machen konnte. Therapeuten teilen uns oft mit, dass manche Programme die Kinder auf Dauer langweilen. Unsere Idee ist das Lernen im erziehungsfreien Raum. Bei uns steht der Spaß im Vordergrund – und nicht das Lernen.  

Christof: Deshalb ist genesis so wichtig – wir möchten die Kinder an die Computer holen, um ihnen Spaß, Freude und Selbstbewusstsein zu geben. Unser pädagogisches Hauptkonzept besteht darin, dass selbst die Kinder, die nur eine Taste bedienen können, fähig sind, selbstständig am Computer zu spielen. Im Gegensatz zum Brettspiel braucht es keinen Betreuer, der die Spielfiguren bewegt oder ständig eingreifen muss. Die Kinder lernen Selbstständigkeit kennen – und das ist das Besondere daran.

Inwieweit werden die Kinder in den Entwicklungsprozess miteinbezogen?

Prof. Dr. Herold: Wir haben von Anfang an insgesamt vier Kooperationspartner: Die Tagesstätte für Körperbehinderte, die Schule für Körperbehinderte, die beide in Nürnberg sind, das Augustinum in München für geistig behinderte Kinder und das Wichernhaus Altdorf für die Schwerstbehinderten. Inzwischen läuft auch in einer Kindertagesstätte der Lebenshilfe Fürth ein Projekt, in dem genesis sehr kreativ eingesetzt wird.  

Christof: Hier passiert sehr viel auf Feedback-Ebene. Die Kooperationspartner bekommen von uns die Software, welche sie praktisch durchtesten und dementsprechend in der Entwicklung beeinflussen können.  

Prof. Dr. Herold: Eines unserer größten Probleme besteht in der fehlenden Manpower. Fakt ist, dass wir dadurch begrenzte Möglichkeiten haben. Manchmal starten wir Projekte auf Anfragen hin. Vor kurzem waren wir in der Autismus-Ambulanz, in der Studentinnen der Sozialwissenschaften Untersuchungen machen. Wir persönlich wären nicht auf die Idee gekommen, mit Autisten zu arbeiten. Dabei hat sich herausgestellt, dass die Kinder bzw. Jugendlichen den ganzen Tag gespielt haben und selbst die Betreuerinnen erstaunt darüber waren, welche Fähigkeiten dabei ans Licht kamen. Autisten haben Schwierigkeiten mit der Kommunikation; da sie sich aber mit solcher Freude aufs Spiel konzentriert haben, haben sie, wenn auch indirekt, mit ihrer Außenwelt kommuniziert. Desweiteren starten wir auch Versuchsläufe mit Logopäden. Auf der Werkstättenmesse wurden wir von einer Mutter gefragt, ob wir auch Spiele für Blinde hätten. Daraufhin haben wir zwei, drei Spiele wie ‚Schiffe versenken’ entwickelt, die mittels Tönen zu bedienen waren. Wie der blinde Junge mit dem Computer und dem Spiel zurecht kam – das war wirklich faszinierend. Langfristig möchten wir auch behinderte Menschen als Lehrer und Anleiter bei den Spielen einsetzen. Wir hatten hier z.B. an der Hochschule einen Maschinenbau-Studenten, der einen Schlaganfall erlitten hat. Mittlerweile, auch wenn er kaum richtig schreiben und sprechen kann, unterstützt er die Projektleiterin der Lebenshilfe Fürth als Zweitkraft, um den Kindern die Spiele zu erklären und sie anzuleiten. Den Kindern gefällt dies außerordentlich gut. Solche Vernetzungsideen, in der der Inklusionsgedanke ganz praktisch umgesetzt wird, entwickelt bei uns Claudia Semmlinger, eine freie Mitarbeiterin, die sich auf die Entwicklung integrativer Projekte spezialisiert hat und sich auch um die Vermarktung sowie die Internationalisierung von genesis kümmert. 

Was ist das langfristige Ziel des Projekts?  

Prof. Dr. Herold: Wir sind voller Ideen und wir lernen ständig dazu. Im Moment steht die Bedienung von Computern mittels Augensteuerung im Fokus. Die schwedische Firma Tobii, die führend auf diesem Gebiet ist, hat uns ein Gerät zur Verfügung gestellt. Innerhalb von zwei Wochen haben wir die Spiele so programmiert, dass sie nur durch Augenführung bedient werden können. Außerdem möchten wir uns mehr auf den Vorschulbereich und den Reha-Bereich (wie z.B. Demenzkranke) konzentrieren – aber das sind längerfristige Ziele. 

Florian: Weitere Ziele sind auch, dass das Projekt bestehen bleibt, dass es weiterhin eine Plattform für Studenten bleibt. Die Projektarbeiten hier vermitteln sehr viel, vor allem hinsichtlich Teamarbeit, Konfliktlösung oder Softwareentwicklung.   

Christof: Wir machen das zum einen für unsere aktuelle Zielgruppe – für Kinder mit Behinderungen, zum anderen aber auch für uns. Wir stecken sehr viel Zeit in genesis und arbeiten größtenteils ehrenamtlich. Aber was wir aus dem Projekt mitnehmen können, ist grandios. Für uns als Ingenieure öffnet sich die Möglichkeit, über den Tellerrand zu blicken und mit anderen Fakultäten wie Design oder Pädagogik zusammenzuarbeiten.  

Welche Projekte würden Sie gerne umsetzen, auch wenn es momentan dazu noch keine Möglichkeiten gibt?  

Florian: Die Ideen sind da, aber im Endeffekt fehlen die Ressourcen, um die Bedürfnisse der Zielgruppe zu erforschen. Es kann passieren, dass wir unsere Ideen umsetzen, aber später feststellen müssen, dass sie das eigentliche Ziel verfehlt haben. Oft fragen Betreuer nach sehr einfachen Spielen, bei denen eine einfache Bedienweise ausreicht, um zum Beispiel eine Animation zu erhalten. Etwas, auf das wir vielleicht nicht kommen würden, was auch nur im Austausch mit Betreuern zustande kommen kann.  

Prof. Dr. Herold: Daher würden wir uns wünschen, dass Sozialwissenschaftler öfters in unserem Forum  unterwegs wären, um uns Verbesserungsvorschläge zu unterbreiten. Wir bekommen sehr viel direktes – äußerst positives – Feedback. Vor allem bei den Autisten konnten wir mit genesis sehr viel erreichen. Die kooperierenden Einrichtungen erhalten die Spiele kostenlos zum Testen – aber Rückmeldung bekommen wir keine. Würden wir die Spiele auf dem freien Markt anbieten, wären sie unbezahlbar.  

Christof: Prinzipiell ist es unsere Wunschvorstellung, nicht verkaufen zu müssen. Der Verkauf dient lediglich dem Mittel zum Zweck, um die Telefonrechnungen, Druck- und Portokosten zahlen zu können. Mein persönlicher Traum wäre es, einen Sponsor zu finden, der uns fördert. 

Prof. Dr. Helmut Herold ist seit 2002 Professor für Software-Engineering an der Fakultät für Elektrotechnik, Feinwerktechnik und Informationstechnik (efi) der Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg und wissenschaftlicher Leiter des Projekts genesis.  





Christof Degele studiert seit 2011 den Masterstudiengang Elektronische und Mechatronische Systeme an der Georg-Simon-Ohm Hochschule Nürnberg. Seit Sommer 2009 arbeitet er am Projekt genesis mit und ist verantwortlich für den Mediator, die Vermarktung und den Kundensupport.  

Florian Lüke studiert seit 2008 den Bachelor-Studiengang Informatik an der Georg-Simon-Ohm Hochschule Nürnberg und arbeitet seit 2011 in der Entwicklung von genesis.    

2009 erhielt die Georg-Simon-Ohm-Hochschule für ‚genesis’ die Auszeichnung Ausgewählter Ort im Land der Ideen’ von der Initiative ‚Deutschland - Land der Ideen’. 


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