Trends in der Spieleentwicklung

Früher eroberten ›Space Invaders‹ noch große Automaten, heute bringen Entwickler Spiele aufs Tablet und aufs Smartphone.

Pacman Geister auf Wand

Nicht erst seit Apples iPhone gilt: Mobiltelefone sind schick – und so vielseitig! Man kann mit ihnen sein Essen fotografieren oder vor Freunden angeben, ja, man kann sie sogar werfen! Über 100 Meter weit, wie der Finne Ere Karjalainen in einer sportlichen Meisterleistung unter Beweis stellte. Auf weltrekordige 101,46 Meter schleuderte der heute 19-Jährige in der Augusthitze des Jahres 2012 sein wie für nichts anderes als das geschaffenes Nokia-Handy, nicht irgendwo, sondern bei der alljährlich ausgetragenen Handyweitwurf-Weltmeisterschaft in Savonlinna natürlich.

Doch auch ohne exzellente Flugeigenschaften kann ein Handy gute Unterhaltung bieten

Mit Spielen. Ältere Semester erinnern sich vielleicht noch nostalgisch an ›Snake‹, das Spiel, mit dem Schüler noch vor einigen Jahren ihre Unterrichtsstunden und Studis ihre Vorlesungen verdaddelten. Heutige Spiele freilich sind ein wenig ausgereifter, komplexer und auch grafisch anspruchsvoller. Zu verdanken ist dies den vielen kreativen Entwicklern, die genau für mobile Endgeräte neue Spiele entwerfen. Axel Meyer ist einer von ihnen. Der 30-Jährige hat im Januar 2011 das Diplomstudium der ›Informationstechnologie und Gestaltung international‹ an der FH Lübeck erfolgreich abgeschlossen. Gerade das Zusammenspiel von Informationstechnologie und Grafikdesign habe ihn an seinem Studiengang gefallen, sagt er, und beides spielt auch für seinen heutigen Beruf eine Rolle. Denn Meyer ist Mobile Developer bei Goodgame Studios, einem ehemaligen Start-Up, das sich auf die Entwicklung von Online-Spielen spezialisiert hat und seit 2009 auf rund 500 Mitarbeiter gewachsen ist. Für die Ausgabe auf Smartphones arbeitet Meyer an ›Empire: Four Kingdoms‹, einem Strategiespiel, in dem es grob geschrieben um den Aufbau eines mittelalterlichen Reiches geht. Das Spiel, sagt Meyer, kannte er schon vorher, Goodgames näher kennen lernte er, als ihn das Unternehmen über Xing anschrieb und er sich daraufhin für seine Bewerbung eingehender mit dem immer noch recht jungen Spieleentwickler auseinandersetzte.

Der beschäftigt ein internationales Team, als dessen eines Mitglied Meyer grundsätzlich für die Programmierung von Empire zuständig ist. Und die hat es durchaus in sich. Es spielt verständlicherweise eine große Rolle, ob jemand ein Spiel für PC oder Konsole entwirft oder nicht. Die Unterschiede zum Smartphone sind groß und die wichtigsten, so Meyer, »liegen sicher im Interface und damit auch in der Benutzung. Es wird eben statt einer Maus der Finger benutzt, so dass zum Beispiel keine RollOver-Events wie Tooltips angezeigt werden können.« Es gilt, den beim Spiel erzeugten Datenverkehr im Auge zu behalten, den Energieverbrauch und die Performance auf einem Gerät, das in aller Regel weder über die Rechenleistung geschweige denn den Monitor eines stationären PCs verfügt. So weit die Unterschiede bei seiner Arbeit als Programmierer, Meyer interessiert sich aber auch für Usability und kognitives Design, weshalb er auch in ständigem Austausch mit Grafikern und Game Designern steht.

Mit Game Designern, wie Knut Brockmann einer ist. Nur dass Brockmann bei Gameforge Mobile angestellt ist, wo er als Lead Game Designer arbeitet. Als Quereinsteiger wohlgemerkt, denn ein Studium der Neueren Deutschen Literatur und Medien weist ihn nicht gerade als IT-Crack aus. Sofern dies überhaupt als Defizit bezeichnet werden kann, gleicht er es durch seine Begeisterung fürs Spiel locker aus. »Angefangen habe ich schon sehr früh, als der PC nur vier Farben beherrschte und die meisten von uns am C64 einen Joystick nach dem anderen zerstörten«, blickt er zurück auf gerundete drei Jahrzehnte Gamer-Erfahrung. »Spannend dabei: Mein damaliges Lieblingsspiel Pirates begleitet mich noch heute auf meinem Tablet.« Als Game Designer will er freilich nicht nur in guten alten Zeiten schwelgen, er will etwas Neues entwickeln. Sein Metier ist weniger die Programmierung, er betreut ein Spiel »von der Idee über das detailliert ausgearbeitete Design bis nach der Umsetzung«, was neben dem kreativen Part des Designs der Spielsysteme auch beinhalte, die richtige Spielbalance zu finden, zu dokumentieren und zu formalisieren. Geschichtenerzähler sei man da, sagt Brockmann, jemand, der über mögliche neue Features grübele oder Ideen mit seinen Kollegen diskutiere. Außerdem muss der Absolvent der Uni Marburg nach Testphasen das Spielverhalten der Gamer auswerten und so das Spieldesign optimieren. Denn nur, soviel Binsenweisheit sei erlaubt, ein gut spielbares Spiel, eines also, das Gamer fesselt und nicht zur Verzweiflung bringt, wird auch ein erfolgreiches Spiel sein. Am Spielverhalten macht Brockmann im Übrigen einen weiteren großen Unterschied zwischen mobilen Endgeräten und PCs und Konsolen aus. Die Spiele auf einem Smartphone werden eher unterwegs oder in kleinen Pausen gespielt. In U-Bahn, Zug oder Bus zum Beispiel. Heißt: »Du spielst so ein Spiel also in kleineren Sessions, dafür kehrst du häufiger zurück«, sagt Brockmann, »dazu müssen die Spiele quasi sofort funktionieren, klarer aufgebaut sein und doch Spieltiefe erlauben.« Diese Restriktionen seien kein Ärgernis, sondern »aus Design-Sicht enorm spannend«. Zudem sei das Tempo, in dem ein Mobile-Titel fertiggestellt würde, »viel, viel höher«.

Für Hanno Trennt ergibt sich eine letzte Differenz schließlich aus der schier enormen Verbreitung von mobilen Endgeräten. Der 29-Jährige schreibt derzeit an seiner Masterarbeit im Studiengang ›Zeitabhängige Medien/Sound - Vision - Games‹ an der HAW Hamburg – über ein Projekt, das er als Junior Game Designer bei Fishlabs Entertainment bearbeitet. Fishlabs ist ein Entwickler für Mobile Games, der mit Spielen wie dem Open-Space-Shooter ›Galaxy on Fire 2‹ oder der Rennsimulation ›Sports Car Challenge‹ Erfolge gefeiert hat. Für ihn entwickelt Trennt als einer von zwei beteiligten Game Designern ein Multiplayerspiel, wobei er das Spiel so gestalten will, dass es den Anforderungen einer potenziell riesigen Zielgruppe entspricht. Die Nutzer tragen ihre Smartphones und Tablets beinahe durchgehend bei sich, sind »somit immer nur einen Klick von der nächsten Spielsession entfernt«. Als Game Designer habe er dieses Spezifikum zu berücksichtigen und müsse »ein Spielerlebnis schaffen, das dem User zu jeder Zeit einen Mehrwert bietet«. Egal, wo und für wie lange er in die Spielwelt eintauche. Um das zu können, brauche ein Spieleentwickler Game-Design-Kenntnisse, Kreativität, Teamfähigkeit, visuelle Vorstellungskraft und am überhaupt wichtigsten: eigene Begeisterung fürs Spiel!


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