Mann hängt Kopfüber über Toilette

IT-Jobs im Öffentlichen Dienst

Der öffentliche Dienst hat nicht gerade das coolste Image – vor allem nicht für Informatiker. Klischee oder Wahrheit?

Öffentlicher Dienst Chancen

Eine berühmte Karikatur aus den 1970er Jahren zeigte eine gefakte Stellenanzeige mit dem Logo der BRD-Kultusminister:

»Öffentlicher Dienst stellt ein: Schleimer, Duckmäuser, Schnüffler, Kriecher!«

So ganz hat die Verwaltung von Staat, Ländern und Kommunen dieses Image bei Berufseinsteigern nicht abgelegt: Das Gros der IT-Fachkräfte zieht einen Job in der freien Wirtschaft vor. Coolere Arbeitgeber, höhere Gehälter. Bei einer Umfrage des Instituts für Informatik in Oldenburg (OFFIS) landete der öffentliche Dienst bei der Auskunft nach den attraktivsten Arbeitgebern für IT-Studierende zuletzt abgeschlagen hinter Softwareunternehmen, Autoherstellern und Zulieferern im unteren Drittel.

Doch die Zeiten ändern sich. Zwei Trends bewirken derzeit, dass auch der öffentliche Dienst als Arbeitgeber für ITler immer interessanter wird: Die Eurokrise und die Generation Y. Wirtschaftliche Instabilität sorgt für Unsicherheit, Berufseinsteiger sehnen sich umso mehr nach guten Arbeitsbedingungen, Flexibilität, Telearbeit und Familienfreundlichkeit. Nach einer Umfrage des Stellenportals stepstone können sich mittlerweile drei Viertel des Fach- und Führungsnachwuchses in der IT-Branche eine Karriere im öffentlichen Dienst vorstellen.

Öffentlicher Dienst IT Stellen

Konstant hoher Bedarf an IT-Fachkräften

»Der Bedarf an IT-Fachkräften für den öffentlichen Dienst ist und bleibt konstant hoch aus unserer Sicht. Wir erwarten sogar eine Zunahme in den kommenden Jahren, da mit einer recht hohen Ausscheidungsquote durch Verrentung älterer Mitarbeiter zu rechnen ist«, weiß Carlos Frischmuth, beim Personaldienstleister Hays verantwortlich für Kunden aus dem Behördenumfeld. »Der öffentliche Dienst ist damit aus unserer Sicht weiterhin ein sehr attraktiver Arbeitgeber, gerade auch für Absolventen.«

Die Bezahlung sei im Vergleich zur Privatwirtschaft zwar deutlich geringer, gerade in der langfristigen Entwicklung. »Aber die Unterschiede sind gerade zum Berufseinstieg nicht immer so immens – insofern sollte der Absolvent, der viel Wert auf Kontinuität und Sicherheit legt, einen genauen Blick auf den öffentlichen Dienst richten«, rät Hays-Experte Frischmuth.

Zugleich wirkt sich die Prägung der Generation Y auf das Berufsfeld aus: Weil die heute unter 30-Jährigen großen Wert auf die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben legen, liebäugeln sie immer heftiger mit den sicheren und strikt geregelten Jobs im öffentlichen Dienst. Außerdem legen sie vor allem Wert auf individuelle Entwicklungsmöglichkeiten, fordern zum Beispiel Weiterbildungsmöglichkeiten vom Arbeitgeber und setzen damit die bislang eher unbeweglichen Behörden unter Druck. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat in einer aktuellen Studie festgestellt, dass die unter 30-Jährigen in den 1980er Jahren im Schnitt 814 Tage bei einem Unternehmen blieben. Inzwischen ist die Zahl bei der Generation Y auf 536 Tage geschrumpft. Der öffentliche Dienst muss dem IT-Nachwuchs also einiges bieten.

Informatiker Öffentlicher Dienst Gehalt

Gehaltsunterschiede zur freien Wirtschaft vorhanden

Etwas bieten muss er auch aus einem anderen Grund: Die Verwaltung hat massive Personalprobleme (siehe Kasten), weshalb erwartet wird, dass dort in Zukunft flexiblere Arbeitszeitmodelle und höhere Gehälter möglich werden.

»Es brennt. Wir brauchen eine Personaloffensive, um junge Menschen für den öffentlichen Dienst zu begeistern, insbesondere auch im Bereich Informationstechnologie«, sagt Klaus Dauderstädt, Bundesvorsitzender des dbb beamtenbund und tarifunion. »Wenn ein privater Arbeitgeber merkt, dass er den begehrten IT-Fachmann nicht bekommt, legt er noch einen Tausender drauf. Das können Kommunen, Sozialversicherung oder das Finanzamt derzeit nicht.«

Wie stark das Berufsfeld wächst, zeigt die Mutter aller öffentlichen Verwaltungen, das Bundesministerium des Innern (BMI) mit seinen 15 nachgeordneten Behörden. Hier ist der Bedarf an Fachkräften besonders groß, IT gilt dort intern als stärkster Wachstumsmarkt. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der IT-Profis dort um 25 Prozent gewachsen – Tendenz steigend.

Informatiker Öffentlicher Dienst

Doch was erwartet aufstrebende ITler eigentlich im öffentlichen Dienst?

Was gibt es dort zu tun? »Der öffentliche Dienst sorgt für die grundlegenden Funktionalitäten unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens«, lautet eine akademisch angehauchte Eigendefinition. Konkret geht es zum Beispiel um unsere Energieversorgung, den Gesundheitssektor, nicht private Verbände, öffentliche Banken und Versicherungen oder auch die klassischen Bürgerbüros, die unsere direkte Anlaufstelle für die täglichen Belange bilden. Rund 4,6 Millionen Mitarbeiter der verschiedensten Berufsgruppen, von der Sachbearbeiterin über den Richter, die Lehrerin, den Offizier bis zum Physiker, kümmern sich um diese öffentlichen Aufgaben. Dabei spielt IT eine immer größere Rolle, da Controlling und Digitalisierung weiter voranschreiten. »Grundsätzlich versucht der öffentliche Sektor seit Jahrzehnten, den Personalanteil zurückzufahren, um Kosten zu reduzieren«, analysiert Hays-Experte Carlos Frischmuth. »Das geht nur durch mehr Effizienz, welche meist durch bessere Verfahren und vor allem durch Automatisierung und eine durchgehende Kette von elektronischer Datenverarbeitung erreicht werden kann.« Sein Fazit: »Dieser Trend hält weiter an, elektronische Bürgerdienste, eAkten oder eGovernment sind weiter auf dem Vormarsch. Dafür braucht der öffentliche Dienst gute IT-Experten.«

Öffentlicher Dienst Zukunft

Öffentlicher Dienst orientiert sich gen Zukunft

Entgegen seines Images hat der öffentliche Dienst in den vergangenen Jahren viel getan, um nicht mehr als miefiges Kriecher-Nest dazustehen. Paradebeispiel für die Zukunftsorientierung der Verwaltung ist die elektronische Steuererklärung: Im vergangenen Jahr wurden 16,1 Millionen Einkommensteuererklärungen online eingereicht. Das entspricht einem Anstieg um rund sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr. »Die elektronische Steuererklärung in Deutschland ist eine Erfolgsgeschichte. Das elfte Jahr in Folge ist die Zahl der online abgegebenen Einkommensteuererklärungen angestiegen«, sagt der Hauptgeschäftsführer des Digitalverbands Bitkom Bernhard Rohleder. »Ein Grund für das steigende Interesse sind die Anstrengungen der Finanzverwaltung, mit zusätzlichen Funktionen für mehr Komfort und Transparenz zu sorgen.«

Weitere Erfolgsbeispiele des öffentlichen Diensts sind der biometrische ›ePass‹, elektronische Dienstausweise und Gesundheitskarten, öffentliche E-Commerce-Plattformen oder Oberflächen für Formen des E-Government. Für alle Bereiche gilt: Im öffentlichen Dienst führen viele Wege nach oben. Dabei sind Beamte wie Tarifbeschäftigte generell nicht an ihren Fachbereich gebunden – beim Weiterkommen zählen die fachliche Expertise und die persönliche Leistung.

»Die Chance zum Aufstieg ergibt sich oft unbürokratisch zur kurzfristigen Überbrückung von Stellenvakanzen«, verspricht der Staat auf der offiziellen Stellenbörse Interamt.de, auf der allein für Computer-Profis Hunderte von Stellen ausgeschrieben sind. »Im öffentlichen Dienst hat man als IT-Fachkraft alle Möglichkeiten, sich zu entscheiden, ganz egal ob man technisch in die Tiefe gehen will oder lieber Projektarbeit machen möchte.«

Ob Schleimer und Duckmäuser gesucht werden, verrät das Stellenportal des öffentlichen Diensts allerdings nicht.


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