Game-Controller auf Holztisch
Unsplash / Quelle: pixabay.com unter CC0 Public Domain

Verspielte Informatik

Game Developer müssen in erster Linie Theorie beherrschen - Spielkinder sind andere

 

Sie erschaffen Welten. Ganze Zukunftsszenarien. Schreiben die Geschichte noch einmal neu, so wie ihnen das gefällt. Dabei sind sie nicht die Impulsgeber, sondern sie arbeiten sich ab an Algorithmen, Zahlen, Programmiersprachen.

Pioniere der deutschen Spielebranche

Grundsätzlich gilt, »während Programmierer ihr Theoriewissen aus der Informatik und Mathematik beziehen, sind es bei den Gamedesignern eher die Geisteswissenschaften und die Psychologie«, erklärt Andrej Maibaum, Director of Human Resources von Ubisoft BlueByte am Standort Mainz. Zwar gibt es mittlerweile spezielle Games-Studiengänge, eine sichere Nummer sind die aufgrund des Namens allerdings noch nicht. So warnt Maibaum: »Hier gilt es zu beachten, dass das Studium keine reine Allrounder-Ausbildung sein sollte. Nach der Einführungsphase, die idealerweise aus Gamedesign, etwas Grafik, etwas Programmierung und zur Abrundung noch Projektmanagement besteht, sollte ausreichend Zeit für eine Spezialisierung und mehrere Projektarbeiten sein.«

Einerseits braucht es tiefgreifende Fachkenntnisse im entsprechenden Arbeitsbereich, andererseits sind auch Soft Skills und fachübergreifendes Denken gefragt. Die Fähigkeit zur Teamkommunikation entscheidend. »Jedes Game wird in der Regel von einem interdisziplinär tätigen Team entwickelt«, unterstreicht Andrej Maibaum.

»Hierzu zählen: Projektleiter und Gamedesigner, die das Spielprinzip festlegen, Programmierer, Artists, Spieletester, und weiter im Hintergrund natürlich auch viele andere Mitarbeiter, zum Beispiel Mitarbeiter im Marketing.«

Dass auch und gerade der Games-Bereich stets neuen technischen Innovationen gegenübersteht, erklärt sich von selbst. Für Entwickler heißt das: »Im PC-Spielemarkt müssen Entwickler ein feines Gespür dafür haben, technische Innovation und Hardwareanforderungen miteinander in Einklang zu bringen«, so Andrej Maibaum. Fans mit dem neuesten Turborechner soll ein besonderes Erlebnis geboten werden – ohne dabei Nutzer mit älteren Computern komplett abzuhängen.

Beim Bewerber ist das Portfolio ausschlaggebend, weiß der Personalleiter von Ubisoft Blue Byte:

»An welchen Produktionen war er beteiligt? Ist der Bewerber eher als Junior oder Senior einzuordnen? Wie schneidet der Bewerber im Assessment ab? Passt er auch menschlich ins Teamgefüge?«

Auch in Deutschland sind Studios sehr international besetzt. Im deutschen Ubisoft Blue Byte Studio finden sich Entwickler aus über 30 Ländern.

›Free-to-play‹-Spezialisten

»Die Branche entwickelt sich rasant«, sagt David Erhard, Producer bei Envision Entertainment.

»Es ist gerade deshalb wichtig, die Talente eines Entwicklers zu erkennen und zu fördern. In einem Alltag, der sehr projektbezogen und schnelllebig ist, kann es auch passieren, dass sich Know-how verliert«.

Dabei ist es eben mit dem Wissen um die fachgerechte Bedienung eines Joysticks nicht getan. David Erhard macht klar:

»Spieleentwicklung und Game Design sind enorm theoretisch. Design-Konzepte erfordern sehr viel mathematische Kentnisse, Algorithmen und Datenstrukturen. Die Komplexitätstheorie ist das Mindeste, das jeder Informatiker mitbringen sollte.«

Deshalb denkt auch Erhard, dass das klassische Informatikstudium nach wie vor ein guter Weg zum Software-Engineer in der Spielentwicklung ist.

Eine Begeisterung für Games ist dennoch nicht zu unterschätzen. »Es sind sicher schon viele in der Branche gelandet und erfolgreich geworden, ohne einen Spielerhintergrund oder eine riesen Leidenschaft für das Thema Games zu haben. Das ist keinesfalls zwingend erforderlich«, räumt der Fachmann von Envision Entertainment ein.

»Ich denke jedoch, das es gerade beim Einstieg eine große Hilfe sein kann, wenn der Entwickler sich auch privat mit dem Thema beschäftigt und gerne mal eine Runde zockt. Das hilft dabei, Schlüsse zu ziehen und Zusammenhänge besser zu verstehen.«


So erklärt David Erhard auch die Vorteile von Online-Games:

»Der Reiz ist die Möglichkeit, die Spiele fortan weiter zu betreuen und weiterzuentwickeln. Die heutige Nähe zum Spieler über unterschiedlichste Kanäle gibt den Entwicklern gute Einsicht und Feedback über die Qualität des Spiels.«

Rückmeldung gibt es zum Beispiel über Chats, Foren, ›Let´s Plays‹. Bei letzterem handelt es sich um kommentierte Videos von privaten Spielesessions. Mit Hilfe dieser direkten Bewertung ihrer Arbeit können Entwickler unmittelbar erfahren, was sich die Spieler wünschen. Und direkt darauf eingehen. Vorteile liegen also vor allem im Support, wie Erhard zusammenfasst: »Onlinegames sind heute vielmehr eine Art fortlaufender Service.«

Informatik-Professor für Spieleprogrammierung

Für den hitgetriebenen Spielemarkt nennt Prof. Dr. Christoph Lürig, Professor mit dem Schwerpunkt Spieleprogrammierung an der Hochschule Trier, ein paar Eckdaten:

»Sehr wenige Spiele machen den größten Anteil des Umsatzes im Markt aus.«

Diese Spiele wurden meistens mit einem umfangreichen Budget eines großen Studios ausgestattet. Top oder Flop entscheidet sich recht schnell: »Der meiste Umsatz wird kurz nach dem Launch gemacht. Als Faustregel gilt, dass 80 Prozent der Einnahmen in den ersten sechs Wochen erzielt werden. Dies ist aber keine neue Entwicklung der letzten Jahre.«

Für weniger aufwendige Spiele, sogenannte Casual-Games, wie Candy Crush liegt die Schwierigkeit aus Entwicklerperspektive laut Prof. Dr. Lürig wiederum darin, dass der Erfolg extrem schwer vorhersehbar ist. Er weist auch darauf hin, dass nicht jeder Student, der sich für Game-Development interessiert, am Ende auch Spieleentwickler wird oder auf Dauer einer bleibt:

»Die Hälfte aller Spieleentwickler hört innerhalb der ersten fünf Jahre auf und geht einem anderen Job nach. Daher sollten Game-Interessierte bei ihrer Studiengangswahl auch beachten inwieweit ein Plan B damit möglich ist. Günstig sind daher gestalterische oder informatisch orientierte Studiengänge mit einer Schwerpunktbildung im Bezug auf Spiele.«

Eingestellt wird der Einzelne für eine der Spezialdisziplinen, darunter die beiden Schwerpunkte Game Programming und Game Art. »Wesentlich ist, dass der Bewerber in diesem Bereich eine kritische Masse an Wissen mitbringt«, unterstreicht Christoph Lürig.

Auch er warnt davor, die Theorie zu unterschätzen:

»Etliche Aspekte der Spieleprogrammierung enthalten viel Theorie. Man denke etwa an die Funktionsweise von Computergraphik oder Physikengines. Die erklärenden mathematischen Grundlagen werden auch in diesem Studiengang behandelt. In meiner Industriezeit habe ich auch bei Ubisoft und EA in Kanada gesehen, dass in Jobinterviews nach diesem Verständnis gefragt wird.«

Für Engine-Programmierung ist nur eine analytische Betrachtungsweise notwendig. »Das normale Freizeitzocken ist weniger hilfreich«, stellt Lürig klar. »Wichtig ist in meinen Augen auch der Einblick in Nicht-Computerspiele wie Brett- oder Rollenspiele.«

Auf die Frage, welches Computerspiel ein Spielemuffel unbedingt einmal antesten sollte, antwortet er so auch mit einer Gegenfrage:

»Welche Spiele wie Topfschlagen oder Fangen haben Sie als Kind gerne gespielt? Viele Computerspiele sind Aufgüsse dieser Mechaniken in neuem Gewand.«


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