Kopf vor It-System

Karriereperspektive: IT und Maschinenbau

Zwei, die ohne einander nicht mehr können und einer großen Zukunft entgegen- sehen: IT und Maschinenbau. Deine Einstiegschancen in diesem Bereich haben wir genau unter die Lupe genommen.

Was ist schon männlich?

Dreitage-Bärte, muskulöse Oberarme oder grenzenloser Mut? Gernot Wentker führt die Liste weiter und ergänzt: »Maschinenbau.« Der 32-jährige Business-Process-Consultant in der IT erklärt, dass es ihm im Job wichtig ist, sich mit dem Produkt identifizieren zu können: »Mit einer Tätigkeit in der Kosmetikbranche wäre mir das wohl weniger leicht gefallen.« Seit September 2011 arbeitet Wentker, der in Reutlingen Wirtschaftsinformatik studiert hat, bei Tognum als Trainee. Er hat sich bewusst für das Unternehmen, das komplette Antriebs- und Energiesysteme anbietet, entschieden. »Das Traineeprogramm hier umfasst drei Phasen zu je sechs Monaten, einschließlich eines sechsmonatigen Auslandsaufenthalts. Kürzere Einsätze bieten wenig Gelegenheit, wirklich involviert zu werden und sich produktiv einzubringen.« Im Moment ist er im IT-Bereich ›After Sales‹ tätig, den er auch nach Abschluss seines Traineeprogramms betreuen wird. 

Konkret beschäftigt er sich hier mit der Analyse und Verbesserung von Geschäftsprozessen

»In Zusammenarbeit mit dem Fachbereich suche ich nach Lösungen, um die vorhandenen Software-Produkte effektiver einzusetzen oder die Geschäftsabläufe durch den Einsatz neuer Techniken zu optimieren. Ich benötige zwar kein Detailwissen von der Funktionsweise eines Motors, aber schaden tut es auch nicht.« Bei seinem aktuellen Projekt arbeitet er an einem Leitstand für aufgearbeitete Motoren. »Wenn ein Kunde in den USA einen Motor überarbeiten lassen möchte, vereinbart er dies mit einer unserer Zweigstellen. Im ›After Sales‹ wird nicht nur überprüft, ob der Motor den Kundenwünschen entsprechend aufgewertet werden kann, sondern auch von welchem zu Tognum gehörenden Reman-Center. Diese Koordination erfolgt momentan großteils noch ›händisch‹ mittels Telefon und Excel-Dateien. Eine sichere Kapazitätsplanung lässt sich hier nur schwer erstellen.« Um einen schnelleren und auch weniger fehleranfälligen Arbeitsablauf zu kreieren, leitet Wentker ein Projekt zur Erstellung einer an die von Tognum verwendete ERP-Software angebundenen Anwendung. Mit dem Projekt soll über alle Produktionsstandorte hinweg eine bessere Kapazitätsplanung und somit eine optimale Zusammenarbeit ermöglicht werden.

Hiermit gehört Gernot Wentker zu einer wachsenden Gruppe, die die Sparten Maschinenbau und IT zusammenbringen muss, denn Maschinenbau ohne IT ist nicht mehr möglich. Das bestätigt auch Claus Oetter. Der Diplom-Ingenieur und stellvertretende Geschäftsführer des Fachverbands Software beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) ist sich zwar sicher, dass der Anteil der Informatiker den der Maschinenbauer nicht übersteigen wird, aber dennoch beträchtlich anwächst.

»Vor allem in der Entwicklung der Funktionalitäten ist ein deutlicher Anstieg der Informatiker zu sehen – es müssten sogar noch mehr sein, denn der Bedarf an qualifizierten ITler kann nicht gedeckt werden.«

Dabei ist dieser Bereich viel spannender als andere. Schließlich bewegen Informatiker hier etwas. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Ohne Software fährt mittlerweile kein Fahrzeug mehr

Der Maschinen- und Anlagenbau braucht eine »industrialisierte IT« in allen Bereichen:

»Cloud- und große Datenbankanwendungen, mobiles Arbeiten mit neuen Bedienphilosophien, Apps-Programmierung für die Maschine sowie für die Wartung«, zählt Oetter die Aufgabengebiete der Informatiker auf. Doch mit der reinen Programmierung ist es nicht getan.

Denn was nützt eine Anwendung, wenn sich diese mit Funktional­­ität und Bedienerkonformität nicht vereinbaren lässt? »Der Informatiker muss immer die User-Perspektive im Auge haben, um somit die beste Lösung für den Kunden schaffen zu können – und nicht die technisch ausgefeilteste«, betont der stellvertretende Geschäftsführer und fügt hinzu, dass es große Integrationsaufgaben innerhalb alter und neuer Systeme geben wird. Mit steigendem IT-Anteil erhöht sich gleichzeitig auch die Konzentration auf Fehlervermeidung. Deshalb müssen ITler im Maschinenbau den Fokus vor allem hierauf legen. Ebenso wichtig ist es, gute Testverfahren zu entwickeln, um einen plötzlichen Stillstand der Maschine zu vermeiden. 

Ohne ITler läuft hier nichts. Doch nicht irgendwelche. Kompromissbereit sollen sie sein, offen für Vorschläge außerhalb des Tellerrands und in der Lage, anderen zuhören zu können.

»Die Projekte sind sehr interdisziplinär, daher brauchen die Informatiker einen unbedingten Teamgedanken, um gemeinsam die beste Lösung finden zu können – sei es mechanisch, elektrisch oder auf der Software-Ebene. Wir erwarten kein ingenieurwissenschaftliches Zusatzstudium, aber schmalspuriges Denken eignet sich nicht für eine Tätigkeit im Maschinen- und Anlagenbau«, erklärt Diplom-Ingenieur Oetter.

Seit dem Jahr 2008 ist der Software-, Elektrotechnik- und IT-Anteil um 25 Prozent gestiegen. Das heißt, dass vor allem auch die Hochschulen reagieren müssen, damit die Studenten den Anschluss nicht verpassen. Ein guter Anfang wäre eine ›Entmüllung‹ der Studiengänge hin zu einer interdisziplinären Zusammenarbeit. Oetter weist darauf hin, dass viele Unis Elektrotechnik, Maschinenbau und Informatik anbieten. Diese müssten lediglich zusammengeführt werden, um es mit der kommenden Realität aufnehmen zu können. Dass sich dies über Jahre ziehen kann, ist dem 49-Jährigen bewusst. Um den Anschluss nicht zu verpasssen, müssen auch die Unternehmen ran und bereits früh Kontakte zu qualifizierten Studenten und Mitarbeitern in spe knüpfen. Das sieht auch Oetter so:

»Man hat sonst keinerlei Chance.« 


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