Zwei Kinder sitzen vor MacBook und spielen

Spieleindustrie im Aufwind

Wo gibt’s ein Pferd für 1,99 Euro zu kaufen? Und wo kostet der Quadratmeter Gartenfläche nur 50 Cent? Na online! Oder genauer: in Online-Games. Und wer sorgt dafür, dass die Pferde galoppieren und der Garten grünt? Na Informatiker!

Die Spieleindustrie befindet sich schon seit Jahren im Aufwind. In der Entwicklung eines Games legen viele Berufsgruppen ihre Hände an – wie Autoren, Grafiker und Komponisten. Werden aber die noch so kreativsten Ideen nicht anständig programmiert, kann selbstredend keiner sein virtuelles Gartengrundstück erweitern, digitale Pizza backen oder Monster abschießen. »Der Bedarf an IT-Spezialisten ist enorm hoch«, beschreibt Achim Quinke die aktuelle Situation der Spielebranche.

»Insbesondere PHP-Programmierer sind rar. Die Gamesbranche steht schließlich nicht nur im internen Wettbewerb um Mitarbeiter, sondern ein PHP-Programmierer kann ja auch bei Siemens, Airbus oder sonst wo arbeiten.« Quinke beobachtet die Branche seit einigen Jahren täglich mit Adleraugen. 2003 hat er ›gamecity:Hamburg‹ gegründet – das aktuell größte Netzwerk der Gamesbranche in Deutschland. Dass ausgerechnet Hamburg zum Fixpunkt der Branche wurde, hält Quinke für eine selbsterfüllende Prophezeiung. »Zur Gründung des Netzwerks haben wir behauptet, Hamburg sei eben Gamecity Hamburg, auch wenn es das de facto noch gar nicht war.« Vielleicht wehte in der Stadt seit jeher auch ein besonders inspirierender Geist – schließlich wurde dort das erste persistente Massive-Multiplayer-Browserspiel der Welt programmiert. Die Science-Fiction-Wirtschaftssimulation ›SOL‹ ging 1995 online und wird heute noch gespielt. Inzwischen beschäftigen in Hamburg angesiedelte Unternehmen der Branche etwa 2.500 Festangestellte. Bis Ende dieses Jahres sollen es insgesamt 4.257 Arbeitsplätze werden, die die 146 dortigen Games-Unternehmen stellen. »Wenn Studenten in den Games-Bereich wollen und eine gute Qualifikation haben, sind die Berufsaussichten sehr gut«, bestätigt Birgit Roth. Die 43-Jährige ist Geschäftsführerin des G.A.M.E.-Bundesverbandes der Computerspielindustrie e.V. »Wir haben nach wie vor einen Fachkräftemangel, weil die Unternehmen in den vergangenen Jahren in einer unglaublichen Geschwindigkeit gewachsen sind. Aber man braucht natürlich eine entsprechende Qualifikation.«

"Man muss ein kleiner Gamer sein..."

Die entsprechende Qualifikation bedeutet für sie an erster Stelle: »Man muss ein kleiner Gamer sein.« Passion und am allerbesten selbst zu spielen, seien unabdingbare Voraussetzungen für Erfolg und Spaß in der Branche. Als zweite Qualifikation nennt Roth das Informatikstudium: »Es ist toll, wenn Bewerber aus der klassischen Informatik kommen. Und noch besser, wenn sie besonders die anwenderorientierten Sprachen können, wie zum Beispiel Unity.« Neben privaten Akademien, die Ausbildungen und Studienrichtungen zugeschnitten auf die Branche anbieten, ziehen auch immer mehr Hochschulen nach. Die TU München beispielsweise startete zu diesem Wintersemester mit dem Studiengang ›Informatik: Games Engineering‹. Für Gudrun Klinker war es nur eine logische Konsequenz der aktuellen Branchenentwicklungen, dieses Thema als Studienfach aufzugreifen. »Es ist wunderbar in der Informatik beheimatet, weil es viele Fragen aus der Informatik auf greift und darin Lösungsansätze findet. Der Schwerpunkt Engineering ist elementar, da heutige Spiele sehr große Anforderungen an Rechner haben«, erklärt die Professorin und Studiengangsleiterin. Freilich wird auch ein großer Teil grundständiger, theoretischer Informatik gelehrt – dazu kommen anstelle eines Nebenfachs aber spezielle Games-Aspekte wie Computergrafik, Dreidimensionalität, Medien, Interaktion und Netzwerk. In jedem Semester setzen die Studenten ihr Wissen und ihre Konzepte in einem Designpraktikum um – auf der Wii, mit Kinect oder auch in 3D-Computergrafik. »In den Designgruppen arbeiten sie mit Kommilitonen zusammen, die zum Beispiel Regisseure werden, Kunst oder Architektur studieren«, sagt die 53-Jährige. »Die Absolventen des Engineering-Studiengangs sind ja keine ausgebildeten Künstler, kommen aber in den Praxisphasen mit eben solchen zusammen und lernen somit, wie die Prozesse später in Firmen laufen.« Teamarbeit mag abgedroschen klingen.

Zusammenarbeit und Erfahrung sind sehr wichtig

Aber nur in reger Zusammenarbeit kann überhaupt ein Game entstehen. »Das A&O ist das Zusammenspiel zwischen den Spieleentwicklern und Programmierern«, meint Claudia Stricker von der Spieleschmiede playzo in Darmstadt. »Man braucht unbedingt Programmierer, die ein Gefühl für Spiele haben, da nur sie den Designern sagen können, ob etwas einfach technisch umsetzbar ist oder wir Monate dafür brauchen würden.« Stricker entwickelt als Game Designer die Grundidee für die browserbasierten Onlinegames von playzo.

Neben der gedanklichen Arbeit an Märchen- und Ritterspielen sind schier endlose Zahlenkolonnen ihr Tagesgeschäft. »Ich bin fürs Balancing zuständig«, erklärt die 26-Jährige. »Ich bewerte Level-Tabellen und Spieleranalysen. Bei Onlinegames kommen ja immer wieder Updates nach, dazu muss man wissen, was der Spieler macht.« Eine ziemlich demokratische Angelegenheit also. Wichtig ist ihr auch, sämtliche ihrer Games selber zu spielen. »Ich schaffe nicht alle gleichermaßen, spiele aber immer mal wieder ein bisschen rein, damit ich weiß, wo vielleicht Probleme sind«, sagt sie. »Sonst merkt man gar nicht, wo man einen falschen Gedanken hatte.« Schließlich ist ein Onlinespiel niemals fertig. »Die User wollen immer wieder was Neues«, berichtet Michael Richter. Der 30-Jährige arbeitet als Creative Director beim über 70 Mitarbeiter starken Browsergame-Entwickler upjers im fränkischen Bamberg. »Wir schieben zu verschiedenen Gelegenheiten immer was nach, vor allem saisonale Spielinhalte.« In der Farmsimulation ›MyFreeFarm‹, dem preisgekrönten und erfolgreichsten Spiel von upjers mit etwa neun Millionen Nutzern, gibt’s zu Halloween Kürbisse zu kaufen und in ein paar Wochen Weihnachtsbäume. Diese kreativen Entwicklungsprozesse schätzt Richter an seiner Arbeit sehr: »Ich habe vorher in einer Werbeagentur gearbeitet, da ging’s um sachliches, nüchternes Design mit strengen Richtlinien. Bei der Entwicklung von Browsergames können wir sehr frei und schöpferisch sein.« Immer vorausgesetzt, die Kreationen lassen sich von der IT-Seite aus umsetzen. »Wir müssen wirklich ständig kommunizieren, damit alles reibungslos funktioniert. Natürlich kommt dann auch mal Gegenwind von den Programmierern.«

Das ambitionierte Ziel sei natürlich immer, »die Möglichkeiten bis zum Maximum auszuschöpfen«, meint der Grafiker Richter. »Momentan lassen die technischen Gegebenheiten im Browser teilweise noch nicht das Gleiche zu wie zum Beispiel bei Konsolenspielen. Wir wollen aber auf alle Fälle mehr in den Bereich der Echtzeit-3D vordringen.« Als größten Trend sieht Birgit Roth vom G.A.M.E.-Bundesverband aktuell den Wechsel weg von Konsolen hin zu Onlinern. »Wir gehen von offline zu online. Das hat den unschlagbaren Vorteil, dass der Nutzer kostenlos etliche Spiele durchprobieren und sich für sein liebstes entscheiden kann«, sagt sie. »Danach beginnt das Virtual Item Selling – die Spiele kosten natürlich nach wie vor nichts, aber wenn es dann das schönere Kleid oder schärfere Schwert sein soll, kauft der Nutzer.« Achim Quinke benennt diesen Trend mit ›Free-to-play‹. »Wenn ich Spielvorteile erwerben möchte, kann ich mein Spielgeldkonto mit realem Geld aufladen«, erklärt er. »Damit monetarisieren die Anbieter von Onlinespielen sehr erfolgreich.« Der Mehrwert für den Nutzer bedinge aber nicht, dass Offline-Spiele aussterben. »Das ist das Gleiche wie mit der Zeitung. Vor 15 Jahren hat man prophezeit, dass sie wegen der Onlinekonkurrenz aussterben werde. So ist es nicht. Es gibt einfach andere Verteilungsverhältnisse«, ist Roth sicher. Ein weiterer Trend geht für sie Hand in Hand mit der immer höheren Anzahl an Nutzern mobiler Endgeräte. »Stellen Sie sich vor, Sie stehen an der Bushaltestelle und müssen noch zehn Minuten warten – natürlich spielen Sie dann die kleinen, kurzen Kisten, social und casual games.«

Die großen Ressourcen einer Konsole stehen unterwegs selbstverständlich nicht bereit: »Die Bildschirme sind kleiner und wenn das Spiel mit Riesenwelten aufwartet, kann man das gar nicht mehr darstellen.« Dies erfordere freilich ein Umdenken der Spielemacher und eine andere technische Umsetzung. »Diese Spiele müssen viel kurzweiliger sein und vor allem der Spieleinstieg muss viel einfacher gelingen«, ergänzt Quinke. »Der Nutzer will sich nicht erst lange Tutorials reinziehen, sondern auf Knopfdruck und ohne großartige Installation loslegen.«Der typische Nutzer besagter Social Games ist übrigens weiblich und über 30 Jahre. Ein heutiger Gamer ist also nicht mehr einer, der in den Keller geht und später merkt, dass es Winter geworden ist, wie Professorin Klinker es formuliert, sondern ein Querschnitt der gesamten Gesellschaft. In der Entwicklung von Computerspielen dominieren aber nach wie vor Männer. »In der Entwicklung sitzen bei uns für die Programmierung nur Männer«, beschreibt Claudia Stricker das Geschlechterverhältnis bei playzo, wo momentan noch viele weitere Entwickler gesucht werden – explizit männlich und weiblich. Die Heterogenität ihrer Bewerber ist auch Klinker von der TU München sehr wichtig. »Wir hätten gerne ein sehr heterogenes Publikum«, sagt sie. »In der heutigen Zeit ändert sich die Demografie der Spieler sehr, also gestalten sich die einzelnen Games auch sehr unterschiedlich. Dazu braucht’s Menschen jeglicher Facetten und jeder wird hier seine spezielle Ecke finden.«

Was sollte man mitbringen, um in der Gamesbranche durchzustarten?

Trotz vieler spezieller Nischen stellt sich an jeden Mitarbeiter der Gamesbranche eine eigentlich schon selbstverständliche Anforderung: »Er muss sehr gut im Englischen sein, weil die Teams alle international ausgerichtet sind«, betont Achim Quinke. Die Gamesbranche in Deutschland hinkt im internationalen Vergleich zwar immer noch ein wenig hinterher. »Wir waren in den vergangenen Jahren kein Entwicklerland«, berichtet er. »Die Branche hat sich allerdings in den vergangenen Jahren rasant verändert.«

Der Onlinegame-Entwickler Bigpoint beispielsweise hat in den vergangen fünf Jahren 500 neue Mitarbeiter rekrutiert und ein Büro in San Francisco eröffnet. »Der Markt ist unglaublich international«, sagt Birgit Roth. Und das bezieht sich nicht nur auf die verschiedenen Standorte der Entwickler. Fast alle großen Online-Unternehmen produzieren ihre Spiele für den internationalen Markt. Bigpoint bietet seine Browsergames mittlerweile in 35 Sprachen an. Beim bloßen Übersetzen der Spiele für verschiedene Märkte bleibt es aber wahrlich nicht. Die ›Localisation‹ schwebt über jeder Übertragung in eine andere Sprache. »Das heißt, wir können in Deutschland nicht das gleiche Game anbieten wie in der Türkei oder in den USA. Die Geschmäcker und Kulturen sind unterschiedlich«, hebt Roth hervor. Als Beispiel nennt sie Indien: »Nehmen wir ein Spiel, in dem der User Kühe abschießen muss. Damit hätten wir dort echt ein politisches Problem.«

Die Übersetzer eines Spiels sollten also unbedingt immer Muttersprachler sein, fordert sie, und am besten auch aus der Gamesbranche kommen, um den gewissen ›Gamer-Sprech‹ zu beherrschen. Dessen sollte nicht nur ein Übersetzer mächtig sein, sondern jeder Mitarbeiter der Branche. Viele Fähigkeiten lerne man sich aber während der täglichen Arbeit an, sagt Roth. »Manche Sachen gibt es noch gar nicht als Ausbildung wie zum Beispiel Storytelling oder Leveldesign. Insofern greift in der Gamesbranche viel Learning by Doing.« Deutsche Hochschulen sind wie gesagt längst in diesen ›explosiven‹ Bereich eingestiegen. Neben dem Studiengang ›Informatik: Games Engineering‹ der TU München verleiht zum Beispiel die Hochschule für angewandtes Wissen in Hamburg einen Master in ›Games‹, das Cologne Game Lab der FH Köln einen solchen für ›Game Development and Research‹, die Mediadesign Hochschule einen in ›Gamedesign‹.

Absolventen solcher Studiengänge sind wahre Allrounder: »Wer gelernt hat, in Netzwerken zu arbeiten, Datenbanken zu nutzen und Software zu bauen, kann später auch in der Medizin arbeiten, dem Finanzwesen oder bei Automobilbauern«, ist Gudrun Klinker überzeugt. »Die Simulation von großen Modellen, wie bei Spielen üblich, werden zum Beispiel auch in Crashtests genutzt.« Informatiker mit diesen Kenntnissen haben also rares und stark umworbenes Potenzial. Der Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware geht von aktuell 1.000 offenen Stellen in Deutschland aus. Warum nicht in der expandierenden Gamesbranche Fuß fassen? Hier sind Internationalität, Kreativität und Innovation an der Tagesordnung – und nicht nur Schafe, Hühner und Salatköpfe!


Anzeige

Anzeige